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Tagebuch Sôlerbens Licht

#1
Script 
Sôlerbens Licht


Sôlerbens Licht ist der wohl größte Hoffnungsschimmer in dieser Welt.

Seine ewig scheinende Sonne erhellt das Leben jedes Bewohners von Athalon, es spendet uns die lebensgebende Wärme und behütet jeden Tag unseres Lebens.

Dieses Licht ist in großer Gefahr. Dabei schützen wir Sôlaner doch Sôlerben und sein Licht. Und damit verteidigen wir die Welt und all seine Bewohner. Aber wir haben versagt oder vielmehr .. wir haben es nicht geschafft alle Gefahren an der rechten Stelle abzuwehren. Das größtmögliche Unglück, das den Sôlaner Orden je befallen konnte, hat uns ereilt.

Es ist ein nicht auszusprechender Schrecken. Eine Tragödie unbekannten Ausmaßes. Die Welt liegt in Trümmern. Und ich darf es niemandem sagen. Ich darf es weder aussprechen noch hier niederschreiben. Ich zittere sogar noch beim Schreiben dieser Worte.

Falls dieses Buch jemals gefunden werden sollte und der Finder sich als deyngläubiger Mensch betrachtet, so bitte ich dieses Werk nach Zandig, direkt in das Herzen des Sôlaner Ordens zu senden. Sodann bitte ich eine Abschrift anfertigen zu lassen und diese an den Sôlaner Orden auf Neu Corethon zu senden.

Mein geliebter Orden, Raphael, Jule, Friedrich, Karl, Anna, Leibecht, Habinger und natürlich auch Rhys. Sie verdienen es die Wahrheit zu erfahren. Und ohnehin kennen sie die wichtigsten Teile hieraus bereits.

So möge Sôlerben mich leiten und mein Schwert entgegen des Chaos der Dunkelheit führen.
Mikael möge mein Schild stärken und mich vor den Gefahren dieser Welt bewahren.
Katharina möge mir einen sicheren Heimathafen und Rast auf meiner Reise gewähren.

Deyns Antlitz ist einmal mehr bedroht und muss einmal mehr geschützt werden.

Darunter findet sich eine Zeichnung von Amélie, angeheftet an die zweite Seite des Tagebuchs.

[Bild: Q9lAm1k.jpg]


Wenn ihr auch eine derart gute Zeichnung eures Charakters erstellen lassen wollt, kann ich euch nur die gute sonarix ans Herz legen. Eine sehr freundliche und begabte Zeichnern. Ihre fiverr-Page findet ihr hier: https://www.fiverr.com/sonarix?source=gi...d80c310439

Amélies Charaktergeschichte

Kleines Vorwort: Diese Geschichte entstand Mitte 2017, bevor ich mit Amélie wieder ins Rollenspiel auf Neu Corethon eingestiegen bin. Aus heutiger Sicht finde ich manche Formulierungen echt schräg... Dennoch habe ich nur einige kleine inhaltliche Korrekturen vorgenommen, den Rest habe ich so belassen, wie er ursprünglich verfasst wurde.

Viznia, ein kleines Dorf im Herzen des seinerzeit unter Kontrolle des Sorridianischen Kaiserreichs stehenden Königreichs Patrien, auf halber Strecke zwischen den Königreichen Navor und Ninno. Heute liegt das Dorf im Zentrum des unabhängigen Patriens.

Seit Begründung des Dorfes vor ewigen Zeiten lebt es davon die vorbeifahrenden Händler zu verpflegen, ihre Pferde ruhen zu lassen und allen ein Dach über dem Kopf zu stellen. Außer drei Gasthäusern, einer großen Stallung, der Kirche und dem Schmied, gibt es im Umkreis nur einige Landgüter, die sich um die Bewirtschaftung des Ackerlandes kümmern. In dieser Gegend, in der nie viel passiert und niemals viel passieren wird, beginnt die Geschichte der Amélie da Broussard.

An einem äußerst kühlen Abend, als die letzten Becher gegeneinander geschwenkt worden sind und auch der letzte Biss vom Teller genommen wurde, war die Sonne bereits seit mehreren Stunden vom Himmel verschwunden. An die Stelle dieser brennenden und lodernden Quelle von Wärme und Schutz, trat der fast schon glänzend leuchtende Mond.

Die einsame Magd war gerade dabei die Teller von der Wirtsstube in die Küche am anderen Ende des Saales zu räumen, als die massive Holztür aufging. Beinahe erschreckt blickte sie, ein wenig empört, zur Tür und wollte gerade sagen, dass das Gasthaus längst geschlossen hatte. Doch da erkannte sie eine junge Frau, die offensichtlich hochschwanger war und einen strammen, jungen Burschen, der sie hielt und stütze.
"Ein Zimmer benötigen wir! Und jemanden, der hilft! Das Kind kommt!" rief der junge Mann, fast ein wenig hysterisch, während seine schwangere Begleiterin sich keuchend auf einem der alten Holzhocker niederließ.

Schon bald kam die Ehefrau des Gastwirtes mit einem ganzen Stapel weißer Tücher nach unten und wies die drei, einschließlich der Magd an, ihr zu folgen. Mit Müh und Not halfen beide der Schwangeren die Treppe hinauf und in das nächst bessere, leere Zimmer. Im wabernden Schein der Fackel wurde schnell deutlich, dass der Raum nicht aus mehr als einem Bett und einer schäbigen Holztruhe bestand. Die junge Dame konnte ohnehin kaum mehr wahrnehmen, als das, was sie vor sich sah.
Schnell wurde sie auf das Bett gelegt, die Hausdame gab einige wenige, aber sehr präzise Anweisungen und die anderen beide Personen im Hause spurten.
Das Kind kam. Fast schon routiniert führte die Dame alle notwendigen Handgriffen aus und zog das Kind aus dem Leib. Anschließend schlug sie ihm dann gegen den Rücken und legte es zur Mutter. Die blutigen Laken nahm sie mit hinaus, sie würden gleich am nächsten Morgen gewaschen werden. Die Unterkunft für diese Nacht gab sie den frischen Eltern frei, sie würden nichts bezahlen müssen. Dies war das Geschenk für einen neuen, gläubigen Bürger auf dieser einzigartigen, wunderbaren Welt.
Die Mutter flüsterte dem Kind nur ein Wort in dieser kühlen Nacht ins Ohr – "Amélie".

Als die Dame des Hauses am nächsten Morgen in das Zimmer gehen und die frische Mutter und ihr Kind mit einem Frühstück überraschen wollte, fand Sie nur ein leeres Zimmer vor. Die Mutter, der Vater und ihr neues Kind waren bereits in den frühesten Morgenstunden aufgebrochen und hatte nur eine kurze Notiz, auf ein kleines Stück Pergament gekritzelt:

"
Danke für das Zimmer und die Hilfe.
Wir stehen in Eurer Schuld.
Wir haben Sie "Amélie" genannt.
"

Der Karren, auf dem die nunmehr drei unterwegs waren, war beladen mit Ähren voll Korn, die in die nächste Stadt zur Wassermühle transportiert werden sollten. Die gewordenen Eltern konnten sich keine Unterkunft leisten, daher reisten sie immer zu zweit über die Straßen und flohen vor Angst der Kosten aus dem Zimmer. Woher hätten sie auch die Güte der Besitzerin erahnen können? Sie genossen ihr Vagabundenleben sogar so gut es ging und so weit ihre Einnahmen dies eben zuließen. Doch nachdem sie feststellten, dass sie schwanger waren, änderte sich einiges. Sie machten sich Sorgen. Sorgen darüber, ob man so ein Kind aufziehen könnte. Ob das Kind sich nicht Krankheiten einfangen würde. Ob das Kind eine ausreichende Bildung erhalten würde. Sie stellten viele Überlegungen an, wie sie ihrer Tochter ein bestmögliches Leben in ihrer miserablen Situation bieten könnten. Einen Ausweg fanden sich zunächst aber nicht und so nahmen sie das Kind einige Wochen  auf ihrem Eselskarren mit. Doch merkten sie schnell, dass das Kind viel Aufmerksamkeit, viel Liebe und viel Geld benötigte. Alles drei konnten sie während ihrer Reisen nicht bieten, so sehr sie es auch wollten und sich gewünscht hätten.

Die Tage verbrachte das Kind auf dem Arm der Mutter, die es sich auf der hinteren Ladefläche in einigen Decken bequem gemacht hatte, während der Vater den Wagen durch die Gegend lenkte. Das Kind wurde so gut, wie es die Situation eben zuließ, umsorgt. Hin und wieder schrie es äußerst laut, doch kümmerten sich die besorgten Eltern auch mit ihren letzten Münzen dafür, dass wenigstens das Kind satt wurde. Sie selbst verbrachten so einige Tage hungernd. In der Nacht verwandelte sich der hintere Teil des Karrens in die Schlaffläche der Familie, der Esel durfte währenddessen um den Wagen herum grasen. So vergingen einige Wochen, wenn nicht gar wenige Monate. Die Zeitrechnung beherrschten beide Eltern sowieso nicht, sie richteten sich nur nach der Höhe der Sonne.

Als sie auf einem dünnen Feldweg unterwegs in ein Dorf waren, um wenigstens ein wenig Nahrung auf dem langen Weg einzukaufen, kam ihnen ein Priester der heiligen sorridianischen Kirche entgegen. Ohne es mit seiner Gattin abzusprechen, hielt der Vater auf der Pritsche den Esel an und sprach den Geistlichen, ohne zu zögern, an.
"Verzeiht, dass ich eure störe. Aber ... unsere Tochter. Wir wissen nicht ... Wir können sie nicht ernähren. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.. Wir sind ... es geht nicht."
Seine Frau schaute ihn fast entsetzt an, einige Tränen liefen ihr in die Augen und vielen auf den Holzboden des Wagens. Doch der Geistliche schaute nur den Mann an, nickte  einmal auf und hob die Hand aus der Seitentasche seiner Kutte und deutet über ein Feld.
"In diese Richtung. Zwanzig Meilen. Sie nehmen die Kleine." Dann setzte er seinen Weg fort.
Es war erstaunlich, wie einfach seine Worte dem Priester fielen, aber es schien bei weitem nicht das erste Mal gewesen zu sein, dass er solch einen Rat an eine junge Familie gegeben hatte. Vielleicht sah er es auch als deutlich sinnvoller an, nicht weiter auf die Eltern einzureden, sondern diese den Weg ihres Kindes bestimmen zu lassen. Mit seinen kurzen, aber kräftigen Worten, ergab sich zumindest ein neuer Weg. Ein Ausweg aus der Problematik, die sich mit dem Kind ergeben hatte. Wohlmöglich wäre es für Eltern und Kind die beste Entscheidung.

Die beiden Eltern haderten schon eine ganze Weile damit, ob es nicht das Beste für das Kind sein würde, es in eine andere Obhut zu geben. Sie waren dem ganzen nicht gewachsen. Wussten nicht, wie es weitergehen sollten. Sie war unsicher, ob es das war, was sie wollte. Doch der Vater des Kindes war sich seiner Entscheidung mittlerweile fest bewusst, er wollte das Kind abgeben, gar loswerden. Also lenkte er seinen Esel über die offenen Felder und Wiesen, bis er schließlich zwanzig Meilen in die gewiesene Richtung gerollt war. Angekommen war er an einem steinernen Gemäuer, einem Nonnenkloster der Kirche. Mit einem kurzen Satz sprang er vom Wagen ab und bevor seine Frau auch nur irgendein Wort des Protestes, des Zweifels, loslassen konnte, hämmerte er sogleich gegen die große Tür aus Holz.

Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet, bis die Augen einer alten Nonne herausblickten. Diese besah den jungen Herrn zuerst von oben bis unten, bis sie ihm schließlich in die Augen schaute. Er haderte eine Weile, bevor er tief Luft holte und anschließend der Dame die Situation der drei Reisenden beibrachte, bis er zu seinem Anliegen kam. Er fragte die Dame direkt, ob sie das Kind aufnehmen würden. Sie nickte und verlangte zwei Dinge von der jungen Familie. Einmal musste ihr der Name des Kindes mitgeteilt werden: "Amélie da Broussard". Zweitens – die Familie musste sich absolut sicher sein, dass sie das Kind in die Obhut des Herrn geben wollten. Diese Entscheidung war unwiderruflich. Schließlich übergaben sie die Kleine damit einem Bettelorden, sie würde ihr Leben wohl von dort an als Nonne im Kloster fristen. Kein anderes Leben kennenlernen, als eines in dem sie dem Herrn dieser Welt, Deyn Cador, selbst dienen würde.

Er fragte seine werte Gattin nicht. Er entschied. Er wollte seine Ehe nicht auf das Spiel setzen, die Gesundheit und das Leben aller Drei gefährden.
Die Mutter des Kindes wischte sich mit dem Ärmel einige Tränen aus den Augen, nickte aber dann doch. Sie hatten lange und oft darüber geredet. Während der Fahrten durch Berg und Tal, an Seen und Flüssen vorbei, hatten sie viel Zeit zum Reden, weshalb sich die beiden selbstverständlich auch sehr gut kannten. Natürlich wusste der andere, wie der Partner über die Situation denkt, sie konnten sich auch ohne Worte verständigen. Und doch wogen sie massiv ab, stritten teilweise täglich, was die beste Option aus dieser Misére war. Bis heute wissen sie natürlich nicht, ob sie die beste Möglichkeit gewählt haben, sie waren sich mit ihrer Entscheidung aber sicher, dass sie das Schlimmste mehr als verhindert haben. Vielleicht hatten sie dem Kind auch eine neue Chance eröffnet.

Beide konnten die Tränen über ihre kleine, so lebhafte Tochter nicht zurückhalten, als sie mit ihrem Wagen wieder den holprigen Weg, weit weg vom Kloster, fuhren. Jeder Meter, jeder Schritt, die sie weiter von ihrer Amélie weggezogen wurden, tat weh. Doch waren sie, möglicherweise nicht sichtbar und nur tief in ihrem Innersten, auch glücklich darüber, dass sie ihrer Tochter wenigstens eine kleine Zukunft bieten konnten. Eine Zukunft fernab ihrer verarmten Eltern, die sich kaum eine Nacht im Stall leisten konnten.

Die Lebensjahre 1 – 5

Ein Kind passt sich der Umgebung an, in der es lebt. Es adaptiert, es macht nach und tut das, was ihm gesagt wird. Das Kloster, in dem sie untergebracht wurde, widmete sich keinem besonderen Heiligen, wie es in der Sorridianischen Kirche üblich ist. An jedem Tag wurden mindestens am Morgen und am Abend eine halbe Stunde zu Deyn Cador gebetet. Die restliche Zeit wurde mit Feldarbeit und Erziehung der Kinder verbracht. Neben Amélie gab es rund zwanzig weitere Kinder. Knaben und Mädchen, die von den Nonnen eng an den Glauben Deyn Cadors herangeführt wurden. Auch sie mussten bereits häufig beten und die Grundlagen der sorridianischen Kirche verinnerlichen und auswendig lernen. Darüber hinaus mussten sie bei der Feldarbeit mithelfen und einfache Aufgaben durchführen, sofern sie denn alt genug dafür waren. Als Amélie ins Kloster kam, kümmerten sich zuerst drei Nonnen im Speziellen um die Kleinkinder und Frischgeborenen, denen man hier eine bessere Zukunft als bei ihren unfähigen Eltern bieten wollte. Um eine Distanz zu wahren und die Kinder an Deyn als ihren obersten Herrn heranzuführen, kontrollierten sich die Klosterdamen gegenseitig und passten eisern darauf auf, dass keine zu enge Bindung zwischen ihnen und einem Kind hergestellt werden würde. Die Kinder waren oft unter sich, in einem eigenen Raum, wurden aber zu jeder Messe und zu jedem Gebet dazugeholt. Und auch, wenn sie zunächst nicht verstanden, was dort vor sich ging, wurde hier schon damit angefangen, ihnen die wichtige Doktrin mitzuteilen.

Tage und Wochen, gar Monate vergingen. Die Kinder wurden älter, die Nonnen kümmerten sich immer noch, hart aber liebevoll, um die Kinder. Doch während andere Kinder ihre ersten Worte plapperten, fiel bei Amélie schnell auf – sie spricht nicht viel. Doch was sie an Worten missen würde, tat sie an Taten wieder gut. Als sie gerade gelernt hatte zu laufen und die Gesichter der Damen wiederzuerkennen, fing sie an kleine Sachen durch das Gebäude zu tragen und sich nützlich zu machen. Dabei lief sie zwar öfter gegen die Beine einer anderen Schwester oder ein Stuhlbein, aber die Klosterdamen waren von ihrem Einsatz und ihren Engagement begeistert und lächelten stets, wenn der kleine Zwerg um die Ecke geflitzt kam.

Als sie lernte Sachen zu schleudern und teilweise sogar gezielt zu werfen, schlug sie den ein oder anderen älteren Knaben im Kloster im Kieselsteinwerfen, um die Tauben vom Dach des Klosters zu verscheuchen. Irgendwann trug sie sogar kleine Eimer mit Wasser, die sie mit beiden Händen vor ihrem kleinen Körper schleppte. Anfangs stolperte sie noch und sorgte für eine unfreiwillige Bodenreinigung, später durfte sie freudestrahlend das Wasser in die einzelnen Nachttöpfe verteilen. Doch sprechen wollte sie immer nur sehr selten. Langsam machten sich einzelne Schwester Sorgen, doch die Oberin bat um Gemach, da manche Kinder sich Zeit lassen würden.

Die Lebensjahre 5 - 10

Sie war ein lebensfrohes und aktives Kind, dafür aber äußerst still. Die Schwesternschaft beriet eine Weile, bevor sie der Oberin einen Vorschlag machte. Warum die Kleine nicht in den Paladinorden des Heiligen Mikael zu Patrien geben? Natürlich sollte sie dort keine kämpferische Ausbildung erhalten, doch würden ihr körperlichen Fähigkeiten dort von besserem Nutzen sein, als im Nonnenkloster. Die Oberin ließ sich für ihre Entscheidung einige Tage Zeit und sah aus ihrem Fenster im Dachgeschoss des Klosters oft auf den offenen Innenhof und auf das dort entlangwuselnde Kindchen herab, bevor sie ihr Einverständnis gab. Amélie da Broussard war 5 Jahre alt, als sie in den Orden eintrat.

Das Leben im Orden gestaltete sich allerdings weitgehend anders, als das, was sie bisher kannte. Sie war nicht mehr unter Nonnen und kleinen Kindern, sondern um sie herum waren allerlei Gestalten. Gelehrte, Priester, Krieger in edlen Rüstungen und das präkerste – kein einziges weiteres Mädchen. Die anderen Kinder, die im Orden waren, waren ausschließlich Jungen. Meistens waren die Burschen auch noch 4 oder 5 Jahre älter, wenn sie gerade in den Orden gegeben wurden, um von diesem ihre Ausbildung zu erhalten. Sie war allein. Sie hatte ihr eigenes Kämmerlein, in dem sie schlafen würde und eigene Aufgaben. Auch hier fing es mit dem Tragen von Gegenständen an, was in dem verwinkelten Wegen und Gemäuern keine leichte Aufgabe war. Dennoch fiel hier auf, dass sie, auch wenn sie immer nur nickte und den Kopf schüttelte, schnell den Weg fand und sich viel einprägen konnte.
Doch machte einem Priester im speziellen die Sprachgewohnheiten des Kindes bedenken. Warum würde es kaum sprechen wollen? Er schlug vor, dass man das Kind mit zu einem weltlichen Arzt nehmen würde, nur um zu überschauen, ob auch alles in Ordnung sei.

Der Arzt bat darum, dass man das Kind und ihn einige Stunden in Ruhe lassen würde. Zunächst versuchte er viel, um dem Kind einige Worte zu entlocken. Mit Knabbereien, dann mit Spielzeug, doch soviel er auch anbot, es gab keinen Mucks von sich. Als er den Hals des Kindes untersuchte fand er keine Aufälligkeiten, nicht mal eine Verfärbung oder Narbe.
Bis die kleine Amélie ihn anschaute und es ihm direkt mitteilte: "Deyn braucht kaum Worte. Ich auch nicht. Oder hast du ihn schon Mal reden gehört?".

Niemand, nicht einmal die Herren und Damen im Orden, hätten mit solch einer Antwort gerechnet. Aber was sollten sie schließlich machen? Irgendwo hatte dieses Kind doch recht. Sie selber begriff das Ausmaß dieser Entscheidung zugunsten Deyn Cadors nicht wirklich, sie war schließlich auch noch viel zu klein dafür. Doch sahen es die Herren bald als eine Art Offenbarung, vielleicht auch als Erfüllung ihrer Pflicht an. Was ihr an Willigkeit zu Sprachfertigkeiten mehr als offensichtlich fehlte, machte sie dafür an Engagement und körperlichem Einsatz wieder wett. Von dort an wurde ihr ihre Verschwiegenheit als Hingabe zu Deyn, als Enthaltsamkeit von den Lasten der Sprache, gelehrt. Ihr wurde gesagt, dass ihr ein großer Segen Deyns zu gegen wurde, sie eine einzigartige, gar gesegnete Person sei. Ein Kind kann damit erstmal nicht viel anfangen, doch waren ihr die vielen hochgestochenen Worte durch ihre kirchliche Ausbildung und den darauf ausgerichteten Lebensstil bekannt.

Langsam aber sicher wurde sie integriert, wurde mit in den Schreibunterricht aufgenommen, durfte die körperlich schwierigeren Aufgaben mit übernehmen und lernte. Bald schon konnte sie Grundlagen des Schreibens. Doch blieb sie auch hier wortkarg, schrieb nie viel und kam immer direkt auf den Punkt.
Den Glaubensbrüdern fiel bald auf, dass ihre ständigen Worte Wirkung zeigten – sie war die erste, die morgens von den Kindern zum Beten kam. Auch wenn niemand hören könnte, was sie während der Glaubensgelübde sprach oder dachte, was sie wirklich anbetete, merkte man ihr schnell an, dass sie das glaubte, was man ihr eindoktriniert hatte. Sie würde ihr Leben dem Herrn Deyn Cador widmen, keinen Mann ehelichen, keine Kinder kriegen. Allerdings war sie das genaue Gegenteil einer Nonne.

Ein Problem stellte dies aber während ihrer ersten Zeit im Orden nicht dar. Sie lernte, wie all die Knaben um sie herum. Mit ihr wurden dieselben Übungen gemacht, wie mit den Burschen auch, sie musste dieselben täglichen und vor allem undankbaren Aufgaben erledigen. Man sollte nie ein Wort des Widerspruchs von ihr hören, aber nicht nur weil sie nicht sprechen wollte, sondern eher weil sie ihre Aufgabe im Hause des Herrn als wichtig empfand.

Je länger sie im Orden blieb, desto mehr wurde sie gelehrt. Ihre ausgeprägteren Körperfähigkeiten fielen auch den Ausbildern auf, sodass sie Seite an Seite mit den Jungen des Ordens mit Holzschwertern fechten durfte. Häufig war sie dennoch diejenige, die vollkommen blutverschmiert und erschöpft als erste zu Boden ging. Und dies sollte auch noch eine ganze Weile so anhalten.

Die Lebensjahre 10 - 15

Amélie war ein besonderes Kind, von Anfang an. Die Tatsache, dass sie das einzige Mädchen und dann so wortkarg war, isolierte sie häufig. Während die anderen Kinder im Hofe tobend und tollend und vor Freude lachend umherliefen, verzog sie sich in ihre Kammer. Oder ging die Gebetshalle, um dort stundenlang zu Deyn zu beten oder dabei zu helfen, die nächste Messe vorzubereiten. Es ging ihr sichtlich nahe, ihr gefiel nicht wirklich, dass sie so verschieden war. Sie verstand aber auch nicht, was sie tun musste, um genau dies zu ändern. Vielleicht wollte sie es auch nie ändern, um Deyn nicht zu enttäuschen. Doch die Brüder im Orden vermittelten ihr zu jeder Gelegenheit, was für ein Geschenk Deyns sie doch wäre. Darin schöpfte sie viel Hoffnung und fand auch immer wieder Motivation, die sie dringend brauchte, nachdem sie Mal wieder im Duell blutig niedergeschlagen und alleine in ihrer Kammer gehockt hatte.

Sie wusste um ihre Besonderheit und lernte mit der Zeit auch dies hinzunehmen, dies zu akzeptieren und dann im Laufe der Jahre auch vollständig damit zu leben und sich einzig und alleine Deyn zu widmen, nicht nur, weil sie es nie anders gelernt hatte. Ablenkung verschaffte ihr neben dem Beten daher vor allem das viele Lernen. Anfangs war dies nur der Schreib- und Religionsunterricht, in dem sie auch ohne große Worte viel mitnahm. Später sollte sie sogar noch in die Sprache Tasperin eingeweiht werden und diese Schritt für Schritt erlernen, da man nie wusste, welche Aufgabe Deyn Cador für sie bereit hielt.

Neben den geistigen Übungen und Ausbildungen nahmen in diesen Jahren ihres Lebens auch die körperlichen Ansprüche und Anforderungen zu. So mussten die jungen Menschen im Orden Kraftübungen durchführen, um ihre Muskeln zu stählern, gleichzeitig aber auch viel Laufen, um die Ausdauer zu verbessern. Nach und nach wurde auch der Kampf mit Waffen, der immer nur zur Verteidigung des Glaubens gelehrt wurde, intensiviert. Zuerst bekämpften sich die Kinder nur weiter mit Holzschwertern und – schilden, später kamen dann auch Lehrstunden über Haltung, Schritt und Schlag dazu. Mit der Zeit merkte man, dass Amélie verstand, was ihr gelehrt wurde und das sie dies tadellos anwenden konnten. Hin und wieder bekam sie auch Lehrstunden im Kampf mit dem Speer.

Eine besondere Bindung galt allerdings ihr und den Pferden. Sie nahm freiwillig jegliche Arbeit im Stall, sei es das Ausmisten oder das Reinigen des Bodens, auf sich. Sie verbrachte viel Zeit und Nähe mit den Tieren und sorgte sich um sie, kümmerte sich, wo es nur möglich war. Und bald sollte sie für ihre Ergiebigkeit und ihren Einsatz belohnt werden. Sie bekam ihre erste Reitstunde und war überglücklich bald auch reiten zu dürfen. Zwar führte sie die Pferde meist nur aus und gab ihnen so die nötige Bewegung, aber sie war mehr als froh nicht mehr alleine sein zu müssen. Die Nähe an den Tieren und die gegebene Nähe durch den Glauben ersetze so die bei ihr fehlenden menschlichen Bindungen.

Jahre vergingen, sie lernte und lernte. Sie wurde besser in dem, was sie tat und intensivierte Tag um Tag ihren Glauben. Bald schon sollte sie die Gebote, die Doktrinen, die wichtigen Aspekte es Glaubens an Deyn und seiner Feinde verinnerlicht haben. Sie lebte mehr oder minder für den Glauben. Bei den seltenen Besuchen im Dorf oder gar in einer Stadt war ihr der Gedanke an ein weltliches Leben fremd. Sie bewunderte zwar auf eine Weise das bunte Treiben an einem Marktstand, befand es aber als so viel sinnvoller Gebete zu sprechen, statt den Fischpreis zu diskutieren. Bereits hier entwickelte sie aber eine gewisse Distanz und Ablehnung gegenüber allen, die nicht den Glauben ausreichend auslebten oder ihn gar verletzen würden. Sie konnte und kann auch heute nicht verstehen, warum Menschen etwas Weltliches über Deyn Cador stellen. Sie kann nicht nachvollziehen, warum Menschen sich nicht erst ehelichen, bevor sie Liebeleien austauschen.
Doch machte sich hier auch ein Aspekt ihrer Persönlichkeit bemerkbar – sie agiert nur in Ausnahmefällen aus eigenen Stücken gegen die Heresie. Sollte jemand den Glauben verpöhnen oder verspotten, so wird er ihren Zorn spüren, doch einfache Nichtbeachtung, einfaches Andersdenken, führt nur zu einer Ablehnung ihrerseits.

Die Lebensjahre 15 - 20

Und so wie das Leben im gesamten Lande weiterlief, so setzte sich auch ihre Geschichte fort. Sie lernte weiter, wurde weiter trainiert in dem, was sie bereits ihr ganzes Leben machte. Sie war sich mittlerweile einig geworden, dass dieses von Deyn gegebene Leben definitiv das war, was sie führen würde. Sie würde eventuell sogar eines Tages ihr Leben geben, um den Glauben, den sie so innig liebt, verteidigen zu dürfen. Amélie ist ein besonderes Kind gewesen, seit Anfang ihrer Geburt. Dieser tiefe Glauben beeindruckte so manchen im Orden. Hinzu kam dieser bedingungslose Wille zu Lernen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Viele mögen diesen Menschen und seine Intentionen nicht verstehen, doch das weiß sie mittlerweile mehr als zu schätzen. Amélie da Broussard ist sich ihres Weges sicher, sie will niemals vom Pfad des Herrn abkommen. Und das bereits in einem Abschnitt, in dem sich die wenigsten entscheiden können und wollen, was sie einmal tun wollen. Doch kennt sie kein anderes Leben, als eines, das Deyn Cador gewidmet ist.

Sie konnte mittlerweile viel und durfte dies auch immer öfter unter Beweis stellen. Amélie ging mit leichter Ausrüstung und einigen Glaubensbrüdern und -schwestern auf die Märkte und kaufte ein, sie durfte bei den Messen als Messdiener oder gar als Messwache Posten stehen und sogar die umliegenden Wälder patrouillieren. Zugegeben – dies war mehr eine Beschäftigungsmaßnahme der Ausbilder, aber so entwickelte sie schnell ein Gespür für die freie Natur und Wildbahn und sie konnte sich dadurch auch oft, mit nur wenigen Hinweisen, orientieren. Dazu kam, dass sie auch viel Reiten konnte. Sie gab den Pferden den nötigen Auslauf und hatte so ihre Ruhe und Freiheit. Sie dachte bei jedem Ausritt, wie sehr sie doch Deyn Cador dienen würde. Sie hielt die Ländereien, den Orden und die Gläubigen sicher, selbst wenn, wie in Patrien, es nur sehr selten Banditen oder Taugenichtse gab. Sie war zufrieden, sie steigerte sich oft in diese Vorstellung, den Willen den Glauben mit allem, was sie hat zu schützen, hinein.

Amelíe ließ sich sogar, um verwundeten Bewohnern der umliegenden Dörfern, oder auch nur verletzten Kinder ein wenig helfen zu können, zeigen, wie man leichte Wunden behandelt. Sie war und wird wohl niemals ein Meister auf diesem Fachgebiet sein, aber einen Verband umwickeln oder einen Arm temporär zu stützen, das konnte sie. Sie war froh, wenn sie, seien es auch nur Kleinkinder, eine Schürfwunde verbinden konnte. Auch, wenn der Sinn zu helfen bei ihr eher durch den Glauben veranlagt war, merkten die Menschen schnell, das man ihr trauen konnte.

Diese völlige Hingabe und Bindung an den Glauben, den andere vielleicht als Schwäche ansahen, war für sie mittlerweile eine Stärke. Andere Menschen konnten durch ihre Worte und Taten Katastrophen, im großen und im kleinen, auslösen. Sie konnten Beziehungen für immer zerstören, Kriege anzetteln oder Feindschaften bilden. Doch sie beruf sich auf ihren Glauben und folgte nur diesem. Menschliche Beziehungen ließ sie außen vor, ignorierte sie gar.

Sie war gerade 20 Jahre alt geworden. Da stand eine große Feierlichkeit ein, nachdem sie gerade ihre Novizenprüfung mit Bravur bestanden hatte. Sie wurde feierlich in den Rang eines Novizen im Paladinorden des heiligen Mikael zu Patrien in Empfang genommen. Sie bekam ihre erste Robe, die ihren Rang widerspiegelte und war damit ein vollwertiges Mitglied. Wenn auch, oft argwöhnisch beäugt, da sie eine merkwürdige Frau war. Gleich ein paar Auffälligkeiten, die sie aus ihren Glaubensbrüdern herausstechen ließ, doch war dies kein Hindernisgrund, da sie ihren Glauben und die Ernsthaftigkeit ihres Bestrebens oft genug unter Beweis gestellt hatte. Sie hatte es geschafft – sie durfte nun auch endlich offiziell die Kirche und Deyn Cador verteidigen.

Ihren ersten Posten trat sie auch kurz darauf an. Sie war als Nachrichtenbotin und Kundschafterin eingesetzt und ritt oft zwischen dem Ordenszentrum, einzelnen Kirchen und den größeren Städten in der Umgebung hin und her. Auf ihren Reisen lernte sie  weiter, vor allem sich zu orientieren. Sie hatte allerdings oft ein Buch dabei und las, meist über die Religion Deyn Cadors oder große Wunderbringer, die den Glauben und die Heiligkeit gemehrt haben. Ab und an waren aber auch Märchengeschichten dabei, wobei ihr immer die besonders gut gefielen, in denen viele Tiere vorkamen.
Jedes Mal, wenn sie an den Wäldern kleine Nagetiere sah, nahm sie sich einen Augenblick Zeit und beobachtete diese Unbeschwertheit der Tiere. Besonders gerne hielt sie nach Waschbären und Bibern Ausschau, diese fand sie besonders knuffig.

Die Lebensjahre 20 - 25

Sie verbrachte viel Zeit auf Pferden, reiste umher und überbrachte Nachrichten oder aber auch Gepäck. Ihre Ortskenntnis und das Geschick auf dem Pferd, sorgten immer öfter für ein klein wenig Anerkennung, auch wenn sie natürlich um ihren niedrigen Stand im Orden wusste. Das hielt sie dennoch nie davon ab, all ihre Kraft in die ihr übertragenen Aufgaben zu stecken und diese mit allem nötigen Aufwand erfüllen zu wollen. Selbst, wenn sie einen ganzen Tag durch die Gegend wanderte, das Pferd streikte und sie selbst vor Müdigkeit fast aus dem Sattel fiel, wollte sie immer und immer weiter machen.

Im Orden kam allerdings baldigst eine Idee auf. Warum nicht die Wortkarge mit denen mitschicken, die viele Worte verbreiten und sehr wortgewandt waren? Sie wusste sich und andere zu verteidigen, sie konnte reiten und sie beschwerte sich niemals. Dies waren ideale Voraussetzungen für eine Besetzung als Leibwache für hohe Geistliche der sorridianischen Kirche, die durch das Land und über dessen Grenzen hinaus zogen. Wahrlich haben diese, besonders außerhalb der eigenen Mauern, nicht nur Freunde. Und diese wichtigen Personen zu schützen und zu überwachen, war eine wichtige Aufgabe innerhalb der Kirche. Eine Aufgabe, die wahrlich zu Amélie passte. Und die sie von nun an inne hatte. Anfangs war sie nur ein kleiner Teil in einer großen Gruppe, ab und an durfte sie dann auch als großer Teil in einer kleinen Gruppe unterwegs sein.

Sie konnte ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten nutzen. Sei es ihre Tasperin-Kentnisse, ihr Wegfindungsvermögen oder auch – wenn es sein musste – ihre Kampffertigkeiten. Amélie wusste, dass ihre Aufgabe eine Wichtige ist, da die Missionierung und auch der Kampf für die Beibehaltung des Glaubens und seines Stellenwertes seit jeher eine hohe Position in der Kirche belegt haben. Sie sah sich auch hier als Teil davon und lebte mal wieder für ihre Aufgabe. Sie reiste fern der Heimat, erlebte viele Ortschaften, Städte, Klöster, Täler, Flüsse und Wiesen in Sorridia, kam aber auch bis ihren Reisen nach Kaledon. Auch wenn sie die Feindlichkeit, die anderen Blicke und den Argwohn der Menschen in den anderen Ländern mitkam. Sie wusste, dass sie nicht immer erwünscht war. Dennoch machte sie ihre Aufgabe. Oder gar ihre Bestimmung?

Große Heldentaten konnte man während diesen Reisen weder erwarten noch selber tätigen und meistens waren die Reisen wenig ereignisreich, sondern eher wahnsinnig ermüdend und kräftezehrend, doch fand sie, dass es sich doch irgendwie immer lohnte den beschwerlichen Weg durch Wald und Tal auf sich zu nehmen.

Die Lebensjahre 25 - 28

Amélie da Broussard. Mittlerweile Paladin im Orden des heiligen Mikael zu Patrien und halbwegs erfahrene Wächterin des Glaubens. Nachdem sie viele Jahre unterwegs war und die Geistlichen bewacht hat, war sie in diesem Abschnitt ihres Lebens vor allem in kleineren Städten in Patrien unterwegs. Meistens wieder alleine zu Pferd. Sie überbrachte Nachrichten oder sah einfach nur nach dem Rechten. Größere Aufgaben erhielt sie gelegentlich, doch ist auch hinreichend im Orden bekannt, dass sie für Verhandlungen allerhöchstens als Geleit dienen kann. Sie wusste auch um diese Problematik, nahm aber jede Aufgabe mit Freude an. Sie war wirklich froh, wenn sie Deyn Cador auch nur in kleinster Weise dienlich werden konnte.

Sie las auch nach all den Jahren noch immer eine Menge und hatte sich bereits eine Menge Wissen über die Religionen dieser Welt, ihre Götter und Kulte angesammelt und auch sonst viele Erkenntnisse der modernen Welt angelesen. Doch teilen konnte sie diese mit niemandem. Das störte sie nicht einmal, machte es aber schwierig an noch tiefergehenderes Material zu kommen.
Eines stillen Abends, an einem knisternden Feuer am Rande eines Waldes las sie ein wenig eine Niederschrift, die sie aus einer größeren Stadt mitgenommen hatte.

"Die neue Welt" war die Überschrift.
"Wenn der geneigte Leser meint, dass die bekannte Welt an der Küste Al\'Bastras beginnt und im Norden von Haldaar endet, liegt der geneigte Leser massiv falsch. Und damit meine ich nicht nur die Inseln, die sich vor den vielen Küsten und Stränden verstecken und ihre eigenen, kleinen Paradieswelten eröffnen! Nein, geneigter Leser, viel größer! Viel, viel größer! Was, wenn ich dem geneigten Leser verrate, dass es noch eine andere Welt gibt. Jenseits des großen Ozeans, dieses riesigen Leändriks, der sich über alle Welten erstreckt. Monate und Tage dauert es, ein großes Schiff und die beste Mannschaft, die man auch nur kriegen kann, um diese fernen Orte überhaupt zu erreichen.
Und doch, geneigter Leser, leben dort bereit Menschen. Es gibt Kolonien aller großer Nationen, die sich dort niedergelassen haben und hoffen diese fremde Welt für sich auszubeuten.
Doch wie leben die Menschen dort? Das ist der eigentliche Punkt auf den ich kommen möchte, geneigter Leser.
Einfach ist eine Beschreibung, die passend ist. Den Umständen entsprechend, ist wohl passender. Wenn es etwas nicht gibt, dauert es teils Jahre, bis das Gut wieder verfügbar ist. Nahrung und Vieh kann nur gehalten und angebaut werden, sobald dieser fremde Boden es hergibt. Dort, wo keine Äpfel an den Bäumen wachsen, soll eine merkwürdige Stachelfrucht namens Ananas aus dem Boden schießen. An kleinen Strünken soll sie mittig wachsen! Höchst eigenartig, aber genießbar, geneigter Leser, auch wenn ich von diesen Köstlichkeiten der fernen Welt abrate! Zur Sicherheit des geneigten Lesers!
In kleinen, bescheidenen Hütten wohnen die Menschen. Keine Fensterläden, eine spartanische Ausstattung und kein Kamin im Hause, kein Zustand den Mann länger ertragen kann. Alles ist zum Nötigsten zusammergeschustert! Und das Schlimmste – diese Welten sind gefährlich! Monster hausen unter der Bettdecke, Kinder werden entführt und die Kirche häufig verunstaltet! Wahrlich schreckliche Orte an denen der geneigte Leser sich nicht aufhalten will!"

Je weiter sie ließ, desto mehr ging der Autor auf die Einzelheiten ein und dramatisierte weiter grundlos über. Wie dem auch sei – Amélie hatte bereits von anderen gehört, was für ein gottloser, aber doch besiedelter Ort diese neue Welt war. Sie hatte viel von der bekannten Welt gesehen, warum also nicht auch noch die unbekannte Welt entdecken? Und darüber hinaus – Die Kirche schützen. Den Glauben verteidigen. Vielleicht könnte sie dort, fernab von jeder Zivilisation, ihre Fähigkeiten vollständig ausleben und den Zweck ihres Lebens erfüllen?

Es war nicht einfach den Orden dazu bewegen, sie gehen zu lassen. Doch sah sie es als ihre von Deyn gegebene Aufgabe an. Und machte sich, schneller als man es glauben möge, auf den Weg. Ein Schiff zu finden, dass sie mitnehmen und über den riesigen Ozean fahren würde, war fast unmöglich.

Doch irgendwann war sie da. An Bord eines Schiffes. Mit gerade genug Proviant für die Fahrt, ihrem Schwert und Schild und ihrer, in ein Leinentuch gebundenen Rüstung. Ansonsten hatte sie gerade noch zwei Briefe, die ihr vom Orden mitgegeben wurden, um sich zu identifizieren.
Und so war sie da. Zeit für einen neuen Abschnitt.

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#2
Die ersten Seiten eines dicken Notizbuches sind in ordentlicher geschwungener Schrift verfasst.


I - Aufbruch

28.08.1351

Trauer? Verlust? Erschütterung? Ich weiß nicht einmal, was ich gefühlt habe. Konrad von Erlichshausens Worte klangen in meine Ohren wie unendlich schellende Glocken. Es war so fürchterlich und so entsetzlich, dass er – dieser starke und aufrichtige Solaner – in Tränen und Wimmern ausgebrochen ist. Die schlimmste grausamste Tragödie, die unser Orden je erleben sollte? 
 
Ich war sprachlos. Nicht einmal in der Lage meinen werten Ordensbruder zu trösten, ihn in meine Arme zu nehmen und zu versuchen ihm beizustehen, nein, ich war zu Grunde erschüttert worden, bereits am Anfang meiner Reise.

Die Sonne sank vollends unter den Horizont und der glitzernde Schein auf dem Wasser verflog. Wir wurden in völliges Dunkel gehüllt, einzig allein erleuchtet von wenigen Laternen auf dem Schiff. Und in dieser chaotischen Dunkelheit war ich allein mit meinen Gedanken. Wie sollte ich nach so einer Erkenntnis auch nur ein Auge in dieser Nacht schließen können? Zuerst bin ich aufgeregt, traurig und wütend über meine Naivität über das Deck marschiert. Mir müsste eine ganze Armee gegenüber stehen und doch könnten sie mich nicht besänftigen, es .. ist so erschütterlich.

Nach Stunden bin ich unter Deck zu meinem edlen Kriegsross Yuki geklettert, habe mich rücklings an seinen notdürftig eingerichteten Stall gesetzt. Yuki war merklich unruhig, er ist ein treuer und bemerkenswert aufmerksamer Gefährte. Langsam hat er seinen großen Kopf zu mir herab gesenkt, seine ledrige Haut an die meine gehalten. Nur seine leise Atembewegung unterbrach die alles durchdringende und an mir nagende Stille. Aber immerhin war ich nicht mehr allein.

Aber was wenn ich mir nur einrede, dass ich nicht allein bin? Meinen treuen Orden habe ich zurückgelassen. Meine langen Weggefährten werden auf sich gestellt sein, so wie ich auf mich gestellt bin. Mir brennt es bereits jetzt im Herzen, wenn ich nur daran denke, dass ich nicht für sie da sein kann. Es ist ein unerträglicher Schmerz, der mir die Luft zum Atmen nimmt. Deyns neueste Prüfung ist erneut eine Herausforderung ungeahnten Ausmaßes, doch dieses Mal können wir nicht aufeinander zählen. Ich muss meine Aufgabe erfüllen, sonst steht der Welt wieder ein ungeahntes Schicksal entgegen. Und wieder einmal kann nur ein kleiner Sôlaner Orden die richtigen Entscheidungen treffen, um dies zu verhindern. Wenn ich versage, werden sie leiden. 

Kann und darf ich dem gerecht werden? 
Kann ich es nicht? 
Was ist, wenn ich fehlschlage? 
Was passiert mit mir? 
Meiner Gemeinde, meiner doch .. geliebten Insel? 
Ich will nicht daran denken, aber kann es auch nicht sein lassen.

Irgendwann müssen mich Yukis leises Schnauben, das Schaukeln der Wellen und Knarzen der Dielen in den Schlaf getragen haben. 
Es war kein guter Schlaf, nein, einer der ganz üblen Sorte.

In meinen Träumen erwachte ich an vielen Schauplätzen, an denen ich vor Jahren das letzte Mal sein musste.  Ich kam zurück an Orte und Schauplätze, die ich vor langer Zeit versucht habe zu verdrängen. 

Es begann mit meiner Heimat, Patrien. Es war der Schauplatz meines Leben, der mich überhaupt erst nach Neu Corethon bringen sollte. Ein einfacher Auftrag von Bohemund de Corastella, mein Kriegsherr im Orden des Heiligen Mikael. Ich führte zwei Rekruten an, wir sollten eine Lieferung in den Wirren des Sorridianischen Bürgerkriegs an ihr Ziel bringen. 

Doch natürlich kam nichts so, wie ich es gedacht hatte. 
Wir wurden angegriffen. 
Ich war gelähmt. 
Versteinert. 
Konnte keinen Finger rühren, so überrumpelt war ich. 

Meine jungen, so tapferen Begleiter stürzten sich unwissend in den Kampf. Ihre Fehler sind heute noch die ersten Schritte, die ich jedem neuen Ordensbruder und jeder neuen Ordensschwester lehre. Nichts ist wichtiger, als das Überleben im Kampf und der Schutz der Kameraden. Beides habe ich nicht erfüllt. Sie fielen. Ihr Blut rann zwischen den Kieseln und umhüllte ihre Körper. 
Auch die genommene Rache an den heimtückischen Banditen würde meine Schuld nicht sühnen können. 

Ich hielt sie in den Armen. 
Ich lies sie sterben. 
Ihr Blut klebt an meinen Händen. 
Nur an meinen.

Meine Augen öffneten sich wieder auf den Schlachtfeldern vor Jeorgina, oder war es Aironia? Ich war mir nicht sicher, die Kämpfe in den Kreuzzügen waren schlimmer, als alles, was ich mir je wieder vorstellen mochte. Es regnete glühende Pfeile aus den Bögen der kalifatischen Verteidiger, mein erhobenes Schild war der einzige Schutz den ich hatte. Links und rechts neben mir waren  gefallene Kameraden aller Orden, soweit das Auge reicht. Der berstende Gestank von Tod, Verderben, labenden Insekten und brennendem Fleisch stieg in meine Nase. Mit rotunterlaufenen Augen und dem einzigen Willen mich zu Übergeben und diesem Ort zu entfliehen, suchte ich mir meinen Weg über die Körper meiner einstigen Kameraden. Möge Deyn ihrer seelig haben.

Ich brachte nur mehr Tod, nur mehr Verderben, nur mehr brennendes Fleisch und nur mehr labende Insekten in dieser Schlacht. Ich war kein Stück besser, als die ketzerischen Verteidiger. 
Und dann, erst dann bemerkte ich es. 
Das, was mich in diesem Kreuzzug ausgemacht hatte. 
Mein grünes, übermenschliches Blut, welches wie Gift durch meine Adern floss und dessen Überreste meinen Körper in der Form halten, in der ich heute noch bin. 
Meine dämonischen Krallen anstelle meiner Fingernägel, meinen ausgeprägten Spür- und Wahrnehmungssinn meiner hundeartigen Augen. 
Der Horror, den ich in dieser Zeit erlebt habe, er war wieder da.

Erst, als ich vollständig in Blut getränkt war und alles Leben um mich herum beendet hatte, lies mich das Schlachtfeld los. Mein Körper zitterte unentwegt, mein Hals brannte, als stünde er selbst in der Flammen. Das Röcheln der Sterbenden klang mir in den Ohren. Aber  der Kreuzzug sollte mich noch nicht loslassen.

Vor mir liefen meine Taten wie ein Bilderbuch ab. 
Das heimtückische Ermorden und grausame Abschlachten. 
Das Verschleppen und Opfern von Kindern für ein Ritual des Mannsweibes. 
Das fast schon alltägliche Verzehren menschlichen Fleisches. 
Ich hätte nur durch diese Träume den Verstand verlieren können – und wohl besser auch sollen. Aber nein, Deyns Licht gab mir die Kraft all dies durchzustehen. Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Ich darf meine Kameraden und mich nicht im Stich lassen. Solange ich stehe, muss die Ordnung obsiegen.

Doch all die aufleuchtenden Gedanken sollten schnell unterbrochen werden, als wir einem dämonischen Abschaum gegenüberstanden. Erneut konnte ich meine werten Ordensbrüder und -schwestern nicht beschützen. Wir alle erlitten schwerste Wunden, Franz' türmte, um Verstärkung zu holen. Doch Salvyro, er .. er hielt all dem nicht länger stand, brach zu Boden und stand nie wieder auf. Sein Körper wurde in das unendliche Nichts gezogen, von einem Dämon, mit dem wir zuvor noch verhandelten. Der uns vielleicht das Leben schenkte, damit wir ihn in diese Welt holen? Und die stolzen Solaner ließen sich auf diesen Handel ein.

Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Ich glaube nicht. Und doch ist es die einzige Begründung für unser Handeln an diesem Zeitpunkt. Zu so vielen meiner Taten wäre dies die einzige Erklärung.

Bin ich nicht eigentlich die Sünderin? 
Gehöre ich nicht bei vollem Bewusstsein ins Fegefeuer gestoßen, anstelle meines Platzes bei Sôlerben oder im Bollwerk?
Vielleicht, aber deswegen werde ich nicht aufgeben. Ich bin mir sicher, was recht ist. Was in meiner Welt recht ist. Ein ewiges Streben für Ordnung und Licht, entgegen Chaos und Dunkelheit.

Dieses Mal sollten sich meine Augen in der echten Welt, außerhalb der fürchterlichen Träume, öffnen. Konrad von Erlichshausen stellte mir ein wenig Verpflegung auf den schaukelnden Holzboden. Die Sonne schien mir durch die offenen Spalten ins Gesicht, was dabei half wieder zu mir zu finden. Mir wurde zwar eine Kabine gegeben, aber irgendwie zog ich es doch vor, meine Reisen wieder wie in alten Zeiten zu führen. Ich breitete mich bei Yuki aus, nahm das leichte Mahl zu mir und versuchte mich halbwegs herauszuputzen. So gut es eben mit meinem geschundenen Körper noch geht – die schreckliche Fleischnarbe auf meiner Wange wird ewiges Zeugnis meiner Taten bei jeder Begegnung sein. Ein Mahnmal. 

Unter den voll gehissten Bannern der glühenden Sonne des Sôlerben segelte des Schiff über den funkelnden und raunenden Ozean. Salzwasser spritzte über das Deck und ließ uns nicht einen sanften Schlaf erfahren. Aber doch sollten wir bald unser erstes Ziel erreichen – die Hauptstadt der Unbekannten Lande unter Tasperinischer Führung – Vladsburg.
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#3

II - Vladsburg
01.09.1351

Die See wollte sich Tag um Tag nicht beruhigen. Vielleicht ein Zeichen Marinas in Anspielung auf meine Gefühle? Meinen mich jeden Atemzug verzehrenden Verstand? Zeit für derlei Fragen über mein Befinden blieb mir jedenfalls nicht mehr lang, als sich die hölzernen Stege des Hafens auf der Insekl Caryaku in der Ferne erhoben. Die wehenden Banner des silbernen und goldenen Sternes auf blauem Grund erhoben sich über der kleinen Feste inmitten der Stadt. Es gab keine Zweifel – vor uns lag Vladsburg.

Wir liefen in einem fast vollständig belegten Hafen ein – die Fluchtmöglichkeiten meines Zieles schienen damit recht ausgeprägt zu sein. Doch so einfach würde vermutlich niemand einen dahergelaufenen Flüchtling aus den Neuen Landen mit nach Leändrien nehmen. Hoffentlich.

Mein erster Blick galt den Schiffen, aber ein Ordensbruder mit Fernglas an der Reling winkte bereits ab. Er habe bereits Ausschau für mich gehalten, das Schiff der Silberlegion sei nicht mehr im Hafen. 

Verflucht. War es das bereits gewesen? 
Er konnte nicht schon entkommen sein, nein, so schnell würde niemand Söldner für eine wochenlange Überfahrt versorgen können. Er muss noch hier sein. 
Caryaku – Vladsburg.
Eile war geboten.

Auf dem Hinterdeck des Schiffes, direkt vor dem Wappen des Heiligen Sôlerben, ließ ich mich nieder und betete. Es war nur ein Stoßgebet, doch knnte ich jeden Segen für meine Suche brauchen. Ich bin es den anderen schuldig. 
Ich muss obsiegen.
Für Deyn. Für die Ordnung.


Oh du heiliger Sôlerben,
Streiter für die Welt,
Glühendes Licht zwischen den Dunkelheiten des Chaos,
so leite mich in ungewisser Stund,
so führe mich über die Schwierigkeiten hinweg,
auf das alles,
was mein sei,
dein sei,
nimm mich als dein an
und lass mich deine lodernde Flamm' sein.
Amen.



Ich raffte mich wieder auf, griff meine Ausrüstung und stieß zu den restlichen Sôlanern auf dem Oberdeck.
Erlichshausen verwies mich auf die hiesige Gesandtschaft des Sôlaner Ordens, er selbst würde an Bord des Schiffes auf mich warten und sich derweil um Yuki kümmern. Sein Angebot mich über den Leändrischen Ozean zu bringen bestand weiterhin, ich wollte seine Freundlichkeit und Hilfe jedoch nicht ausreizen. Er sagte mir ja selbst, dass unser Orden – oder gar die Welt – an der Schwelle zum Abgrund stand.

In vollster Kampfausrüstung verließ ich das Schiff und sah mich am lebhaften Hafen um. Wahrlich, es war kein Schiff der Silberlegion in Sichtweite. Eine ungewisse Furcht kam in mir auf. Doch sprach die menschliche Logik und Hoffnung über das Bestehen der Ordnung entgegen meiner Angst bereits versagt zu haben.

Mein Weg führte mich durch die tagsüber gut gefüllte Stadt. Handwerker und Arbeiter trugen allerlei Waren und Baumaterialien durch die engen Gassen. Das Gehämmere und Gesäge blieb ständiger Begleiter bei meinem kleinen Rundgang durch Vladsburg. Als sich vor mir der tumultartige Markt eröffnete schlugen mir allerlei Gerüche und Farben entgegen. Buntes Gewürzgras aus den Unbekannten Landen, rotleuchtendes Schärfepulver aus dem Kalifat Al'bastra, zimtversetzte Zandiger Mehlklöße, schwarzer Reis aus Patrien – was gab es denn hier nicht? Faszinierend. Aber deswegen war ich nicht hier. 

Ganz gleich, ob mich ein Besuch im Holzspielzeugladen oder bei dem prallgefüllten Bürstengeschäft einer Dame namens Betti gereizt hätte, meine Aufmerksamkeit galt allein Berthold Lichtblatt und meinem Orden.
Jede Ablenkung würde meinem Geist gut tun, aber ich durfte keine Zeit verlieren. Nein, wir haben niemals Zeit verloren, nicht wahr, Franz? Immer auf dem Weg zum Ziel – zur Not mit dem Schädel voran.

Ein Blick in den Himmel verriet mir den Weg zur hiesigen Kirche – es war kein Zeichen Deyns, sondern nur die Suche nach dem sich aus dem Dächermeer erhebenden Kirchturm. 

Ich stürmte zunächst gar durch einige Straßen, bog um zwei Gassen. Bis ich an einigen Herumtreibern vorbeikam. Ihre unflätigen Gesten kümmerten mich zunächst nicht einen Blick, sollten sie sich doch auf Kosten ihres Seelenheils mit Beleidigungen unterhalten. Ich bin weder gewillt noch in der Lage die verlorenen Schäfchen wieder einzusammeln, das hat mir Neu Corethon beigebracht. Wer vom Wege Deyns abkommt und sich dem Chaos verschreibt, hört nicht auf Vernunft. Niemals.

Als der größte Halunke in seinen lumpigen Kleidern mir jedoch mit seiner schieren Körpergröße den Weg versperrte und seine Kumpanen meinen Rückweg blockierten, verstand ich langsam. Diese Volltrottel wollten eine Sôlaner Ordenskriegerin überfallen und ausnehmen – mich.

Vor Wut schnaubend legte ich mich mit dem Kerl an. Er mag zwar einen Kopf größer als ich gewesen sein, aber das sollte mich nicht aufhalten. Einige Haken flogen zwischen ihm und mir umher, wir kassierten jeweils einen heftigen Schlag gegen den Schädel. Während er einen Schwall Blut ausgespuckt hat, habe ich mir in die Unterlippe gebissen. Blut für Blut, Auge um Auge – so ähnlich sagen diese Tasperiner doch.

Vor dem nächsten Schlagabtausch wischte ich mir meine langen schwarzen Haare aus dem Gesicht und mein Gegenüber .. versteinerte!

Er rührte sich nicht mehr.
Sein zuvor siegessicherer, grinsender Gesichtsausdruck wich einer zitternden Angst.
Auf seiner Stirn sammelte sich Schweiß, seine große Hand wanderte in die Höhe und sein Zeigefinger deutete auf meine Wange.

Ich war mir nicht sicher, was gerade passierte. Seine Kameraden hatten jedoch schon mit ihrer Flucht begonnen und auch der Hüne zögerte keine Sekunde mehr, trat eine Kehrtwende an und verschwand hinter der nächsten Ecke. Ihre Schritte verklangen in der Ferne. 


Ich befinde mich keine halbe Stunde in Vladsburg, bekomme die ersten Schläge ins Gesicht und dann fliehen meine Widersacher? Ohne jeden Anlass? Was ist hier los? Deyn bewahre, sehe ich mittlerweile wirklich so grausam aus? Nun, die Antwort kenne ich ja bereits. 

Mit blutiger Lippe setzte ich meinen Weg fort, kam an der großen Kirche und dem kleineren Ordensgebäude an. Die flammende Sonne Sôlerbens auf dem weißen Grund der Unschuld prangte über der Türe. Dies war das Heim der Ordnung und Vernunft, der Hort von Sicherheit und Hoffnung inmitten dieser turbulenten Kolonie – so hoffte ich zumindest.
Nach zwei heftigen Schlägen an die Pforte wurde mir geöffnet. Mein Gesicht war sicher immer noch rot und vom Schlagabtausch gezeichnet, sodass ein ziemlich verwundert dreinblickender Waffenbruder vor mir stand. Seine jugendlichen Züge verrieten, dass er weder lang im Dienste des Ordens steht oder viel Zeit auf dieser Insel verbracht hat. 

"Ah! Euch erkenne ich sofort, eh – Protektorin Brossieard oder so, nicht wahr? Wir haben euren Brief erhalten!"
Seine Stimme glich dem eines pubertierenden Bengels mit zu viel Lebensenergie, nicht, dass das etwas Schlechtes wäre. Zu viel Lebensenergie ist schließlich das beste Mittel gegen Rückschläge.
Mit einem Nicken antwortete ich ihm, schob ihn ein wenig zur Seite und trat in die Vorkammer ein.
"Wenn ihr meinen Brief bekommen habt, werter Bruder, habt ihr Ergebnisse erzielen können? Wo sind die restlichen Sôlaner im Moment?" 
In dem spärlich beleuchteten Raum fanden sich nur einige halbleere Regale und ein hölzerner Tisch mit mehreren Stühlen, die restlichen Begebenheiten waren vermutlich hinter den anderen beiden Türen.
"Ja, wir haben die Augen aufgehalten. Wartet hier, ich hole Bruder Friedhelm, wir sind ein wenig in Aufruhr, weil wir fast durch die Prüfung gefallen wären! Huch, das habt ihr aber nicht von mir, ja?"

Schnellen Schrittes verschwand der lebhafte Bruder hinter einer der beiden Türen, heller Fackelschein drang aus den Tür, bis sie wieder krachend ins Schloss fiel. Durch die Prüfung gefallen, hm? Irgendwie würden sie mir sicher dennoch nützlich sein können. 

Ich wartete einige Augenblicke in denen Stille einkehrte. Sobald die Töne um mich herum verstummten, fiel ich in Gedanken. Ich war nur schon bestimmt eine Woche auf dieser Reise. Wie geht es den anderen Ordensmitgliedern? Kommen sie ohne mich zurecht? Ich habe Vertrauen in Raphael und Jule, natürlich auch in Rhys. Aber .. mir wäre wohler, wenn ich da wäre. 


Meine Gedankenspiele wurden jäh unterbrochen, als sich die Türe wieder öffnete und der junge Waffenbruder in Begleitung eines Ordensritters zurückkam. Der alte Herr in Sôlaner Kampfesmontur wurde sicherlich nur durch seinen beeindruckend gezwirbelten Schnauzbart und seine graue Haarmähne ausgezeichnet, zumindest blieben mir dieesé in Erinnerung. 
"Ordensritter Friedhelm, ihr seid Protektorin Amélie aus Neu Corethon, huh?"
Er reichte mir die Hand, welche ich sogleich schüttelte. Sein fester Griff war dem eines Sôlaners würdig. 
"Ganz recht, seid bedankt für eure Hilfe. Euer junger Waffenbruder hat mir bereits mitgeteilt, dass mein Brief rechtzeitig angekommen sein soll. Habt ihr etwas mitbekommen? Habt ihr ihn gefunden?" Voller Eifer stellte ich ihm Frage um Frage, um dann eine nüchterne Antwort zu bekommen.
"Nun, wir haben es versucht und sind beim Streifgang an der Taverne gescheitert. Alles .. seine Schuld!" Friedhelm zeigte auf den Waffenbruder, welcher seinerseits nur abwehrend und resignierend die Hände hob.

"Ihr habt euch statt meiner Bitte anzunehmen, die Kante gegeben? Wollt ihr mir das mitteilen?" enttäuscht blickte ich im ins Gesicht an. Er nickte lediglich, versuchte es mit einem Grinsen zu überspielen. Aber das wirkte nun lange nicht mehr, Friedrich hatte es am Anfang auch immer so versucht. Nein, nachdem ich mich schon mit dem Abschaum der Stadt geschlagen habe, wurde ich auch hier enttäuscht?

"Deyn Cador, ewiger Herr im Himmel – zuerst kriege ich hier von irgendwelchen davonrennenden Halunken Schläge ins Gesicht und dann verbringt der hiesige Orden lieber seine Zeit in der Taverne. Kein Wunder, dass ihr die Prüfung nur knapp bestanden habt, Bruder Friedhelm."

Sein entsetzter Blick ist mir bis jetzt im Gedächtnis geblieben. "Woher wisst ihr das?! Das haben wir doch keinem erzählt, das unterliegt der Vertraulichkeit!" 
Ich musste ihm nicht antworten, er hatte es wohl schon bei seinen ersten Worten vermutet. Langsam drehte sich sein Blick zu seinem jungen Waffenbruder, der wieder abwehrend die Arme hochriss. 
"Es war ein Versehen, gar keine Absicht, ich schrubbe die Latrine ja schon, ist ja gut, ist ja gut!"

Ich konnte diesen Hühnerhaufen nur mit einem Seufzen abstrafen. Es war doch überall dasselbe, anderer Orden, anderer Ort, selber Inhalt. So würde ich nicht weiterkommen. 
"Bruder Friedhelm, leiht mir euren Waffenbruder als erste Strafmaßnahme aus. Ihr selbst haltet bitte weiter Ausschau nach dem Gesuchten. Waffenbruder, wie heißt ihr überhaupt? Bringt mich zur Hafenmeisterei, fangen wir mit dem Schiff der Silberlegion an."

Es wurden keine großen Fragen mehr gestellt und überhaupt nur eine Frage beantwortet. "Sebas". Der Waffenbruder hieß Sebas.

Meine blutige Lippe, mein vernarbter Körper und eine klare Ansage halfen bei kleineren Orden schon eine Menge. So schnell würde mich hier vermutlich niemand anzweifeln.

Wohin das Schiff der Silberlegion ausgelaufen war, würde ich nur im Post- und Zollamt am Hafen erfahren können. Falsche Angaben gegenüber den Seefahrtbehörden würden nicht einmal Söldner der Silberlegion in Kauf nehmen, so naiv waren sie nicht. Wenn die Legion in Richtung des Festlandes aufgebrochen waren, würde Lichtblatt noch bei ihnen sein. Meine Möglichkeiten ihn dann von hier zeitnah zu erwischen, bevor er in Leändrien verschwindet, wären äußerst gering.


Wir eilten über die sich weiter füllenden Straßen und kamen schließlich wieder am Hafen an. Neben der großen, dreistöckigen Taverne "Humpenhauer" aus denen allerlei sündenhafte Geräusche zu vernehmen waren, befindet sich das noch größere und ordentlich geziegelte Post- und Zollamt. Wir traten gemeinsam in die Schalterhalle, in denen Briefe geschrieben und in Umschläge verpackt, Postzustellungen sortiert und allerlei Stempel im immergleichen Takt auf Papier aufgeschlagen wurden. Ein einzigartiger Ort, jede Post- und Warensendung der Unbekannten Lande musste zumindest auf dem Papier hier durch. 

Ohne Umschweife stiefelte ich an der Warteschlange vorbei zum Tresen. Ich war mir sicher, dass mir unzählige wütende Blicke und fremdsprachige Beschimpfungen zuteil wurden, aber sei es drum. Ich hatte keine Zeit mehr. Bevor ich jedoch überhaupt das Wort gegenüber den Menschen hinter dem Tresen eröffnen konnte, zog mich Sebas zur Seite.
"Was macht ihr denn da? Kommt mit, kommt mit, ich kenne doch die gute Johanna! Wir sind .. gute Freunde, genau, sehr gute Freunde! Ich bekehre sie zum Glauben Deyns, so mache ich das!"

Kopfschüttelnd ließ ich mich leiten, wir kamen am rechten Ende des Tresens an, neben uns befand sich die holzvertäfelte Wand. Eine hübsche junge Dame trat lächelnd auf Sebas und mich zu: "Ah da bist du ja endlich, Lie .. du Lieferbursche." 
Sie wirkte nicht sehr sicher in ihrer Wortwahl, nachdem sie mich erblickt hatte. Man muss nicht lange auf diesem Kontinent verweilt haben, um zu wissen, was hier vor sich ging.

Johanna half uns. Ohne Zögern. Das große Schiffsregister verriet uns, dass das Schiff der Silberlegion nicht ans Festland aufgebrochen war, sondern weiter in den Unbekannten Landen verbleiben würde. Sie setzten nur mehrere Fässer Fracht ab, keine Personen hätten das Schiff verlassen. 

Seit Tagen war kein Schiff aus Vladsburg mehr zum Festland aufgebrochen, sie blieben alle wegen eines angekündigten Sturmes zunächst im Hafen liegen. Doch eben dieser Sturm sollte sich bald legen..


Lichtblatt muss sich also noch irgendwo hier auf der Insel befinden. Ich werde meine Suche Morgen fortsetzen und mich weiter umhören. 
Für heute kehrte ich zum Schiff der Sôlaner zurück, begab mich unter Deck zu Yuki und fing an einen Brief an meinen treuen Orden zu verfassen. Anschließend ließ ich mich in meiner Hängematte nieder, doch dann .. fiel mir ein altes Gebet wieder ein.


Die nachfolgenden Zeilen sind in feinstem Sorridianisch verfasst:

Mein liebster Mikael,
mein edelster Sôlerben,
bleibt mein Hirten in der Dunkelheit,
leitet mein Schild vor all die Unschuldigen und Schwachen,
lasst mich diejenigen vor der Gefahr bewahren, die sich nicht verteidigen können
und führt eure Kraft auch entgegen aller Widersacher.

Für mein weltliches Leben und meine ganze Kraft,
aufopferungsvoll,
bleibt an meiner Seite und beschützt auch all meine Lieben.


Zu viele habe ich verlieren müssen,
zu viel Schmerz in all den Jahren erleiden.
Lass meinen geschundenen Körper ihr Schild sein.
Für Jule, für Raphael, für Rhys, für Friedrich, für Karl und Anna.
Für Franz, Dysmas, Salvyro und all die anderen treuen Wegbegleiter.

Amen.

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#4


II - Vladsburg
02.09.1351

Die Hängematte schaukelte mich halbwegs schnell in den Schlaf, doch ließen mich meine Träume wieder nicht allein. Eine ruhige Nacht sollte mir wohl vorerst nicht vergönnt sein. Wieder und wieder erlebte ich den Verlust meiner Kameraden auf dem Weg zu Michael Bonnington während unserer Rückkehr nach Corethon. Wie Franz in den Fluten versank und seine gurgelnden Schreie tagelang in meinen Ohren klangen, wie Jule in den glühenden Flammen verbrannte und mich hoffnungvoll lächelnd anschaute oder wie Friedrich vor meinen Augen zerstampft wurde.

Nach unzähligen Wiederholungen dieses schrecklichen, nerven- und verstandzehrenden Abenteuers durfte ich endlich aufwachen. Mein Körper war schweißgebadet und auch nachdem Yukis Zunge mir einmal quer über das Gesicht gefahren ist, konnte ich das Zittern meines Körpers nicht unterbinden. Warum straft Deyn mich mit diesen grauenhaften Träumen ab? Sie erinnern mich jedoch stets daran niemals meine Ziele aus den Augen zu verlieren.

Nachdem ich meinen geschundenen Körper halbwegs gereinigt und meine Rüstung angelegt hatte, trat ich auf das Oberdeck und beriet mich mit Konrad von Erlichshausen. Er konnte meinen Ausführungen weitgehend folgen und schlug vor, dass ich mich an alle Schiffsführer im Hafen wenden solle. Eine Anweisung eines Ordens des Sôlerben leichtfertig zu unterschlagen, war sicher keine ratsame Idee. Natürlich wäre es mir schwierig gewesen weltliche Anordnungen durchzusetzen oder zu rechtfertigen, aber meine reine Präsenz reichte im Zweifelsfall, wie bereits in der Vergangenheit, aus.

Mein Weg führte mich daher in die große Taverne im Zentrum des Hafens – den Humpenhauer. Die aus hölzernem Gebälk errichtete Spelunke war in keinem besonders ansehnlichen Zustand. Das schien aber die Bewohner und Besucher Vladsburgs nicht davon abzuhalten bereits in den Morgenstunden vom Alkohol zu zehren oder eine sündenhafte Nacht dort zu verbringen. Mit einem wuchtigen Schwung stieß ich die beiden Doppeltüren auf und hatte sogleich allerlei Blicke auf mich gezogen. Eine weibliche Ordensritterin des Sôlerben in voller Kampfesausrüstung betrat wohl nicht jeden Tag dieses Etablissement.

Von links nach rechts zogen sich hölzerne Tische und einfache Stühle mit allerlei menschlichem Gesindel, lediglich unterbrochen durch den massiven Tresen an dem ununterbrochen Biere gezapft und Speisen gereicht wurden. Einigen Besuchern war ihr krimineller Hintergrund bereits bei einem Blick ins Gesicht anzusehen, bei anderen erst auf den zweiten oder dritten Anlauf. Nichtsdestotrotz – Berthold Lichtblatt war nirgends zu sehen.

Ich beschloss hier in der Taverne nach den Kapitänen Ausschau zu halten, schließlich war ich hier in dem Anlaufpunkt für Seeleute in den Unbekannten Landen schlechthin. An einem freien Tisch nahm ich Platz und bestellte bei einer jungen Dame eine warme Mahlzeit. Meinen Rücken drückte ich mitsamt meiner wuchtigen Ausrüstung gegen die hinter mir liegende Wand, sodass ich den Tavernenraum einwandfrei beobachten konnte.

Auch dies blieb natürlich nicht lang unbemerkt. Nachdem mir meine dampfende Mahlzeit gebracht wurde, gesellte sich gleich ein zwielichtiger Kerl zu mir. Ohne jeglichen Anstand zog er sich einen Stuhl an meinen Tisch, setzte sich mit der Brust zur Lehne breitbeinig darauf und lächelte mich schäbig an.

"Was macht'n 'ne so hässliche Sôlanerin hier?" fragte mich der kahlrasierte und in schwarze Leinen gekleidete Fremde. Seine Zahnlücken ließen auf endlose Schlägereien in diesen Räumlichkeiten schließen.

Zunächst ein wenig verwirrt, dann gewohnt erbost, konnte ich ihm keine Freundlichkeit oder Güte entgegenbringen. Das hätte er wohl auch nicht erwartet. Mein Gesicht verfinsterte sich spürbar und die furchtbare Narbe auf meiner linken Seite pulsierte vor Schmerz.
"Wollt ihr unbedingt weitere Zähne verlieren oder weshalb wagt ihr es mich derart zu beleidigen?"

Er hob abwehrend seine Arme.
"Keine Sorge, keine Sorge, ich will doch nur'n 'nem verlorenen Schäfchen wieder in'n Stall helfen. Was machst'n hier?"

Ich konnte nur Seufzen, er würde wohl nicht lockerlassen. Vielleicht würde er mir ja gar nützlich werden. Soll mir das Glück des Marcos Hold sein. Was habe ich denn zu verlieren gehabt? In Tasperin sagt man doch so gern: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt."

"Ich suche Jemanden."

"Ja, das hab' ich auch schon gehört, Schäfchen. Die Narbe da auf deiner Wange erkennt'n altes Scharfauge, wie ich, auf hunderte Meter. Hast'n ganz schönen Ruf hier."

"Einen Ruf? Sprich weiter, sonst gehen wir wegen eurer anfänglichen Worte vor die Tür."

Der Mann schien zunächst ein wenig zu erschaudern, als ob er mir glauben würde oder vielmehr, es wirkte so, dass eine gewisse Angst in seinem Blick zu sehen war. Auf Neu Corethon wirkten solche Einschüchterungen in den seltensten Fällen. Liegt den Menschen hier tatsächlich etwas an ihren Leben?

"Naja, Sôlanerin mit einer fiesen Narbe im Gesicht, bewaffnet bis an die Zähne und von diesem hoffnungslosen Inselchen Neu Corethon, nehmt euch in Acht, heißts doch. Ihr Faustschlag bricht Knochen und ihr Schwert sollt' 'se lieber stecken lassen. Solche Kunde verteilt sich hier schnell auf unser'n Inselchen."

"So? Seid bedankt für eure ....".
Ich zögerte eine Weile, bevor ich fortfahren konnte.
"....Ehrlichkeit. Dann würde ich euch gern anraten, mir zu helfen, damit mein Faustschlag nicht auch eure Knochen noch bricht."

Er nickte, wenngleich auch zögerlich. War er tatsächlich beeinflusst durch irgendwelche Gerüchte? Meinen Ruf? Waren diese Schläger abgehauen, weil sie meine Narbe erkannt haben? Wie in aller Welt verbreiten sich diese Gerüchte über die Inseln überhaupt? Deyn stehe mir bei, nachher bekomme ich noch einen schäbigen Titel.

"Heh, war wohl nicht so schlau mich herzusetzen 'ne`? Dann schieß mal los und erzähl' wen du hier suchst. Auf's Maul will ich nämlich nicht bekommen, gerad' nicht von der Schlächterin der Ordnung aus Neu Corethon, hehe."
Er lachte dreckig. Sehr dreckig.

Aber da war er – ein schäbiger und scheußlicher Titel. Ich konnte mich dem wohl nicht entziehen. Was für eine Schmach. Aber es nützt nichts, niemals, es galt weiterzumachen. Wie immer schon.
Ich gab ihm eine Beschreibung des Gesuchten, ohne seinen Namen zu erwähnen. Einige Münzen sollten dabei helfen, dass diese zwielichtige Gestalt mir half. Er schien gut informiert, vielleicht würde es sich auszahlen. Was hatte ich zu verlieren, außer ein wenig Geld? Nichts. Ich musste alle Strohhalme ziehen, die ich finden konnte. Mit welchem Hintergrund er sich an diesen Tisch setzte, blieb mir dennoch bis zum Ende fraglich.

So schnell, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Wir wollten uns am Abend wieder vor der Taverne treffen. Sollte er nicht erscheinen, so gnade ihm Deyn höchstselbst.
Anschließend wandte ich mich wieder meinem eigentlichen Ziel zu – den Seefahrern und Kapitänen der Schiffe. Tatsächlich fanden sich recht schnell einige Seeleute, die ich unter hinreichend strafenden Blicken und Ermahnung ihres Seelenheils dazu bringen konnte, mir zu antworten. Sie hätten auf ihren Lastenkähnen keine Gäste und würden auch sonst niemanden mitnehmen. Die Aussagen der Matrosen empfand ich als recht glaubwürdig, sodass ich diese beiden Schiffe zunächst auslassen würde.

Berthold Lichtblatt würde von hier fliehen wollen – die Frage blieb nur mit welchem Schiff. Also setzte ich meine Suche Schiff für Schiff fort. Eine Karavelle mit exotischen Gütern wollte demnächst nach Patrien aufbrechen, mit dem Kapitän konnte ich mich in meiner Muttersprache unterhalten. Er versprach mir auch die Augen offenzuhalten und dem Orden Kunde zu schicken, falls er etwas beobachtete. Ein guter und deyngläubiger Mann.
Die Besatzung des großen Schoners daneben war mir weniger wohlgesonnen und sollte zeitnah nach Carviel aufbrechen, so berichteten es mir zumindest die Matrosen. Sie würden vermutlich eher bei nächster Gelegenheit die Flagge der Totenköpfe aufziehen und sich der Piraterie hingeben, aber Deyn vergebe mir, das ist keine Aufgabe für mich.

Auf dem Schiff dahinter suchte der Kapitän verzweifelt nach einem Medikus für seine Tochter, doch ich würde ihm nicht helfen können. Auch die letzte Brigantine brachte mir keinen Erfolg, sodass ich zunächst für einige Stunden durch die Gassen der Stadt wanderte und suchte. Geschäfte um Lagerhäuser, Gassen um verwegene Winkel durchkämte ich mühselig.

Dabei suchte ich doch nur nach einem elenden Verbrecher, welcher es gewagt hatte in die Priorei einzudringen. Einem Verbrecher, der sich keiner Scham und keiner Reue bewusst sein kann. Einem Verbrecher, der wertvolle Papiere für seine dreckigen Machenschaften gestohlen hat. Und doch war ich mir sicher – diese Briefe sind nicht bei ihm geblieben, nein, er hat sie jemandem übergeben, der daraus seinen Nutzen ziehen sollte.

Berthold Lichtblatt – ich finde dich und führe dich deinem letzten Urteil – dem ewigen Urteil Deyn Cadors – zu. Niemand entkommt der Gerechtigkeit der Ordnung.


Meine Suche über den Tag blieb jedoch vergebens.
Enttäuscht und ergebnislos kehrte ich am Abend schlussendlich zur Taverne zurück.

Der zwielichtige Kerl erfüllte seine Pflicht und ersparte sich damit ein unweigerlich schlechtes Schicksal. Doch enttäuschte mich seine Antwort – er hatte nichts herausgefunden. Ich wusste nicht wirklich, ob er die Wahrheit erzählte oder log, ihn dafür zu bestrafen war aber sicher nicht recht.

Grummelnd betrat ich das Ordensschiff und verzog mich unter Deck in meine Hängematte. Möge ein neuer Tag neues Licht in das Chaos werfen und mich an das Ziel meiner Suche führen.

Die mich nächtlich begleitenden Albträume sollten mich auch in dieser Nacht nicht loslassen. Ich hörte die schmerzerfüllten Rufe Franz Gerbers, als sein Körper von dämonischen Mutationen überzogen wurde und  Schwertstöße und Keulenschläge auf seinen Körper einprasselten. Ich sah Salvyro, wie die Pfeilhagel seinen Körper niederstreckten und ihn blutend am Boden zurückließen. Ich sah Sir Ripel, wie er für uns in den Kampf gegen das steinerne Geschöpf das Mannsweibes trat und krachend in der Wand versenkt wurde.
Ich fühle, wie ich immer weiter gegen diese Anblicke abstumpfe, diesen schrecklichen Anblick überdüssig werde.

In den frühesten Morgenstunden – die Sonne muss sich gerade über dem Horizont erhoben haben – wurde ich unsanft aus dem Schlaf geweckt.

Konrad von Erlichshausen polterte über das Holzgebälk des Schiffes und klopfte an die Außenwand, um mich aufzuwecken. Meine seichte Ruhe ließ mich direkt senkrecht im Bett aufsitzen und den adretten Ordensritter anschauen.
"Amélie, da verlangt ein merkwürdiger Kauz nach euch. Soll ich ihn verscheuchen?"

"Nicht nötig." antwortete ich knapp und trat noch in meiner Leinenkluft, nur mit dem Schwertgurt an der Hüfte, auf das Oberdeck. Am Pier stand der bezahlte Schuft mit einem weiten Grinsen.

"Da 'isse ja, meine liebste Ordensrittern! Ich hab' da was' ganz Feines für euch. Dabei springt doch sicher noch was' für mich raus, nicht?"

"Habt ihr ihn gefunden?" fragte ich ihn zischend.

Er quittierte meine Frage mit einem Nicken.

"Wartet hier. Ich bin gleich bei euch. Ich bete für euch, dass ihr mich nicht anlügt." Ich stürmte wieder nach unten, legte meine Ausrüstung in Windeseile an und folgte dem Mann über den großen Steg am Hafen, vorbei am Humpenhauer und dem Post- und Zollamt, entlang der Lastenkrähne, über den letzten – mittlerweile freigewordenen Steg.

Es hätte mir direkt klar sein sollen. Lichtblatt war ein Heilkundiger, welche andere Wahl hatte ein mittelloser Verbrecher denn gehabt? Natürlich musste er auf diesen Kahn! Natürlich!

Seine grässliche Fratze erhob sich am Ende des Schiffes, fast, als würde er einen verabschiedenen Blick auf die Neuen Lande wagen. Als würde dies sein letztes Mal in dieser Stadt gewesen sein, als ob er sich gar sicher sei, dass er mich abgeschüttelt hatte. Aber nein, das hatte er nicht.

Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ich war ihm auf den Fersen. Und würde ihn so schnell nicht verlieren.

Niemand entgeht der ewigen Ordnung des einzigen Herren Deyn Cadors. Niemand darf ihr entgehen.


Mein kahlrasierter Informant sollte mit einigen Gulden belohnt werden, er hatte mir gute Dienste geleistet. Ich wollte nicht wissen, womit er sonst sein tägliches Brot erarbeitet, aber rechtschaffene Mittel waren es sicher nicht. Deyn vergebe mir, meine Buße für diese Hilfe werde ich tun.

Schnellen Schrittes wanderte ich durch die Stadt und griff mir den jungen Ordensritter Sebas vor der Kirche. Er müsste mir nochmal mit seiner kleinen Freudin Johanna helfen und würde mein Schweigen über seine Liebelei als Gegenleistung bekommen. Ich war nicht hier, um gegen meine eigenen Sôlaner tätig zu werden.

Johanna fand schnell heraus, wohin das Schiff mit meinem Ziel aufgebrochen war – Kaledon. Ich vollendete meinen Brief an meinen Orden noch am Tresen und bat ihn nach Neu Corethon zu senden.

Mein Aufenthalt in Vladsburg wurde just beendet, als von Erlichshausen mir stolz verkündete, dass er alle Vorbereitungen für längere Fahrten bereits abgeschossen habe. Einen Zwischenstopp in Kaledon werde das Schiff der Sôlaner für mich machen.

Wir stachen in See.
Das Meer sollte mir wieder genug Zeit geben, um mich meinen Gedanken und mir selbst zu widmen.
Möge Deyn mich leiten und möge Marina uns gute Winde bescheeren.

Am Ende der Seite wurde ein altes Kindergedicht in Sorridianisch niedergeschrieben.

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#5
III – der Ozean

15.10.1351

Das Leben eines Seemannes ist vermutlich nicht das schlechteste auf dieser Welt. Wären da nicht all die einhergehenden Gefahren voller Krankheiten, Piraten, Ungeheuer und Stürme, die einen jeden Tag aufs Neue vor den ewigen Herrn Deyn Cador senden könnten.

Das stete Knarzen der Holzdielen, Krächzen der uns begleitenden Möwen und Aufschlagen der Wellen am Bug scheint eine beruhigende Wirkung auf mich zu haben. Meine Albträume vergehen keineswegs, aber sie werden zumindest ertragbarer. Vielleicht auch, weil ich mich ihnen stellen kann während ich auf das Glück des Heiligen Marcos angewiesen bin.

Meine Zeit auf dem Schiff widmete ich meinem eigenem Drängen langsam Antworten auf all die mir selbst gestellten Fragen zu finden. Tagsüber half ich die eher einfache Arbeit an Bord zu verrichten, kochte – mit großem Dank der Besatzung – für meine Ordensbrüder und war wohl bald halboffizielle Schiffsköchin. Meine patrische Kochkunst erfreute meine eher däftige und geschmacklich einfachere Kost gewohnten männlichen Begleiter an Bord. Und so konnte ich mir hin und wieder selbst auch einen kleinen weltlichen Gefallen tun.


Kann und darf ich meiner Prüfung gerecht werden?
Kann ich es nicht?
Was ist, wenn ich fehlschlage?
Was passiert mit mir?


Je länger ich darüber nachdenke, während ich auf den endlosen Horizont starre, sind dies die Fragen, die mich immer wieder begleitet haben. Während all unserer Prüfungen. Während all unserer Schicksalsschläge. Während meines ganzen Lebens.

Die Antworten handeln nicht von einem Können oder Dürfen. Ich muss meinen Prüfungen gerecht werden. Ich habe einen Eid, eine Verpflichtung. Ich habe doch geschworen, mich als glühendes Schild vor all die Gläubigen zu stellen. Wozu habe ich mein Leben bisher gelebt, um hier einzuknicken? Nein, das kann es wahrlich nicht sein.

Ich schulde es den Anderen. Den gefallenen Kameraden. Ihm, unserer größten Hoffnung. Ich schulde es dieser Welt, die mich immer wieder aufnahm und mir einen Platz gab. Die Ordnung muss und wird obsiegen.

Obgleich meines Opfers, obgleich meines Verlustes, bis zum bitteren Ende werde ich an vorderster Front meine Pflichten erfüllen. Und selbst, wenn diese Reise meine letzte Prüfung sein wird, trete ich ihr mit derselben Entschlossenheit entgegen. Für meinen Orden, für diese Welt und meinen einzigen Herren.

Als die erste Nacht auf unserer langen Fahrt nach Kaledon anbrach und die Dämmerung längst vorüber war, ließ ich meine Beine über den dahinrauschenden Ozean hängen. Eine erschreckende verschluckende Dunkelheit tat sich unter mir auf. Die eindringliche Stille zu dieser Stunde ließ mich ein wenig zur Ruhe kommen, meine Gedanken sammeln.
Das auf meine Narben spritzende Salzwasser rief mir dennoch den Schmerz vergangener Schlachten und Taten in den Kopf, ich war gezeichnet. Niemals würde ich vergessen können. Und dürfen.


Bin ich nicht eigentlich die Sünderin?
Gehöre ich nicht bei vollem Bewusstsein ins Fegefeuer gestoßen, anstelle meines Platzes bei Sôlerben oder im Bollwerk?


Ich habe gesündigt. Ich habe schreckliche Sünden begangen. Ich gestehe sie mir ein. Ich habe Buße getan. Mein Körper und meine Vergangenheit sind eine niemals endende Buße.

Aber habe ich auf der Gegenseite nicht auch so viel Gutes getan? Ist es mir gestattet solch eine Abwägung zu treffen? Das Gute wiegt das Schlechte auf? Die Ordnung das Chaos? Nein, das kann es nicht sein. Deyn Cadors Welt besteht aus unendlicher Ordnung. Man kann nur das Leid der Betroffenen mit guten Taten mindern, nicht jedoch seine Schuld sühnen oder ausgleichen.

Es kann nur die Buße sein, die die Sünde bereinigt. Wenn die Sünde zu groß ist, sie zu viel Leid angerichtet hat, wird Deyns letztes Urteil richtend sein. Es gibt nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten – Fegefeuer oder Deyns Reiche.

Ich, meine Seele, wird hinauffahren oder hinabgeworfen. Auch diesem Urteil stelle ich mich. Denn ich allein, nur ich allein, trage die Verantwortung für all mein Tun.

Schließlich zweifle ich nicht an Deyns Entscheidungen, nein, sie waren und sind immer gerecht. Hoffnung gilt es zu bewahren, Hoffnung niemals fallen zu lassen.


An den folgenden Morgen wachte ich immer wieder schweißgebadet auf. Ich hörte eine entfernte Stimme, sie war so weit entfernt – aber doch so bekannt. Es wirkte, als ob sie mir ins Gewissen flüstern wollte, mir meinen Weg weisen wollte, aber die Worte verstand ich nicht.
Nacht um Nacht verschwamm mehr der Stimme, trotz meiner sinnlosen Versuche sie endlich zu verstehen.

War es Salvyro? Dysmas? Vielleicht Franz? Ich hatte diese Stimme so oft gehört, ich .. sie fühlte sich wohlig und beschützend an. Ein Gefühl der Wärme kam am Anfang jeder Nacht auf, doch wurde es mir nach wenigen Augenblicken entrissen. Die Wärme zog sich fern von mir, eine Angst stieg in mir auf. Sollte das meine Hoffnung oder gar meine Zukunft? Erlebte ich jede Nacht, wie sie von mir ferngezogen wurde?

Oder wie ich mich weiter von meinem eigentlichen Ziel entferne? Lichtblatt war schließlich nicht mehr der einzige Grund für diese Reise, diese Prüfung. Nein, ein Schritt nach dem Anderen. Wenn wir schon irgendwo in Kaledon anlegen, würde ich auch zeitnah nach Weidtland reisen können. Hugo Feuerstein läuft mir sicher nicht davon.


Warum straft mich Deyn mit diesen grauenhaften Träumen ab?


Damit ich mein Ziel vor Augen behalte, nicht vom Wege abkomme. Damit ich weiterhin nur und ausschließlich nur für die Ordnung eintrete.

Als Zeichen meiner Stärke. Meiner Resolution für meine allgeliebte Ordnung.

Sei die glühende Flamme Sôlerbens und Schild der Ordnung Deyn Cadors, Amélie.

Die Tage und Wochen verstrichen, ich integrierte mich halbwegs in die Besatzung und tat meinen Teil. Mit dem Großteil konnte ich halbwegs angenehme Konversationen führen, sie alle hatten bewegte Geschichten. Schicksalsschläge erlebt, persönlich vielleicht schrecklicher, als meine Vergangenheit. Wir alle tragen unendliches Gewicht auf den Schultern. Das ist das Opfer, was wir für den Schutz der Ordnung aufbringen.

Mit Konrad von Erlichshausen plante ich sichere Wege durch die schroffen Klippen Kaledons, um Anlaufpunkte an die größeren Städte zu haben.
Von dem vor uns fahrenden Schoner mit Lichtblatt darauf war aber weit und breit nichts zu sehen., obgleich das Krähennest zu jeder Zeit besetzt war und Ausschau halten musste.

Nach fast drei Wochen tauchte dann eine übermannende Nebelwand vor uns auf, wo eigentlich die Küste Èireanns hätte sein müssen. Das überwältigende Massiv aus endlosem Grau wirkte wie eine undurchdringbare Mauer. Auch ohne große Worte wurde schnell klar, dass wir nur entlang dieses grauen Walls fahren konnten.

Was auch immer das Wetter zu einem solchen Spiel getrieben haben musste, war wirklich beeindruckend und einschüchternd. Es wirkte als sei das ganze Land – eine ganze riesige Insel vereinnahmt von dem grauen Schleier.

Meine Faszination vor dem grauen Nebel wurde jäh durch einen Ausruf aus dem Krähennest unterbrochen:
"Amélie – dort vorn! Das Schiff aus Weidtland!"

Ich stieg nach vorn an den Bug des Schiffs, griff das mir gereichte Fernglas und suchte die in den Kanal zwischen Èireann und Weidtland einfahrenden Boote ab. Und tatsächlich – recht schnell erblickte ich den ebenso auf den Nebel starrenden Berthold Lichtblatt.

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#6

IV – Die Weidtländer

16.10.1351

Es muss bereits später Nachmittag gewesen sein, als wir das weidtländische Schiff mit seinem Ziel in Kaledon endlich entdeckt hatten. Hin und wieder zahlte es sich doch aus meine Ordensbrüder auf meine Seite zu ziehen, zumindest hielt der Mann so im Krähennest so stetig Ausschau nach dem fliehenden Lichtblatt.

Er mag mir zwar zweimal haarscharf durch die Finger geglitten sein, doch würde ich ihn dieses Mal nicht entkommen lassen, nein. Mit einigen wenigen markanten Worten ergriff ich das Kommando über die Besatzung und ließ von Ehrlichshausen als einen staunenden Gehilfen zurück. Ich bin wirklich froh, dass wir mit der Marina so oft in See gestochen sind. Raphael war zwar kein besonders aktiver Kapitän und ließ uns den körperlich anstrengenden Teil am Schiff allein machen, aber gab mir so immerhin die Möglichkeit grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse über diese schwimmenden Gefährte zu entwickeln. Deyn möge ihm dafür danken.

Wir nahmen die Verfolgungsjagd auf, an der ich gespannt abwartend am Bug des Schiffes teilnahm. Jeden Meter, jeden Schritt, den wir näher kamen, klammerte ich mich fester mit meinen Händen an die Reling. Nein, Berthold Lichtblatt, dieses Mal wirst du mir nicht entkommen. Ich habe eine Aufgabe im Namen des einzigen Herren Deyn Cador, ich lasse nicht zu, dass so ein verräterischer Halunke mir dazwischenkommt.

Während wir wie auf Flügeln über das Wasser glitten, zog die mysteriöse Nebelwand Éireanns an uns vorbei. Das wie ein Grauschleier daherkommende Dickicht wirkte aus der Ferne wie ein gigantisches, sich aufwölbendes Gebirge. Ich war froh, dass wir uns von diesem monströsen Sturm entfernten. Wer weiß, was dahinter gerade vor sich gehen würde..

Wellenschlag um Wellenschlag erreichten wir Lichtblatts Schiff, die Personen auf dem Deck wurden langsam erkennbar. Lediglich einige Seemänner und ein bärtiger Kapitän versammelten sich in einer Gruppe auf dem Steuerdeck am Bug. Er war nicht unter ihnen. Sie würden ihre Hände hoffentlich nicht für einen Verbrecher gegen Sôlaner erheben, so naiv wären sie sicherlich nicht.

Ich konnte es vor Anspannung kaum noch aushalten, ich brannte innerlich. Schweiß lief mir über die Stirn, Lichtblatt war nur noch eine Armlänge entfernt. Endlich prallten die beiden Schiffe gegeneinander, empörte Rufe wurden uns entgegengeschleudert. Aber wir Sôlaner standen bereits an Deck.

Ohne zu zögern griff ich mir den Kapitän, während die Besatzung sich um den Mast zu versammeln hatte. Zwei Ordenskrieger durchkämten die unteren Räume, kehrten aber bereits nach kurzer Zeit kopfschüttelnd zurück. Ich hatte sie gewarnt, dass unser Ziel ein gerissener Kerl ist und sich gut verstecken könne. Aber den wachsamen Augen zweier Sôlaner würde er unter Deck nicht entgehen können. Nur eine schlafende Frau sei noch in einer Kajüte, aber die kümmerte mich kein Stück. Diese Besatzung hatte genug Dreck am Stecken, dass sie offensichtlich einen gesuchten Verbrecher deckte und Schutz bot.

Der weidtländische Schiffsführer hatte keinerlei Interesse daran mir irgendwelche Informationen über den offensichtlich noch auf diesem Schiff befindlichen Lichtblatt zu hinterlassen. Durchgehend schüttelte er den Kopf oder suchte in verdrehten Lügen verborgene Ausflüchte, damit ich von ihm ablasse.

Er lernte mich und meine Faust kennen. Seine Lippen blieben dennoch zunächst versiegelt, wie ein verschlossenes und blutbeschmiertes Buch. Mir reichte es. Ich kochte förmlich über. Weshalb in Deyns gütigem und barmherzigen Namen nahm er Berthold Lichtblatt so in Schutz? Was für eine Verpflichtung hatte er sich aufgebürdet?

Wie sich später herausstellen sollte, war die junge Dame unter Deck die Tochter des Kapitäns. Und unser Gesuchter hatte sich fast schon rührend um sie gekümmert, ihr gar das Leben gerettet. Eine noble Tat, natürlich. Doch wiegen die guten Taten eines Lebens die schlechten Taten niemals auf. Nur die Buße und die Güte Deyn Cadors können eine Rechtfertigung in diesem Leben sein.

Ich biss mir auf die Unterlippe, glühte vor Anspannung – wo war dieser Mistkerl hinverschwunden? Es war Zeit dem Kapitän zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Ich stieß ihn zur Reling, schob seinen eher bulligen Körper über die hölzerne Brüstung und hoffte, dass der Anblick des Meeres ihm einen klareren Verstand verschaffen würde.

Er bekam ihn nicht.

Dennoch.

Diese kleine, schmächtige Gestalt, bewaffnet mit einer Schaufel. Schwimmend in einem hölzernen Fass. Er war es. Er versuchte erneut zu fliehen. Völlig verzweifelt. Ich folgte seinen Ruderbewegungen mit den Augen, während er immer tiefer sank und immer schneller ruderte. Ich konnte seine Angst förmlich riechen.

Die Anspannung fiel von mir ab, ich ließ die Weidtländer Weidtländer sein und setzte mit unserem Ordensschiff Lichtblatt nach. Es dauerte eine Weile bis wir ausreichend Abstand vom anderen Schiff erhalten hatten und wieder die volle Windstärke in unseren Segeln auffangen konnten. Ich beobachtete mein Ziel während seiner gesamten entarteten Flucht. Stück für Stück sank er ins Meer ein, bis ich ihn schließlich kaum noch ausmachen konnte. Waren wir zu spät? Würde er jetzt etwa jämmerlich in diesen Wellen ersaufen? Deyn steh mir bei, das wollte ich nicht zulassen. Ich habe diese Jagd nicht angetreten, damit er mir so einfach und feige davonkommt. Sein Leben mit einem selbsterfüllenden Tod beenden kann.

Das Beiboot krachte mit uns darin in das sich langsam immer stärker aufbäumende Salzwasser des Meeres. Mit hektischen Ruderbewegungen gaben meine Sôlaner alles, damit wir Lichtblatts Weg folgen konnten. Ich kniete vorne im Boot und suchte verzweifelt nach dem von den Wellen verschluckten Menschen. Ich spürte, wie ich meine Hände unbewusst zusammenballte, mir auf die Lippe biss und es nicht wahrhaben wollte. Er konnte nicht in diesen Gewässern sterben. Er durfte hier nicht sein Ende finden. Ich hatte doch noch so viele Fragen.

Wir ruderten und ruderten, sicherlich mehrere Stunden ziellos auf dem Meer umher, bis meine Kameraden mich wieder auf das Schiff zurückziehen mussten. Ich war verzweifelt. Wenn das Deyns Wille sein sollte, dann .. muss ich das wohl akzeptieren. Den Willen des Herrn habe ich in meinem Leben aber bereits ausreichend kennengelernt und so äußerte er sich nicht. Nein, eine derartige Barmherzigkeit vor ungesühnter Schuld kennt die Ordnung nicht.

In diesem Punkt waren Konrad von Erlichshausen und ich uns schnell einig. Wir wussten irgendwie, dass das hier nicht das Ende sein würde und dürfte. Die Sôlaner würden an meiner Stelle Aussicht mit dem Fernrohr halten, den Strand und die Gewässer um uns herum absuchen. Ich begab mich zu Yuki und hoffte, dass sie ihn finden würden.

Ich betete. Ich sprach etliche Male ein Gebet aus meiner Zeit im Orden des Heiligen Mikael, auch heute war er noch einer meiner Schutzpatronen, dessen war ich mir sicher. Spätestens bei jedem Blick auf die zweite Schwertscheide an meiner Hüfte mit dem darin befindlichen Heldenmut.

Die folgenden Zeilen sind wieder auf feinem und einwandfreien Sorridianisch abgefasst:

Mein ehrenwerter Mikael,
mein Leben gab ich dir für den Schutz.
Ich widmete mich deinen Tugenden,
der Tapferkeit und des tiefen Mutes in dunkler Stund',
der Verantwortung und all ihrer Konsequenz',
der Ehre und all ihrer endlosen Treu'.

Mein Leben gab ich dir für den Schutz.
Weise mir mit deinem leuchten Gelb stets den Weg.
Gebe mir die Kraft für mein Schild,
entgegen der Feinde und aller Widersacher,
für die Unschuldigen und Schwachen in deinem Namen.

Mein Leben gab ich dir für den Schutz.
Verbanne all die Ehrlosen aus unseren Reihen,
verjage die Feigen und Rücksichtslsoen von dieser Welt,
damit wir geschlossen stehen,
in fester Reih mit geschlossener Klinge,
um all das Leid dieser Welt zu sühnen.

Mein Leben gab ich dir für den Schutz.
Führe mich an mein Ziel,
sei mein Wegweiser und Schildträger.
Denn dafür gebe ich mich dir endlos hin,
damit am Ende das Bollwerk obsiegen wird.

Amen.

Ich merkte erst nach dem dritten Stoß gegen meine Schulter, dass meine Anwesenheit gebraucht würde. Mir wurde sofort bewusst, was das nur bedeuten konnte: Sie hatten ihn gefunden.

Im Schein des Mondes und der Öllaterne wurde mir das Fernrohr gereicht und eine Stelle am Strand gedeutet. Zweifellos lag dort der Schatten einer regungslosen Person im Schlamm, verdeckt von einigen wenigen Schilfgräsern. War es Berthold Lichtblatt?

Und wenn er es war – lebte er noch oder hatte ihn sein waghalsiger Fluchtversuch in den Tod gerissen?

Mit dem gleichmäßigen Schlag der Ruder kamen wir am Ufer an und suchten den Körper auf. Das Licht erhellte zunächst die braunen Stiefel, anschließend die stofferne graue Hose und das grünliche Hemd der dünnen Person. Das Gesicht, umgeben von kurzen dunklen Haaren, war halb in den Sand gedrückt und von uns abgewandt.

Mir sank das Herz in die Hose, ich wagte es kaum den Körper mit einem beherzten Stoß umzuwerfen. Für einen Augenblick glaubte ich es selbst nicht, aber da lag er – Berthold Lichtblatt.

Er atmete nicht mehr. In voller Panik begann ihn ihm auf den Brustkorb zu schlagen, in der Hoffnung, dass er nur krügeweise Wasser geschluckt hatte. Schlag um Schlag drang auf seinen Brustkorb ein, bis endlich Wasser aus seinem Mund lief und röchelnde Atemgeräusche zu vernehmen waren. Er lebte.

Gefesselt brachten wir ihn an Bord und sperrten ihn in eine der fensterlosen Kammern ein.

Ich hoffe, dass er sich mittlerweile ein wenig erholt hat. Denn ich habe eine Menge Fragen an ihn.


Ich danke dir, Deyn Cador, du ewiger Herr über Ordnung und Gerechtigkeit.
Ich danke dir, dass du mich nie aufgegeben hast.
Ich danke dir für all deinen Beistand und den Mut, den du mir schenkst.
Ich danke dir für mein Leben, meine Fertigkeiten und meinen einzigartigen Weg.
Ich danke dir, dass ich dir dienen darf.
Ich danke dir, Deyn Cador, du ewiger Herr über Ordnung und Gerechtigkeit.
Amen.

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#7

V – Berthold Lichtblatt

18.10.1351

Tja, was soll ich nur niederschreiben? Es ist einerseits viel passiert, andererseits auch nichts. Beginnen wir besser mit Berthold Lichtblatt, um ein wenig Ordnung in meinem Kopf zu schaffen.

Dieses trügerische, bleiche und schwächliche menschliche Etwas durfte sich zunächst anderthalb Tage in seinem Zimmer ausruhen. Wir gaben ihm ausreichend Wasser und Nahrung, sodass er wieder zu Kräften gekommen war. Es reichte mir ja völlig aus, wenn er Sitzen und Sprechen konnte.

Als ich die Zimmertür öffnete, wurde ich von einem wenig überraschten Lichtblatt begrüßt. Er hatte mich und meine Sôlaner in den vorherigen Tagen schon erblicken müssen und rechnete wohl mit einer Befragung, wie könnte er auch nicht? Seine Augen schienen sich an die Dunkelheit seiner Kammer gewöhnt zu haben und meine Öllaterne blendete ihn sichtlich. Es kam mir irgendwie zugute, dass er mein Gesicht, meine Emotionen, nicht ganz sehen konnte. Ich wusste, dass ich mich nicht immer im Griff haben werde. Ich durfte ihm keine Schwäche zeigen.

Unser Gespräch begann damit, dass ich ihn mit seinen Taten konfrontierte.
"Berthold Lichtblatt. Ihr seid in die Priorei des Sôlaner Ordens widerrechtlich eingedrungen, habt unsere Archive durchsucht und mehrere Briefe gestohlen. Wir wissen um eure Schuld. Sucht keine Ausflüchte und steht mir Rede und Antwort, dann wird Deyn euch ein gnädiges Schicksal gewähren."

Er schluckte. Schien fast ein wenig eingeschüchtert und unsicher. Als er dann die Stimme erhob, klang sie fast gebrochen. Ich bin mir weiterhin unschlüssig, ob es an meiner Präsenz oder an all den Strapazen lag, die er durchgemacht hatte.

"Ich .. weshalb verfolgt IHR mich? Waren meine Taten wirklich so schlimm?"

War das ein Geständnis? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wohlmöglich spielte er nur auf alle seine kleinen Geheimnisse, die Fräulein Chilaili uns munter ausplauderte. Sollte ich ihm etwas preisgeben? Nein, ich denke nicht. Diese Themen bedürfen keiner weiteren Mitwisser, die entstehenden Konsequenzen sind zu gefährlich. Für mich, für meinen Orden, für alles, was mir lieb und heilig ist. Und .. ich hätte nur eine Möglichkeit mit ihm zu verfahren, sobald diese Farce hier beendet ist.

Ich unterhielt mich lange mit ihm. Kam über mehrere Tage immer wieder in die Zelle, in der wir ihn gefangenhielten. Stets und ständig wich er meinen Fragen aus, antwortete nie wirklich sondern wollte Antworten. Antworten über meine Beweggründe. Und ehrlich gesagt, ich verstehe ihn. Irgendwo in seinem kleinen Verbrecherkopf wird er aber hoffentlich auch wissen, warum ich ihm keine seiner Fragen beantworten kann.

So langsam – nach nunmehr drei Tagen – bringt er mich aber wirklich zur Weißglut. Seine Fähigkeit mit Worten jeglicher Konsequenz aus dem Weg gehen zu wollen, hat ein beachtliches Maß erreicht. Stets gesteht er sich ein, dass er am Ort der Tat war oder in der Nähe davon, aber selbst beteiligt? Darauf antwortet er ausschließlich ausweichend und umgehend, niemals verlässt ein falsches Wort seinen Hals. Er ist gerissen, soviel muss ich ihm lassen.

Und dann kommen noch diese ewig bohrenden, fast schon kessen Fragen, hinzu. Ich bemühe mich wirklich an mir zu halten und ihn nicht jetzt schon zu dem Haufen Elend prügeln, der er ist. Morgen lasse ich ihn aber nicht mehr ungeschoren davonkommen. Ich kriege meine Antworten. Das weiß ich. Und er auch.

Während unter Deck noch wenig Aufregung herrscht, erleben wir bei unserer Fahrt gen Asmaeth über Deck Einzigartiges. Die Nebelwand um Éireann erhebt sich fast schon majestätisch hoch, die Bezeichung als Massiv ist mittlerweile eine Untertreibung. Höher, als alle Bauwerke und alle Gebirge, die ich jemals gesehen habe, es ist ein einziges graues Unheil. Was auch immer dahinter liegen oder vor sich gehen mag, entzieht sich aller deynistischen Ordnung.

Die Schiffe halten allesamt den weitestmöglichen Abstand. Selbst unser Steuermann steht mit zitternden Händen am Ruder, das Ordensschiff bewegt sich nur wenige Handflächen entfernt von den Sandbäcken Weidtlands. Man könnte fast meinen, dass wir täglich auf Land auflaufen müssten, aber irgendwie haben wir es bisher vermeiden können.
Die Menschen schauen uns mit Ausdrücken voller Ehrfurcht und Angst, von ihren Schiffen aus, an, wenn wir an ihnen vorbeifahren. Sie fragen, was das elende Grau ist, woher es kommt und was es anrichten wird. Und wir, wir stolzen Sôlaner, wir haben keinerlei Antworten auf diese Fragen.

Was sollen wir ihnen auch sagen?
Was können wir ihnen überhaupt sagen?
Nur Mut und Gebete. Besser, als Nichts, nicht wahr? Wir beten viel, haben sogar eine kleine Messe abgehalten. Die umliegenden Schiffe baten in den frühen Morgenstunden darum, wir ließen die Bürger und Seeleute übersteigen und hielten unter dem großen Deynkreuz mit einem Banner des Sôlerbens am Hauptmast eine kleine Predigt ab.

Wobei wir, wiedermal ich, meint. Am Ende sind meine Brüder eher Krieger für den Glauben als Prediger und Verfechter der Worte. Wir müssen aber stark bleiben und beides sein. Denn ohne die trostspendenden und hoffnungsbringenden Worte Deyn Cadors, sind wir nur hasserfüllte Krieger in glänzender Rüstung. Sôlerbens Kodex basiert nicht allein auf der Tilgung des Chaos, selbst wenn wir manchmal nur diesem Zweck gedient haben und heute noch dienen. So wie ich für den Magiebann eintrete, so habe ich auch der Wahrhaftigkeit und der Missionierung ihren Wert zu geben. Und diese Messe soll dem Abhilfe, zumindest für einen kleinen Augenblick, schaffen.

Es gibt allerdings weitaus bessere Orte für eine Lesung aus der Heiligen Schrift, als das wackelige und windumzogene Schiffsdeck. Ich wollte die Predigt daher ursprünglich eher kurz und bündig halten, weshalb ich mit einem kurzen Stoßgebet zu Ehren Marinas begann.

Oh allmächtiger Deyn Cador. Herr im Himmel und Wächter über all unsere Taten.
Deine Heilige Marina möge uns eine ruhige See und ein besänftigtes Wetter bescheren,
denn nur sie ist die Tochter der Weiten und Gezeiten,
nur sie vermag es uns ein trockenes Haupt und den Bann dieses Grauen Ungetüms zu versprochen.
Dafür geben wir dir heute unsere Kraft und Ehrfurcht,
wir beten für eine sichere Überfahrt bis an unser Ziel.
Wir danken ihr und dir, du ewiger Herr Deyn Cador, für die Ruhe auf dieser Welt und erfreuen uns in euren Namen an den Geschenken der See.
Amen.


Tatsächlich fand ich in meinen Aufzeichnungen aber eine Geschichte mit einer Erzählung aus der Heiligen Schrift, die ich offensichtlich einmal aus dem Alt-Sorridianischen transkribiert haben muss. Eine Geschichte zu Ehren der Marina, die ich noch auf meiner Zeit in Neu Corethon verlesen hatte. Warum also nicht das nutzen, was ich schon geschaffen hatte? Inhaltlich sollte sie die Sorgen der Seeleute und Reisenden mildern können, so hoffte ich zumindest.

Mit ein wenig Wachs wurde eine weitere Seite befestigt. Die Seite ist mit sorridianischen Anmerkungen versehen und bereits ein wenig vergilbt:

Zu einer Zeit, als die See noch so stürmisch war, dass nur die erfahrensten Kapitäne auf Schiffen mit hohen Wällen es über die Meere geschafft haben, trat Kapitän Grezman an den hohen Kirchendekan heran.

Mit heiserer Stimme fragte er: "Ehrenwerter Vertreter Deyn Cadors, weshalb sind die Meere so erzürnt? Wie können wir sicher übersetzen? All meine Seemänner haben solche Angst, dass die nächste Welle sie vom Schiff, hinaus aus dem Leben, schwemmen wird! Seit Monaten wird die See so rau, dass sich turmhohe Wellen vor uns aufbauen, sobald wir nur den Hafen verlassen.

Ich bin verzweifelt, all meine Gebete wurden nicht erhöht und nicht mal mit Fässern voll Alkohol und Taschen gefüllt mit Gold lassen sich meine Männer überzeugen!

Was sollen wir nur tun?"

Der alte Ordensmann legte seine faltige Hand auf die Schulter des bärtigen Seemannes und sprach:
"Verzage nicht, werter Kapitän. Diese Stadt hat die Heilige Marina erzürnt. Sie zündeten überall ihre Feuer an und missachteten den Segen des Wassers, sie verschmutzten die Gewässer und schütteten ihren Unrat in den Fluss. Marina wird ihren Segen nicht wieder zurückkehren lassen, bevor wir ihr nicht mit einer Waschung der Wässer gehuldigt haben.

Sammle die Leute ein, Kapitän. Sammelt den Unrat aus dem Fluss und feiert das Fischfest, zelebriert das Meer mit euren Kindern und Liebsten. Und am Ende versenkt eine Kiste mit Gaben für Marina und eure Wasser werden sich wieder beruhigen."

In langer Arbeit begann der Kapitän die Leute zu versammeln, wendete all seine Ersparnisse auf und versammelte die Menschen an einem milden Sommerabend. Erst dann verkündete er seinen Plan, zunächst schlossen sich nur wenige Gläubige an und begannen die Überreste am Flussrand einzusammeln. Ein starker Regen setzte ein, doch Grezman schwor seine Anhänger ein durchzuhalten und weiterzusammeln. Und es sollte sich auszahlen – Marina zeigte ihre Güte und öffnete den Himmel um die Sammelnden herum. Angetan von diesem Wunder kamen die Leute aus ihren Hütten und begannen zu helfen. Nach stundenlanger Arbeit und unter strahlendem Sonnenschein sprangen die Kinder in den gereinigten Fluss und erfreuten sich am Wasser der Heiligen Marina.

Am nächsten Tag veranstaltete das Dorf ein geruhsames, aber fröhliches Fest zu Ehren der Marina. Die Seemänner legten ihre wichtigsten Habseeligkeiten, die sie der See entnommen hatten, in eine Kiste und ließen sie in der Mitte des Hafens herab.
Der alte Priester nickte schlussendlich zufrieden und entließ die Schiffe in die freie, flache See, auf der nicht ein einziges Wölkchen zu sehen war.

Und so wie die Mitglieder der Dorfgemeinde dem Rat des Priesters gefolgt sind, haltet auch ihr unsere Flüsse und Seen immer sauber, helft den Tieren im Meer und huldigt stets der Heiligen Marina.


Vermutlich haben die heidnischen Éireannen Marina verraten und so den Zorn der Heiligen der Meere und des Wetters auf sich gezogen. Ihnen wurde das lebensspendende Licht genommen und die umliegende Welt versperrt. Wollt auch ihr, gläubige und eifrige Seeleute solch ein Schicksal jemals erleben?

Nein, natürlich nicht!

Daher huldigt und bleibt eurem einzigen Gott Deyn Cador und seinen Heiligen treu ergeben. Nur dann wird euch niemals das Dunkel des Chaos wiederfahren!

Ich schloss meine Predigt mit einem weiteren Stoßgebet ab. Die Leute schienen zumindest ein wenig sicherer in ihrem Tun zu sein. Es geht stehts um die Hoffnung und Verzweiflung, man benötigt immer einen Schuldigen. Niemals darf dieser Schuldige die Ordnung sein.

Persönlich glaube ich nicht daran, dass es der Zorn der Marina ist. Nein, vielmehr sind hier die dunklen Kräfte des Chaos am Werk. Vielleicht spüre ich sie sogar schon über solch eine Distanz. Oder bilde ich mir das nur ein? Wie dem auch sei, hier geschieht Unheil.
Großes Unheil.

Aber ich werde mich nicht darum kümmern können, nein, ich habe meine eigene Mission. Und muss ein noch viel größeres Unheil verhindern. Oh, Sôlerben, verschaffe mir bitte die ausreichende Zeit.

Berthold Lichtblatt wird dafür Morgen Bekanntschaft mit meiner Faust machen, wenn er mir nicht meine Antworten liefert. Sôlerbens Urteile sind hart und gerecht. Und ich bin die glühende Flamme Sôlerbens.

Wir nähern uns bald Asmaeth. Meine Gebete gelten meinem Orden.
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#8

V – Berthold Lichtblatt

21.10.1351

In der gestrigen Nacht wurde die Welt von einem großen Knall erschüttert. Ein ohrenbetäubendes Echo riss uns aus unseren Träumen und brachte mich wieder in die reale Welt.

Schnell waren all die Schrecken, die mir in dieser Nacht wieder einmal vorgespielt wurden vergessen. Von dem Anblick von Ivos aufgespießtem Schädel an der Schwelle zu unserem Prioreisberg, über Jules und Friedrichs tote Leiber, die wir in den lebensspendenden Brunnen der Hoffnung auf der Himmelskuh legen mussten bis hin zu all meinem eigenen Leiden. Augenblick um Augenblick erlebte ich das Aufreißen meiner Wunden, wie eine explodierende Kugel aus wütendem Feuer. Mein eigenes Fleisch zerrte mich bis zu unendlicher Qual, ein nicht endenwollender Schmerz zog mich in die Dunkelheit des Chaos herab. Ich will nicht deuten, was ich sah, bevor es meinen Verstand endgültig zerreißt. Diese Welt bleibt ein Hort der Ordnung und des Chaos, ein ewiges Kräftemessen bis hin zum Ende des einzelnen Menschen.

Wir alle müssen entscheiden, ob wir uns diesem Zwiespalt stellen und eine Entscheidung treffen. Sind wir wirklich gewillt alle Konsequenzen zu tragen und in den Abgrund zu starren? Deyn, ich weiß, dass ich in letzter Zeit viel zweifle. An mir, an allem. Aber wie könnte ich solche Gedanken auch einfach von mir kehren? Die endlose Ordnung wird und muss obsiegen.

Doch in dieser Nacht regierte das Chaos. Einzig und allein das lodernde Chaos.

Getränkt in Schweiß sprang ich zitternd aus meiner Hängematte, duckte mich im Laufschritt unter Yukis Leine hindurch und stieß die hölzerne Tür auf. Geschwinden Fußes trampelte ich an den Schlafquartieren meiner Brüder vorbei, die ohnehin alle durch die Erruption erwacht waren. In wenigen Sekunden stand ich oben auf dem Deck und wusste intuitiv in welche Richtung ich meinen Blick zu richten hatte. Mir wurde bei jedem Schritt klarer, dass der graue Nebel Auslöser für meinen gestörten Schlaf sein musste.

Und wie ich recht behalten sollte. Weit und breit war im Schein der angehenden Fackeln und Laternen auf den restlichen Booten kein Fünckchen Nebel mehr zu sehen. Als hätte es das alles verschluckende Dickicht nie gegeben, lag das Meer geradezu unheimlich ruhig da. Keine Welle wollte unseren Bug umspülen, nicht einmal das plätschernde Geräusch des Wassers war zu hören. Und Éireann? Dort, wo einst die majestätisch anmutenden grünen Hügel mit ihren schroffen Klippen lagen und abergläubischen Rotbärte gelebt haben, war nichts. Nichts außer dem dunkel schimmernden Leändischen Ozean.

Die gesamte éireannische Insel war ausnahmslos von dieser Welt verschwunden. Als hätte der Knall den letzten Hilferuf ihrer Bewohner dargestellt, die endlich ihre Worte an die Außenwelt richten konnten. Danach blieb nur die Stille.

Stille von zahllosen, schweigenden Menschen auf ihren Booten und Schiffen. Keiner wollte sich äußern, keiner konnte glauben, was passiert war. Éireann war einfach weg.


Deyn Cador, du ewiger und allmächtiger Vater dieser Welt,
bitte beschütze alle treuen und gläubigen Bürger Éireanns vor ihrem Unheil
und einem bitteren Ende im lodernden Fegefeuer des Mannsweibes.

Deyn Cador, du umsorgender Beschützer,
nimm dich all den Gestrandete und Hilflosen an,
kümmere dich um ihr Wohl und lasse sie nicht alleine zurück.

Deyn Cador, du liebevoller Erschaffer der Menschen,
zeige uns, wo die Éireannen sind. Lasse sie uns retten. Bitte, bring uns ein Zeichen.

Deyn Cador, mein einziger Herr und Hirte,
lass diese Welt nicht noch mehr Leid erleiden. Bringe den verlorenen Familien ihr Heim wieder,
den entrissenen Vätern ihre Familien und den alleingelassenen Kindern ihre umsorgenden Mütter.
Auf das dein ewiges Antlitz allein diese Welt leiten möge.

Amen.


Ich muss nicht erwähnen, dass ich in dieser Nacht kein Auge mehr geschlossen habe. Die Sôlaner knieten sich an meiner Seite auf dem Deck nieder und verfielen in tiefe Gebete. Unsere Andachten galten all den Verlorenen und Verlassenen Éireanns. Schon bald sollten uns die Seefahrer und Bürger auf ihren Schiffen folgen. Egal, wie man zu Deyn Cador oder seinen Kirchen und Orden stehen mag, egal, welcher Auffassung man über diese Welt haben mag, ein solches Schicksal lässt niemand außen vor. Eine solche Tragödie kann und darf nicht ungeachtet bleiben, nein. Wir waren Zeugen eines schrecklichen chaotischen Ereignisses. Das Mannsweib hat ihre gierigen Krallen an unsere Welt gelegt und gesiegt.

Möge die Ordnung wiederkehren, oh Deyn, möge sie auf ewig wiederkehren und uns nie wieder verlassen.

Ich .. dachte an Franz. Was hätte er in dieser Situation wohl getan? Laut aufgeschrien und Skrettjah verflucht? Wohlmöglich.Aber das war nicht meine Art, nein, ich vermochte nichts anderes zu tun, als unablässig Gebete zu sprechen. Das zu tun, was ich stets am besten konnte – Deyn Cador und seine Ordnung anzuflehen.

Nur hatte auch Konrad von Ehrlichshausen Recht mit seinen wenige Worten in solcher Stunde an mich, wir können nicht verweilen, wir haben alle einen wichtigen Auftrag. Und mein derzeitiger Auftrag wartete im unteren Deck.

Natürlich wollte Berthold Lichtblatt wissen, was an der Oberfläche geschehen war und natürlich würde ich ihm die Wahrheit erzählen. Er wollte mir nicht glauben, wie könnte er auch solch eine abstruse Geschichte abkaufen? Also zeigte ich ihm es. Das endlose blaue Meer hinter der weidtländischen Küste. Er war ebenso sprachlos, wie ich es war.

Und doch war uns beiden bewusst, dass wir es nicht bei Sprachlosigkeit belassen könnten. Er wurde frech, kritisierte mein Verlangen nach der Befragung nach dem Verschwinden all dieser unschuldigen Seelen. Lichtblatt forderte weiter unablässig Antworten auf seine vielen Fragen, nach den Gründen für mein und für Raphael Bonningtons Handeln.

Mir reichte es. Ich legte meine Handschuhe ab und zimmerte ihm einen Schlag nach dem anderen in die Magenkuhle und in sein zartes Gesicht. Dieser Mann hatte noch nie wirkliche Gewalt erlebt, er brach in Tränen aus, krümmte sich vor Schmerzen zusammen und erbrach auf seine Schlafkoje. Ich ließ ihn sich einige Stunden erholen, bevor ich mit meiner Befragung weitermachen würde.

Und auch danach – hielt er dichter, als jedes prallgefüllte Fass Melissengespenst. Dieser Mann wusste definitiv Etwas. Er hatte seine Beweggründe für diesen Einbruch und wird nicht aus eigenen Stücken ausgerechnet diese Briefe aus unseren Archiven entwendet haben. Doch selbst in seinem desillusionierten und gebrechlichen Zustand konterte er meine Fragen nur mit Gegenfragen. Immer öfter erwähnte er hierbei Raphael Bonnington. Was in dieser deynistischen Welt hat Raphael ihm gesagt oder nicht gesagt? Was umtreibt dieses blutige Häufchen Manneskraft in dieser Zelle selbst in einem solchen Zustand noch? Warum ist er nicht einfach ehrlich zu mir und sich selbst?

Ich fand in all den Stunden, die ich in den folgenden Tagen mit ihm verbringen sollte, keine Antworten auf meine Fragen. Zu gern hätte ich ihm den Sôlanern in Asmaeth vorgestellt, aber der Hafen wurde aufgrund des Verschwindens Éireanns für einige Tage blockiert, sodass wir vor der Einfahrt Halt machen mussten. Damit blieb mir viel Zeit mit Berthold Lichtblatt. Doch egal, welche Leiden er durchmachte, seine Lippen blieben versiegelt. Mittlerweile habe ich ihm gleich zwei Veilchen verpasst und die Nase gebrochen. Er verweilt gerade blutgetränkt und erschöpft in seiner Zelle. Wir haben seine Rationen gekürzt und hoffen, dass er bald zur Vernunft kommt.

Ich will Antworten. Und ich werde Antworten bekommen.

Ansonsten werde ich wirklich ungemütlich und die spezielle Kiste dieses Schiffes auspacken müssen. Es ist und bleibt schließlich eine treibende Festung des Ordens des Heiligen Sôlerben. Und wir Sôlaner, wir erzielen Ergebnisse.

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#9

V – Berthold Lichtblatt

27.10.1351

Éireanns Verschwinden ist und bleibt ein Schock. Die Erschütterung wird um die Welt gehen, die Menschen werden vielleicht erstaunt, manchmal erzürnt und selten wohl auch in voller Trauer diese schreckliche Nachricht zur Kenntnis nehmen. Irgendwann aber werden sie alle wieder ihrem Tagwerk nachgehen, als sei nie etwas gewesen. Éireann und seine Bewohner werden langsam vergessen werden, wie alles Vergängliche auf dieser Welt. Wie irgendwann auch ich und alles, was mir an dieser Welt wichtig ist.

Ist das der Lauf des Lebens? Vermutlich. Ich habe diesen Planeten, Athalon, unseren Lebensort und meine Wirkungsstätte, meine Heimat, schon genug verändert, beeinflusst, zerstört und wiederaufgebaut. Den Kampf um Èirann werden andere Diener der Ordnung schlagen, darauf muss ich mich verlassen. Denn sie verlassen sich auch darauf, dass ich meine eigene Schlacht gewinne. Und so zog ich Mal für Mal auf das untere Decks hinab und widmete mich Berthold Lichtblatt. Auf Neu Corethon gäbe es mittlerweile genug Bewohner, die mich für die Behandlung Lichtblatts mit ihren Blicken verachten, ihren Worten abstrafen und am liebsten Erstechen würden. Nicht, dass es ohnehin genug von dieser Sorte gab, aber schuldigen Verbrechern wurde auf dieser Insel immer ein besonderer Stellenwert, ja gar ein Schutz, eingeräumt.

Ich verstehe bis heute nicht warum. Denn schlussendlich habe ich Recht behalten. Rhys hat mit seinen Ermittlungen den einzig möglichen Verdächtigen soweit festmachen können, dass es keine andere Alternative gab. Diese Westwind-Insel ist ein Glas zum Experimentieren, wie es sie im Forscherhaus zu Dutzenden gibt. Alles im Glas ist eingesperrt, kann nicht entweichen. Alles außerhalb des Glases wird zuverlässig draußen gehalten. Äußere menschliche Einflüsse gibt es kaum. Was hat er sich gedacht? Wer sollte es denn sonst sein? In diesem Dorf, in dem ein jeder jeden kennt, hasst oder liebt, war es doch nur eine Frage der Zeit.

Liebe ist vielleicht ein gutes Stichwort, um eine meiner letzten Befragungen zu beschreiben. Das Gefühl der Liebe war es, mit der die harte Schale Berthold Lichtblatts endlich aufbrach. Er begann zu reden, wenn auch nicht über die Fragen, die ich lieber zuerst beantwortet bekommen hätte.

Liebe war, was Berthold Lichtblatt und die Magierin Lillith zusammentrieb. Liebe war es, was Berthold Lichtblatts persönliches Schicksal besiegelte. Dieser törichte Narr ging eine Beziehung mit der Sumpfmagierin ein und wähnte sich sicher darin, dass er alle Eventualitäten abgedeckt hatte.

Er erzählte mir, wie er eine Wohnung unter der der Magierin pachtete, damit niemand Verdacht schöpfe, wenn sie dasselbe Gebäude betreten. Er achtete stets darauf mit wem er sich wann umgab und wann er seine Geliebte sehen könnte. Und er ließ noch mehr Vorsicht gegenüber allen selbst getroffenen Aussagen walten.

Doch hatte er einen Umstand nicht bedacht – Menschlichkeit. Menschlichkeit in Form des rothaarigen, nicht zu bändigenden Fräuleins namens Chilaili. Sie war es letztlich, die das Geheimnis der Magierin und Lichtblatts Preis gab, nachdem wir seine kleine Liebestollerei aus der Heilstube schmissen, als er gerade in Behandlung war. Sie war es, die uns offen von der Beziehung berichtete. So absurd es sein mag, sie warf uns gar vor diese emotionale Bindung verhindern zu wollen.

Eine Bindung außerhalb der Regeln der Ordnung. Eine Verbindung von Ordnung und Chaos, wenn man es so will. Eine widerwärtige, deynwidrige Beziehung. Sie war es, die den Anfang vom Ende für Berthold Lichtblatt auf Neu Corethon begründete.

Aber begann nicht alles noch früher? Wäre Lichtblatt nie nach Neu Corethon gekommen, hätte er nie mit einer Magierin angebandelt. Diese Insel schreibt schließlich nur Tragödien und zieht ausschließlich Tragödien an. Tragödien, wie Berthold Lichtblatt und mich. Wie wir es sind und waren.

Unter Tränen und starken körperlichen Schmerzen berichtete er mir von seinem Leben vor Neu Corethon. Von seiner Kindheit, seinen Studien in Schwarzwasser und einem vermeintlichem Einbruch, der ihm angehängt wurde. Zumindest in seiner Version der Geschichte. Ich vermag nicht ihm noch weiteren Glauben zu schenken.

Letzten Endes floh er auf die Insel am anderen Ende des Leändischen Ozeans. In ewiger Hoffnung, dass ihn seine Vergangenheit nie einholen würde. Wie naiv. Niemand kann vor seiner Vergangenheit fliehen. Niemals. Ich werde in diesem Leben nie das mich allumgebende Blut von mir weisen können. Das Blut und das Leid, das ich verursacht habe. Die Leben, die ich genommen und beendet habe. Die Familien und Hoffnungen, die ich zerstört habe. Die Verzweiflung, die ich endlos gesät habe. Alles im Namen der endlosen Ordnung des einzigen Herren. Und doch verspüre ich keine Reue. Deyns Wille ist das einzige Ziel auf dieser Welt.

Es kostete mich weitere viereinhalb Tage, unzählige Schläge und letztlich auch einige grausame Methoden, bis ich Berthold Lichtblatt soweit brechen konnte, dass er mir nicht nur von seinem traurigen Leben erzählen wollte. Ich habe meine Antwort. Er hat lange durchgehalten. Dafür gilt ihm meine Bewunderung, aber auch meine Abscheu. Weshalb er diese Wahrheit so lange geheimgehalten hat? Weshalb hat er diesen Namen bis in den Nahtod verschlossen halten wollen? Ich kann es nicht nachvollziehen.

Das Ergebnis meiner Befragung war ein Name. Ein Name, der in diesem Buch keinen Platz finden wird. Aber ein Name, dem ich meinen Orden bei nächster Gelegenheit mitteilen muss.

Ich ließ ihn einen weiteren Tag ruhen, bis ich mich ein letztes Mal zu ihm gesellte. Dieses Mal ohne Schläge, ohne Zange oder Nägel. Mit einer großen Mahlzeit begab ich mich in seine Kammer und ließ ihn speisen, nachdem der ohnehin dünne Lichtblatt nur noch ein Gerippe aus Knochen und blutgetränkter Haut war. Er hatte es sich keinesfalls verdient, aber es war wohl eine menschliche Geste, vielleicht eine kleine Güte nach all dem Leid. Gar eine Henkersmahlzeit?

All seine Geheimnisse hatte er an diesem Punkt bereits preisgegeben, mich wunderten dennoch seine Beweggründe. Da er keinen Grund zum Schweigen mehr hatte, begann er zu erzählen. Er wurde von dieser widerwärtigen Person erpresst. Man würde all seine Geheimnisse verraten, ihn an die Stadtwache oder dergleichen verpfeiffen. Er hatte Angst vor den Konsequenzen des Einbruchs, seine Flucht aus Schwarzwasser galt schon einem Geständnis vor Gericht. Das Urteil stand bereits fest und die Schuld war damit unumgänglich. Aber da war noch etwas Anderes, was diesen Mann umtrieb.

Mir war bereits bekannt, dass er nach Rhys' medizinischer Rettung mit dem Gedanken spielte einem Orden beizutreten. Das dies nicht die Sôlaner sein würden, brauchte nicht ausgesprochen zu werden. Aber irgendwo verspürte er dennoch einen Willen der Ordnung zu dienen. Ich werde nicht hinterfragen, ob er es als Ausgleich seiner bisher begangenen Missetaten ansah oder nur wieder auf den rechten Pfad zurückfinden wollte. Gleichwohl vertraute er der Kirche und den Orden noch nicht.

Berthold Lichtblatt war sich schlicht unschlüssig, ob es die richtige Entscheidung sein würde. Und der einzige Weg die Wahrheit herauszufinden, die ihm Raphael Bonnington vorenthalten haben soll, war der Einbruch in unsere Priorei. Er fand nicht, wonach er suchte. Griff sich nur Papiere, die möglichst wichtig ausgesehen haben. Aber landete dann doch irgendwie einen Treffer ins Schwarze. Nicht für sich, aber für seinen Erpresser. Seine Unentschlossenheit konnte er nicht aufklären. Wie hätte er auch?

Die Entscheidung für die Ordnung ist und bleibt eine Wahl der reinen Überzeugung. Nur, wer überzeugt genug ist und dem rechten Pfad vollends dienen und folgen will, kann die Entscheidung zugunsten Deyn Cadors treffen. Nur wer sein Leben der Allgemeinheit spenden will, wird sich einem der zahllosen Orden anschließen und Gutes auf dieser Welt vollbringen. Wer nicht die Willensstärke, gar Zweifel oder Unbehagen hat, dem ist diese Entscheidung nicht aufzuzwingen. Die Pfade Deyn Cadors erfordern Vollkommenheit, Wahrhaftigkeit und den Glauben an eine ordungsgerichtete Welt und Zukunft.

Deyn sei Dank, dass er letztlich gestand. Er war nicht nur Täter, sondern auch Opfer.
Aber immer noch Täter.

Statt Hilfe zu suchen, wo er sie bekommen hätte, hat er Unrecht getan. Unrecht zugelassen und gemehrt. Chaos verbreitet.

Ich werde ihn bestrafen müssen. Es gibt keinen anderen Weg. Ich wünsche mir auch keinen anderen Weg, denn Sünde kann nur durch Sühne aufgewogen werden.

Und so verließ ich Berthold Lichtblatt für diesen Tag. Er würde sich in dieser Nacht noch einmal ausruhen und seinen eigenen Gedanken zuwenden dürfen. Morgen, bei Sonnenaufgang, würde ich mein Urteil fällen. Ein Urteil im Namen des Heiligen Sôlerben. Und zugleich seine Strafe ausführen.


Als die Sonne sich über dem Ozean erhob, hatten wir uns bereits ein wenig vom Asmaether Hafen entfernt. Das tiefblaue Meer glitzerte ruhig neben dem Schiff während Berthold Lichtblatt aus dem Unterdeck auf das Oberdeck geführt wurde. Er hatte sich niederzuknien und zuzuhören, während ich seine in der vorherigen Nacht geschriebene Strafverlautbarung vorlas.

Strafverlautbarung
im Namen des Sôlaner Ordens

unter Berufung auf die Verordnung des Kaisers Cadorian I. zur Verfolgung und Bestrafung von Kirchenverstößen auf tasperinischem Boden und der Weidtländer Bulle Königin Elsbeths I. von Weidtland zur Rechtsprechung auf dem Boden Großalbions durch den Orden des Heiligen Sôlerben.

Die folgende Strafe wurde nach einem Schuldeingeständnis des Angeklagten durch den anklagenden Sôlaner Orden, vertreten durch Protektorin Amélie da Broussard, im Antlitz des einzigen Herren Deyn Cador und des Heiligen Sôlerben ohne Gerichtsverhandlung festgelegt.

Gegen
Berthold Lichtblatt
wird eine öffentliche Strafe der
Amputation der Zunge
und des
Wasserentscheids
festgelegt und vollstreckt.


Für den Orden des Heiligen Sôlerben
Protektorin Amélie da Broussard

Als meine Worte verklungen waren, brach er erneut in Tränen aus. Verstand er, was er getan hatte? Mit Sicherheit. Wollte er es wahrhaben? Keinesfalls. Deyns Urteil ist zu fällen. Die Ordnung hat zu obsiegen und alle chaotischen Einflüsse sind zu entfernen. Auch das ist Teil des Kodex des Sôlerben.

Ein letztes Mal kniete ich mich neben ihm nieder und hinterließ ihm meine letzten Worte, die er mit einem stummen Nicken hinnahm.
"Der Wasserentscheid ist eure letzte Möglichkeit eure Sühne vor und von Deyn zu erhalten. Ist der Herr ungewillt, euch in dieser Welt und in seinem Reich zu belassen, werdet ihr den verdienten Tod und eure Seele den Abstieg ins Fegefeuer finden. Seid ihr allerdings reinen Herzens und gewillt der Ordnung zu dienen, so wird Deyn sein letztes Urteil noch nicht über euch sprechen."

Der Wasserentscheid ist, wie man sagt, eine alte weidtländische Ordenstradition bei ungeklärter Schuld oder unsicherem Strafmaß. Dem Angeklagten werden die Arme hinter dem Rücken festgebunden, bevor er nach Erhalt seiner restlichen Strafen in den offenen Ozean geworfen wird. Überlebt er, wird er Deyn dienen.
Aber – wer überlebt solcherlei Strafe?

Möge Deyn seiner Seele gnädig sein und ein gerechtes letztes Urteil über Berthold Lichtblatt sprechen.

Meine Ordensritter schnitten ihm die Zunge raus, kümmerten sich einige Augenblicke um die Wunde und knoteten seine Hände zusammen. Mit dem Kopf voran, stießen sie ihn in den Ozean. Sein letzter hilfloser und nahezu flehender Blick galt mir.

Mehr Blut an meinen blutverkrusteten, widerwärtigen Händen. Es wird nur mit meinem eigenem letzten Urteil aufhören.

Sei mir gnädig, Deyn. Und sei vor allem eines - gerecht.


Anschließend legten wir endlich in Asmaeth an. Ich verabschiedete mich von Konrad von Ehrlichshausen und den restlichen Sôlanern, stieg mit Yuki von Bord und betrat Asmaeth – ein wenigstens halbwegs vertrautes Terrain. Ich konnte das Schiff wirklich nicht mehr sehen, die schaukelnden Wellen und meine Albträume kaum noch ertragen. Endlich habe ich wieder festen Boden unter den Füßen.

Ich begab mich zum hiesigen Schrein des Sôlerben und verfasste einige Briefe. Sie würden mir den Weg ebnen und die nötigsten Informationen verteilen. Möge Marcos die Tauben segnen und ihnen einen geschwinden Flug verschaffen.

Für mich war es nun an der Zeit einen alten Bekannten zu besuchen – Rupert Seelbach.

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#10

VI - Asmaeth

02.12.1351

Es fühlte sich wahrlich gut, nahezu befreiend an, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Auch Yuki genoss sichtlich wieder das eigenständige Laufen. Er mochte es noch nie eingesperrt zu sein, blickte mich aber an jedem Abend unserer dauernden Überfahrt fast schon verständnisvoll an. Mit einem lauten Schnauben seiner Nüstern lässt er mich stets und ständig wissen, dass es ihm gut geht. Auch er hat seinen von Deyn gegebenen Platz, welch ein Wunder, nicht wahr? Ich freue mich über seine Anwesenheit, denn sie ist der einzige Verbund mit dem Ort, den ich Heimat nennen darf. Nichts ist mir sonst geblieben. Ich bin auf mich allein gestellt.

Eigentlich hätte ich mir gern ein paar Tage Ruhe vergönnt, aber dafür war keine Zeit. Endlich habe ich meine Bestätigung gefunden. Mein erstes Ziel auf dieser langen Reise mag erledigt sein, doch nun folgt meine eigentliche Aufgabe. Mein Orden braucht mich. So wie ich stets meinen Orden gebraucht habe. Möge die heilige Flamme Sôlerbens auflodern und niemals versiegen. Dafür stehe ich ein, Deyn, dafür lebe ich. Dafür hast du uns schließlich geschaffen, so steht es zumindest geschrieben.

Wenn ich mir all die frohmütigen Seelen angucke, zweifle ich dann und wann an diesem Zweck. Warum diene ich dir mit allem, was ich habe und immer schon hatte? Ist es nur den anderen vergönnt die Freuden des Lebens aufzunehmen und ihrem eigenen Weg nachzugehen? Der Götterplan, das war Franz' Leben. Immerzu sprach er davon. Vielleicht habe ich ja auch ein derartiges Schicksal, eine Art Seil, an dem ich mich entlanghangeln kann. Oder folge ich nur meiner eigenen Nase?

Ich glaube nicht, dass mir ein Leben ohne Deyn gelegen hätte. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass auch je nur eine Chance bestand, mich dem Chaos hinzugeben. Meine eigenen Ziele zu verfolgen und mein egoistisches Dasein in den Hintergrund zu stellen. Nein, für mich galt immer die Gemeinschaft und die Ordnung dieser Welt als oberstes Gut. Ob als schweigsames Kind, kundschaftende und schützende Mikaelanerin oder flammendes Schwert Sôlerbens.

Ich versuchte mich zu fokussieren und wieder einmal in Asmaeth zurechtzufinden. Schon oft waren wir in diesen Hafen eingelaufen, waren zu Raphaels Verwandten gereist oder haben das Kloster Melissengespenst aufgesucht. Ein wundersamer Ort mit einer ganz eigenen Geschichte, irgendwie tief verbunden mit meinem Prior und seiner gesamten Familie. Ein wenig beneide ich ihn ja um seine Familie, wenngleich wir .. ich ihm nur wegen dieser solchen Schmerz zufügen konnte.

Ist es besser allein auf diese Welt zu kommen und sich seinen Weg zu suchen? Oder mag es günstiger sein mit blutsverwandten Kameraden entlang des steinigen Pfades zu wandern? Und was wenn sich das eigene Blut gegen einen wendet? Wieder einmal Fragen über Fragen, ich weiß. Antworten werde ich wohl kaum finden, aber all das, was durch meinen Kopf geht, muss sortiert und niedergeschrieben werden. Nur so kann ich mich konzentrieren. Denn ich war immer allein. Seit Kindesbeinen an, seit meiner ersten Erinnerung. Die Ordnung bot mir Schutz und Heimat. Dafür diene ich. Dafür lebe ich.

Und für diese Ordnung suche ich Rupert Seelbach.

Einen einzigartigen Mann, der wie aus dem Nichts zu uns kam. Ein Seebär mit einem Auge für das Detail. Wir lernten uns erst persönlich auf einer unserer vielen Reisen kennen. Als Kapitän und Steuermann von Michael Bonningtons Expedition begleitete er uns in die grotesken und abscheulichen Tiefen des dämonischen Daseins. Und er überlebte.

Als wir ihn verabschiedeten, schwor Franz ihn für unsere Sache – für seinen eigenen Götterplan – ein. Niemals dürfte er auch nur ein Wort über das Geschehene verlieren. Wenn Außenstehende erfahren, was wir gesehen – vor allem aber getan – haben, dann ist es aus. Was wird die Welt mit uns machen? Welche Wahl haben sie denn? Unser zwar beschwerliches, aber sicher auch belohnendes und wohltuendes Leben auf Neu Corethon würde sich einem abrupten Ende nähern. Und unser letztes Urteil käme vermutlich näher als je zuvor.

Aber ist genau das nicht auch eine der Fragen auf die ich eine Antwort begehre? Im Endeffekt, ja. Und dann habe ich dennoch vor nichts mehr Angst, als der wahren Antwort meines Urteils.

Kann ich es überhaupt noch verhindern? Werde ich für all meine abscheulichen Schanden fallengelassen und werde die ewigen Qualen des Fegefeuers erfahren? Das fürchterliche Brennen über meinen ganzen Leib spüren, meinen Schmerzen vor Intensität keinen Ausdruck mehr verleihen können.

Oder steige ich auf und erfahre die absolute Herrlichkeit und sehe sie alle wieder? Die Kinder, deren Leben ich nach dem Vorbild Baron Berengars ermordet habe. All die tapferen Krieger und Helden, an deren Tod ich Schuld bin. Die gefallenen Kameraden, die in meinen schwachen Armen dahingeschieden sind. Und letztlich auch all die Leben die ich selbst genommen habe.

Habe ich den Mut ihnen in die Augen zu schauen? Darf ich um Vergebung bitten? Oder ist Vergebung nicht doch der falsche Ansatz? Deyn Cador, du ewiger Wächter dieser Welt – lass mir noch ein wenig Zeit. Wenn ich keine Antworten für mich selbst finde, wie soll ich dir dann – erneut – gegenübertreten? Noch verdiene ich es nicht.

Ich zog auf Yukis Rücken durch die dichten Gassen der Stadt, folgte dem Weg über die belebten Marktplätze und kam schließlich an der hiesigen silvanischen Kathedrale an. Meine Gedanken drehten sich um alles, nur nicht um mein Ziel. Ich musste wieder ein wenig zur Vernunft kommen und beschloss zu beten.


Mein heiligster Deyn Cador,
gepriesen sei dein Name,
gepriesen sei dein Werk auf Athalon,
gepriesen sei dein Dasein nur für uns Kreaturen und Menschen.

Dir gilt mein Leben, all mein Schaffen und Wirken.
Für dich gebe ich meine weltliche Existenz,
damit ich irgendwann eintreten darf,
in dein geheiligtes Reich.

Ich bitte dich,
begleite mich hier auf diesem Planeten,
biete mir Schutz, Wohl und Genesung,
und lasse mich dann ein, in dein ewiges Reich,
in welchem die Erlösung auf mich wartet.

Die Seele einer jeden Kreatur
soll nur dir gehören,
und frei sein von jeglichen chaotischen Kräften.
So streben wir für die Ordnung und das Licht,
entgegen aller Macht des Chaos und der Dunkelheit.

Führe mich.
Begleite mich.
Rette mich.

Lass mich dein Diener sein, so wahr du mein Herr bist.
Amen.


Mehrmals murmelte ich die Verse leise vor mich hin, während ich auf einer der vorderen Bänke Platz nahm. Meine Hände hielt ich umschlossen um mein hölzernes Kreuz, wie ein Schild vor dem Chaos. Und gleichzeitig trug ich all meine Hoffnungen und Wünsche an Deyns allseits offene Ohren heran.

Nimm mir all die Furcht und Zweifel. Führe mich an, sodass ich deinen Willen erfüllen mag.

Ich schnaufte noch eine Weile durch, bevor ich langsam wieder vor die Tür trat. Die Sonne stand weit oben am Himmel, es musste bereits Mittag geworden sein. Mein leise knurrender Magen bestätigte mir diese Vermutung und ich spazierte in die nächstbeste Taverne, den "Kiemenfütterer". Es war beileibe keine ansehnliche oder beschauliche Bleibe und niemals würde sich jemand von hohem Blut in dieses Loch verlieren, aber für mich war es ein idealer erster Anlaufpunkt.

Natürlich zog ich, wie fast schon gewohnt, alle Augen auf mich. Doch verklangen die lebhaften Gespräche an den Tischen wenigstens nicht und schon bald hatte ich meine Ruhe wiedergefunden sowie einen Platz am Tresen ergattert. Ich bestellte das Mittagsgericht und versuchte ein wenig aus den Gesprächen um mich herum mitzuhören.

Erwartungsgemäß vernahm ich aus all den lautstarken Diskussionen, egal in welcher Sprache und in welchem Dialekt sie abgehalten worden sein mögen, das Wort "Éireann". Natürlich, die Kunde wird verbreitet und bestätigt. Éireann ist verschwunden und all die damit verbundenen Emotionen wurden freigelassen. Zwischen fast freudiger Euphorie und erschütternder Trauer eines in der Ecke wimmernden Seemanns fand sich bereits in diesem schäbigen Loch inmitten Asmaeths alles.

Ich nehme es ihnen nicht einmal Übel, denn wie reagiert man richtig auf solch eine Nachricht? Ich fange wieder an Fragen zu stellen, ich weiß. Vielleicht wüsste Raphael eine Antwort, er hat schließlich immer ein paar gute Worte auf den Lippen parat.

Mit einem sanften Stupser auf meine rechte Hand, wies mich die Schankmaid auf das vor mir bereitgestellte Mahl hin. Während ich mich über den gedämpften Kohl, die weidtländischen Kartoffeln und gar ein Stück Forelle hermachte, stellte sie mir noch einen Humpen Bier auf den Tresen. Ich bedankte mich und beglich sogleich meine Rechnung. Nach ein paar anfänglichen Bissen, musterte ich die Personen links und rechts von mir. Die beiden Seemänner schienen beide fernab des Zenits ihres Lebens zu sein. Ein wenig erinnerten sie mich an Friedrich nach seinen zahllosen Alkoholeskapaden.

Ich benötigte nur eine Information über Rupert Seelbach – wo ist er? Mit einem sanften Stoß schob ich meinem linken Sitznachbarn meinen Bierhumpen herüber, woraufhin ich sogleich die volle Aufmerksamkeit des Alkoholikers genoss. Fragend und begierig blickte er zu mir rüber, erhielt aber nur ein Nicken. Er verstand jedoch schnell und gönnte sich einen großen Schluck des Bieres, bevor er unser Gespräch anstimmte.

"Weshalb solch 'ne Güte, Ordensfrau? Ist' lang her, dass mir die Kirche was geschenkt hat, heh!" Seine kratzige, gar verbrauchte Stimme verklang. Mir wehte sein fauliger Mundgeruch aus dem von Holzzähnen und Zahnlücken gesäumten Mund entgegen. An seinem faltigen und wettergegerbtem Gesicht war auch ohne große Kenntnisse über diesen Menschen ein langes Leben als Seefahrer mit hartem Abstieg im Alter abzulesen. Eine gefallene Gestalt. Genau das, was ich brauchte.

"Deyns Güte überkommt alle Gläubigen, die sich der Ordnung widmen oder ihr helfen. Ich bin mir sicher, dass ihr mir ein wenig unter die Arme greifen könnt. Das Bier lockert eure Zunger sicher."

Nach einem zweiten, noch größeren Schluck, wandelte sich sein eingefallenes Gesicht in ein verstohlenes Grinsen.

"Das Bier hilft schon, aber so ein guter Grog ist doch, was das Seemannsherz begehrt!"

Es mag fast schon zu einfach wirken, aber was hatte dieser Mann mir auch zu verheimlichen? Eine herumschnüffelnde Ordensritterin in den schäbigen Winkeln einer Stadt ist zwar nie gut, aber auch nichts, was nicht fast Alltäglich erscheint. Er sollte seinen Grog bekommen und ich meine Antworten als Gegenleistung.

"Trinkt erstmal aus. Wo treiben sich die verstörtesten und trinkfreudigsten Seeleute der Stadt rum? Ich meine die wirklich abgebrochenen Gestalten, die verlorensten Seelen."

Mit einem Wink bestellte ich dem Mann seinen Grog, denn mein Bier hatte er in drei weiteren Schlücken zu seiner Vorspeise gemacht. Nun kam er wohl zum Hauptgang. Mit seinem Ärmel wischte er sich über den Mund, blickte zu mir und zählte mir drei Orte auf.

"Die beschissensten und günstigsten Schuppen der Stadt? Da wollt ihr wirklich hin? Soll mir recht sein, heh, wir haben da die Knobelhütte am Dock, den Weidtwal im Norden der Stadt und Siegismunds Spelunke im Armenviertel. Sind alle mies und dreckig, haben dafür aber die besten Preise der Stadt. Man kriegt eben, was man bezahlt oder halt nicht. Weshalb interessierten dich aber so 'ne Plätze, Ordensritterin? Ist sonst nicht so ein Ort für Sôlaner. Eine Antwort krieg' ich eh nicht oder? Dann denk ich mir eben was Abenteuerliches aus, keh."

"Möge Deyns allumfassende Güte dich wieder auf den richtigen Pfad bringen, Seemann. Genieße deinen Grog."

Mit einem folgenden Nicken quittierte ich seine Frage und selbst beantwortete Annahme. Er hatte mir mehr als genug geholfen, aber ich würde ihm sicher nicht sagen, weshalb ich hier bin. So sehr war ich auf diesen Fremden nicht angewiesen, wie zuvor in Vladsburg. Außerdem stand ich dem Gesuchten ja freundlich gegenüber. So dachte ich zumindest.

Ich beendete mein Mittagsmahl, gab vor der Taverne ein Gebet ab und zog mit Yuki weiter durch die Stadt. Die frische Seeluft Asmaeths und die schillernden Hauptgassen mit ihrem unendlichen Markttrubel waren eine gelungene Abwechselung nach dem Mundgeruch des Seemannes. Die Hafenstadt galt nicht umsonst seit langer Zeit als Umschlagspunkt in die Unbekannten Lande und Zentrum der Inseln um Albion.

Als meine Blicke über die vielen Stände und die feilgebotenen Waren flogen, fand ich gar eine recht junge Schneiderin. Sie saß mit ihrem Tuch auf dem Boden, grinste mich freudig an und nähte einfachste Dinge in seeligster Ruhe vor sich her. Ein paar Münzen wechselten den Besitzer und ich nahm zwei sonnengelbe Haarbänder mit. Sie werden sicher ein gutes Geschenk für Jule sein.

Zufrieden bog ich auf die große Allee am Hafen ab und fragte mich bis zum ersten Ort durch – der Knobelhütte am Dock. Versteckt hinter einer der großen Werften der Stadt, am westlichen Ende des Hafens, sollte ich schließlich fündig werden. Neben einigen verrammelten und verfallenen Geschäften und einem Speicherhaus, drang das schimmernde Licht der Öllaternen durch die wenigen intakten Scheiben eines ehemaligen Ladengebäudes. Bereits von draußen hörte ich das eifrige Geklapper von Würfeln, das klackernde Schlagen von Würfelbechern und nicht zuletzt auch die empörten Rufe der Spieler.

Nach einigen kurzen Blicken durch die verdreckten Scheiben, schlug ich die Tür auf und setzte Fuß an Fuß in den Raum. Meine gespannte Erwartung an empörte Stimmen oder seufzendes Gemurmel aufgrund meiner Anwesenheit wurde völligst enttäuscht. Nicht eine Person blickte von ihren Würfelspielen auf, nur der Wirt hob kurz die Hand und brachte mir ein genervtes "Moinsen" entgegen, bevor er sich wieder an seine Arbeit machte.

Was für ein bemerkenswert merkwürdiger Laden. Ich durchsuchte die beiden Stockwerke, in denen ich nur völlig stümperhaft zusammengenagelte Tische und Stühle mit eifrig würfelnden Spielern fand. Unter und auf den Tischen stapelten sich die leergetrunkenen Flaschen der beiden einzig angebotenen Getränke auf der Karte – Gossenhauer und Doppelter Gossenhauer. Mir ist bis heute unklar, was letzteres sein mag. Um ehrlich zu sein will ich es auch lieber nicht wissen. Im Schein der Öllaternen schien die Spieler nicht einmal das Loch zwischen erstem Geschoss und Erdgeschoss zu stören, nein, es war ein fokussiertes und unablässiges Rollen der Würfel im Einfluss von zu viel zu schlechtem Alkohol.

Deyn bewahre, der Seemann hatte mich wirklich nicht angelogen. Wenn dies hier aber als offenes Lokal am Hafen geführt werden durfte und sogar Fenster besaß, wo werden mich dann die beiden anderen Orte hinführen? Ich hatte erst einmal genug für diesen Tag gesehen. Morgen wird die Sonne Sôlerbens auch wieder scheinen und diese Welt erhellen. Es war ohnehin nicht die richtige Zeit die Spelunken der Stadt abzusuchen.

Auf dem selben Weg, den ich gekommen war, ritt ich zum Quartier des Sôlaner Ordens und suchte dort Unterschlupf für den restlichen Tag und die Nacht. Es wurde sich dankenswerterweise auch um Yuki gekümmert und so berichtete ich meinen Ordensbrüdern aus erster Hand von den Erkenntnissen um Éireann. Konrad von Ehrlichshausen hatte sich mittlerweile auch in der Ordensstube eingefunden, wir hielten aber bewusst einen distanzierten Abstand. Vorsicht war das Gebot der Stunde.

Nichtsdestotrotz konnte ich den Wissensdurst meiner Brüder und Schwestern nach meinem Leben in den Unbekannten Landen kaum stillen. Sie wollten wissen, ob die fabelhaften Geschichten über exotische Geschmäcker, belebende Gerüche und heroische Kreaturen stimmten. Mir war erst danach ihnen die Wahrheit über die immer schwülen, verregneten Ländereien zu berichten oder ihnen Erzählungen über all die tödlichen Gefahren und lauernden Monster vorzutragen, doch beließ ich es dabei die positiven Aspekte hervorzustellen. Wer weiß, vielleicht würde ja jemand eines Tages meinen geliebten Orden unterstützen wollen?

Die Hoffnung bleibt bekanntlich immer bestehen. Selbst in Zeiten größter Verzweiflung. Sie muss erhalten bleiben und darf niemals fallen. So wahr Deyns Antlitz diese Welt regiert.

Für den restlichen Tag half ich bei einigen Arbeiten aus, lehrte die Novizen einige Kampfesschritte und begab mich schließlich nach dem Abendgebet zu Bett.
Die Sonne verschwand schnell am Horizont und ich verfiel meinen Träumen.

Meinen schrecklichen Träumen.

Albträumen.

Was sich bisher nur so real angefühlt hat, weil es einst real war, kam mir dieses mal vor wie eine Täuschung meiner selbst. Ich wusste irgendwo insgeheim, dass alles das, was ich vor mir sah, falsch und erlogen war. Doch die in mir aufbrausenden und aufkochenden Gefühle fühlten sich so unfassbar echt an.

Mein geschundener und zerstörter Körper erwachte. Ich spürte jede Verletzung, als sei sie gerade neu entstanden. Der körperliche Schmerz zerpflückte meine Gedanken, ich brach in unerschütterlichen und an mir herabrinnenden Tränen aus. Meine zerstochene Brust ermöglichte mir keinen einzigen Atemzug mehr, mein rechtes Bein ging in knisternden Flammen auf und das Gift pulsierte durch den tiefen Schnitt an meinem Hals.

Die unaufhaltsamen Schmerzen wollten mich nicht loslassen. Ich keuchte, schnaufte und schrie vor Verzweiflung. Unentwegt leidend.

Es zerriss mich förmlich, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und wünschte mir nur ein Ende meines Leids. Mein eigenes Ende, egal wie schrecklich es sein mag. Nur damit, der Schmerz nachlässt. Fühlt sich so Sterben an?

Erst nach Stunden der dauerhaften, peinigenden Qual wurde ich entlassen und mit einer neuen Realität konfrontiert. Ich stand alleine da. Sie alle lagen um mich herum. Tot. Aufgeschlitzt. Verraten. Erdolcht.

All meine Kameraden und Wegbegleiter. All die Menschen, die mir in diesem Leben etwas bedeuteten. Hatte ich sie so zugerichtet? War ich Schuld an diesem Massaker? Diesem Unglück? War es mein Tun, dass sie alle voller Schmerz und Verzweiflung ihr Ende gefunden haben?

Deyn vergib mir.

Aneinandergereihte Szenarien von Grausamkeiten, gebildet aus falschen Realitäten, meinen echten Gefühlen und einem leidenvollen Leben spielten mir vielleicht all die Ausgänge meiner Zukunft dar. Und kein einziger Abschluss war freudig. Nicht ein einziges glückliches, zufriedenstellendes Ende. Immer war ich es, die getränkt in Blut alles und jeden verlor.

Gebadet in Schweiß und verkrümmt vor Angst wurde mir endlich ein Ausweg aus meinen Träumen gewährt. Was hatte ich da gerade gesehen? Oder erlebt? Ich habe solche Angst. Ist es wirklich das, was ich verdient habe?

Ich hoffe nicht. Doch muss ich weiter für die Ordnung streben. Welche Wahl habe ich auch? Ich habe mich einst für die Ordnung Deyn Cadors entschieden. Ich will diese Welt beschützen. Nein, ich werde sie beschützen. Obgleich der Kosten. Denn wir alle sind wieder vereint in der Herrlichkeit des Himmelsreiches.

Und selbst wenn der Horizont in Flammen steht und die chaotische Dunkelheit uns alle umgibt, werde ich nicht aufgeben. Keinesfalls.

Und so setzte ich meine Suche nach Rupert Seelbach fort, denn auch er wird einen der Gegenstände erhalten haben. Ich muss sie nur zusammensuchen und die Zeichen richtig deuten. Was willst du uns nur sagen, Franz?

Nachdem ich den Vormittag mit der Pflege meiner Ausrüstung und den Mittag mit einem gemeinsamen Mahl im Orden verbracht habe, zog ich ohne Yuki aus. Dieses Mal suchte ich den Weidtwal im Norden Asmaeths auf. Wie ich zu meinem eigenen Erstaunen feststellen musste, wandelte sich das sonst eher bescheidene Stadtbild je näher ich den Mauern kam. Verglasungen und edle Musterbauten folgten den kleineren Herrenhäusern und letztlich stand ich vor dem Weidtwal inmitten eines reichen Kaufmannsviertels. Das Fachwerkgebäude mit seinen getönten Scheiben und sogar zwei Wachen an der Fronttür, wirkte mir gar nicht wie eine Spelunke der Armen. Ich trat an die beiden Wachen heran und wurde sogleich mit abfälligen Blicken belohnt. Man forderte, dass ich meine gesamte Ausrüstung für den Eintritt ablege, wobei meinesgleichen eigentlich ohnehin nicht erwünscht sei.

Was für eine Beleidigung. Aber in welcher Situation war ich, dass ich mich beschweren konnte? Ich suchte schließlich jemanden und entließ eigentlich nur mit einem Nebensatz eine Bemerkung, dass ich nur hier sei, um möglichst günstig viel Alkohol zu kriegen. Ziemlich verwundert schauten sich die beiden Wachleute an, zuckten mit den Schultern und wiesen mir den Weg zur Seite des Gebäudes.

Erst war ich mir unschlüssig, was das bedeuten mochte, aber nach einem kurzen Augenblick folgte ich dem ausgestreckten Arm und Finger des Mannes. Hinter der Hausecke, bog ich ab und fand mich in einer Seitengasse zwischen den pompösen Protzbauten vor einem hölzernen Verschlag wieder. Die Tür war weder bewacht noch verschlossen, sodass ich eintrat und der steinernen Treppe in das Untergeschoss folgte. Ein gähnender Muskelprotz an der Tür blickte mich ebenso verwundert wie die Wachleute zuvor an.

"Was treibst du denn hier?"

Unbeeindruckt versuchte ich ihm halbwegs ehrlich zu antworten, ohne gleich die gesamte Wahrheit auszuplaudern.

"Ich suche den Weidtwal. Den mit dem günstigen Trunk. Bin ich hier .. richtig?"

Der junge Wächter lachte mich scheinbar erst ein wenig aus, öffnete dann aber die Tür neben sich.

"Ganz recht – der Arsch vom Weidtwal, wie wir es auch liebevoll bezeichnen. Was ist einfacher, als alle Spinner und Armen rauszuhalten? Ganz genau – man sperrt sie in den Keller und verkauft ihnen die gesamten Reste! Nur herein, werte Dame, aber gebt Acht – es ist ein raues Pflaster hier unten!"

Ein wenig irritiert nickte ich auf, wagte erst einen Blick in die Kellerstube und schließlich auch einen ganzen Schritt. Ein berstender Gestank kam mir entgegen, in dem schummrigen Schein der Öllaternen saßen allerlei zwielichtige Gestalten herum. Zwischen die tragenden Pfeiler der eigentlichen Taverne waren haufenweise Bänke und Tische gestellt worden, in der Mitte befand sich ein viereckiger Tresen mit einigen Wirtsleuten und haufenweise unbeschrifteten Flaschen.

Vorsichtig stolzierte ich mit wanderndem Blick durch den Raum und suchte nach Seelbach, doch fand ich außer einigen abschätzigen Blicken und vorwurfsvollen Kommentaren nichts. Eigentlich wollte ich ebenso schnell wieder verschwinden, wie ich gekommen war, wurde jedoch vom ausgestreckten Arm des Wächters aufgehalten.

Mit seinem rechten Zeigefinger wedelte er mir vor der Nase umher.

"Ah ah, auch für euch, werte Dame, gelten die Regeln dieses edlen Etablissements.. Wer keinen halben Ghont hierlässt, der bleibt."

Seufzend drückte ich ihm die Schillinge – abgezählt – in die Hand. Erneut brachte er mir sein abwertendes Lachen entgegen und entließ mich wieder an die frische Luft. Nichts macht eine Stadt so sehr aus, wie seine dunklen und versteckten Ecken, nicht? Der Untere Weidtwal war kein Ort für Rupert Seelbach, nein.

Mein letzter Halm für diesen Augenblick war also Siegismunds Spelunke im Armenviertel. Es galt nicht noch mehr Zeit zu verlieren, daher machte ich mich sogleich auf den Weg. Der Weg vom reichen Norden der Stadt in den verarmten Süden, gen Hafen, ist deutlich erschreckender, als andersherum. Man passiert erst die anmutigen Bauten der gepflegten Herrschaften in ihren edlen Seidenkleidern, die sich gar eigene Straßenfeger für den Abschnitt vor ihrem Herrenhaus anstellen, nur um dann in die Armut gestürzt zu werden. Die einfachen Barracken, gezimmert aus schäbigen und fauligen Holzplanken bieten wohl nur wenig Schutz vor dem Regen und der bitterlichen Kälte im weidtländischen Winter. Das ist die Ordnung dieser Welt. Ein Machtverhältnis, dass die Menschen selbst geschaffen haben. Es wäre wohl anders, wenn sie sich alle nur Deyn hingäben. Die Gleichheit und Einigkeit würde regieren. Egoismus kann nicht die richtige Wahl sein, nein.

Ich schritt durch die verschlammten Gassen und blickte in die Augen zahlloser bettelnder, frierender und hungernder Menschen. Sie alle lebten hier, tagein, tagaus, in schlimmsten Verhältnissen während auf der anderen Seite der Straße ein Leben voll Pracht und Luxus beginnt. Ich konnte nicht viel für sie tun, aber wenigstens einige kleine Spenden für die Familien und Hungernden dalassen. Möge Deyn ihre Bäuche für wenigstens ein paar Tage füllen, meine Reisekasse würde es sicherlich vertragen können. Vergesset niemals die Güte, meine Kinder Deyns, wer nicht Gnade walten lässt, wird sie auch nicht erfahren. So predigte es zumindest immer meine Frau Oberin in Patrien, während meiner Kindheit. Deyn habe sie seelig.

Als Dank für meine kleine Gabe wiesen mir die Menschen den Weg, ein kleiner Junge nahm mich gar an die Hand und führte mich durch das Wirrwarr an Gassen bis hin zur gesuchten Taverne. Und nein, er hat nicht versucht mich zu bestehlen. Ich hatte es eigentlich erwartet, aber vielleicht wirkt mein vernarbter Körper auch oder gerade auf Kinder zu abschreckend. Deyn vergib mir, aber das Schlechte in den Menschen zu sehen, fällt manchmal so leicht. Das Gute in ihnen ist zu oft so tief vergraben, dass es nur unter einem harten Kern zum Vorschein kommt. Aber dann .. bin ich nicht genau so?

Siegismunds Spelunke unterschied sich nicht wesentlich von den mich ohnehin schon umgebenden verfallenen Gebäuden, die manch einer sicherlich schon Ruine genannt hätte. In der spärlichen Barracke gab es nicht einmal eine Tür, der halbe Boden war bereits aufgebrochen und natürlich gab es auch nur hier ein Getränk – Gossenhauer. An diesem schillernden Ort wurde ich natürlich in meiner glänzenden Rüstung neugierig begutachtet, doch erhob niemand die Stimme. Ich wandte meinen Blick durch den Raum, schaute in jedes einzelne Gesicht und wurde ..

.. enttäuscht.

Er war auch nicht hier. Meine Suche schien weiterhin erfolglos. Ich konnte doch unmöglich jede Spelunke dieser Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit absuchen. Oder musste ich mich mit seinem Namen durchfragen und ihn unnötig in Gefahr bringen? Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich ballte meine Fäuste zusammen und trat wieder vor den miefenden Schuppen. Vielleicht würde ein Gebet mir helfen? Mir ein Zeichen bringen?

Es würde mir Hoffnung bringen. Kopfschüttelnd machte ich mich wieder auf den Rückweg, durch die verrammelten Buden und klagenden Schreie der Armen. Seelbach, wo in Deyns heiligem Namen steckst du? Lebst du überhaupt noch? Ich wollte es nicht wahrhaben, aber kam mir jemand zuvor? Es konnte doch nicht sein, dass er geplaudert hat und seine Quittung dafür kassiert hat. Es durfte nicht sein. Er war ein vertrauenswürdiger Mann, stets auf unserer Seite. Und dann soetwas! Bitte, Rupert Seelbach, habe durchgehalten. Ich brauchte dich doch nur noch einmal. Ein allerletztes Mal.

Inmitten eines Platzes mit einem alten, vermutlich schon längst trockengelegten Brunnen, blieb ich stehen und änderte mein Ziel. Ich wollte zum Friedhof aufbrechen und die Wächter dort nach dem letzten Verzeichnis fragen. Vielleicht würde ich so meine Suche eingrenzen oder wenigstens mein Gewissen befriedigen können. Scheitere ich gleich bei der ersten Person auf dieser Reise?

Ich wurde wütend, dabei kann ich nicht einmal wirklich sagen, weshalb. Geschwinden Schrittes marschierte ich Ecke um Ecke, mein Ziel stetig vor den geistigen Augen.

Plötzlich wurde mein eifriger Schritt jedoch abrupt gestoppt. Mein in Metall gehüllter Körper stieß mit einer wackligen Gestalt zusammen. Während ich wie der Fels in der Brandung stehen blieb, riss es mein Gegenüber zu Boden. Sogleich erhob er seine beiden Hände, die augenblicklich zu Zittern begannen und streckte seinen Kopf in die Höhe.

Seine rauchige, aber dennoch sanfte Stimmer erklang:
"Vergebt mir, vergebt mir, es ist alles meine Schuld, Solane ..". Seine Worte brachen in der Hälfte des Satzes ab. Erst, als sich seine Augen weiteten und er versuchte wieder ein wenig auf die Beine zu kommen, sah ich, wer dort vor mir lag – Rupert Seelbach.

"Ihr. Amélie da Broussard? Seid ihr .. nun doch gekommen, um mich endgültig zu holen?"

Ich war mir nicht sicher, was er von mir wollte. Tiefe Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, das Zittern seiner Hände weitete sich auf seinen gesamten, fragilen Körper aus. Langsam schüttelte ich mein Haupt und versuchte ihn mit meinen Worten ein wenig zu beruhigen, wobei ich mir wenig sicher bin, ob ich Erfolg hatte.

"Ja, Rupert Seelbach, ich bin es. Aber ich bin nicht hier, um euch zu holen. Ich habe nur eine Vermutung und würde gerne mit euch sprechen."

Er öffnete seinen Mund ein Stück, schloss ihn aber sogleich wieder. Mit seinem Handrücken fuhr er sich über die spröden Lippen. Anschließend nickte er zögerlich und krächzte doch ein paar Worte hervor.

"Folgt mir bitte."

Was war nur mit ihm passiert? Diesem einst stolzen Seebären? Sein eingefallener Körper, sein zittriger Körper und seine schwächliche Statur? Es schien mir fast, als hätte er sich in den letzten Jahren auch ausschließlich dem Alkohol zugewandt. Wir haben ihm doch alle Hilfe angeboten, ihm gesagt, dass er sich nur bei der Kirche melden bräuchte. War sein Geist so brüchig und verletzbar?

Deyn, ich machte mir Sorgen um diesen Mann. Und meine Sorgen sollten nicht bis zuletzt auch begründet gewesen sein.

Er führte mich durch zwei weitere schlammverzogene Pfade in eine der lebensunwürdigen Hütten. Der sanfte Wind pfiff durch die zahlreichen losen Öffnungen zwischen den Brettern. Selbst in der Bude befand sich nur ein spärlich zusammengenageltes Bett und ein einfacher Hocker. Er konnte doch nicht so leben, nein, so durfte er doch nicht leben!

Und doch war es Realität.

Er legte seinen schlaffen Körper halb auf sein Bett, seinen Hinterkopf ließ er die Wand hinuntergleiten. Neben ihm lag eine angebrochene Flasche mit einer braunen Flüssigkeit, unbestreitbar sein Alkoholvorrat für die nächsten ... Stunden. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger deutete er mir zum Hocker, auf dem ich sogleich Platz nahm.

Wir schwiegen uns erst eine Weile an, bevor er letztlich das Wort erhob.

"Wisst ihr, ich dachte immer, dass ich so mein Ende finde. Franz Gerber hat mir alles klar gemacht, wenn ich rede, dann wars das. Also habe ich immer versucht dicht zu halten. Mit niemandem über das, was da unten passiert ist, zu sprechen. Hab ich Wort gehalten? Hoffentlich. Ich kanns euch nicht mal genau sagen, Amélie. Ehrlich nicht.

Ich wusste einfach nicht weiter. Wie soll mein kleiner Schädel denn damit klarkommen? Ihr seid vielleicht eine abgebrühte Solanerin, aber ich? Ich hab mein Leben lang nur Kähne gesteuert. Also ..ich wusste nichts mehr. Und weiß auch seit Langem nichts mehr."

Er unterbrach seinen Monolog und hob die neben ihm liegende Flasche zuerst ein wenig, dann ganz an. Er genehmigte sich einen tiefen Schluck. Danach versuchte er weiter meinen Blicken auszuweichen. Seine glasigen Augen hingen wie ein Wurzelwerk an der Decke.

"Aber nun seid ihr hier und das heißt ich hab Mist gebaut. Seid gekommen, um mich zu bestrafen, wie dieser Kerl damals. Ausfragen, ausnehmen und den armen Rupert noch mehr in die Gosse drängen. Schaut mich doch an, meint ihr, ihr könnt mir noch mehr nehmen? Meinen Verstand, mein Leben, nehmt mir doch auch noch den Alkohol, ach ist mir alles ..". Er beendete seinen Satz nur mit einem stillen Kopfschütteln.

Rupert Seelbach war gebrochen und gefallen. Gab es noch einen Ausweg für ihn? Ich hoffte es zu dieser Zeit noch. Für mich in diesem Augenblick aber viel interessanter war jedoch, dass er über eine Person sprach, die ihn schon einmal aufgesucht haben sollte. Wir haben es auf unseren letzten Reisen stets vermieden hier vorbeizukommen und nach ihm zu suchen, also ... muss es jemand anders gewesen sein.

"Seelbach, ich gebe euch alle Unterstützung, die ich euch nur bieten kann. Bei Deyns heiligem Namen, ich werde euch kein Haar krümmen. Aber bitte sagt mir, wer hier war und was er euch gefragt hat."

Seelbach erklärte mir ausführlich seine Begegnung mit seiner Bekanntschaft. Nachdem er lang und breit über mögliche Hintergründe philosophierte, gab er mir eine recht ausführliche Beschreibung. Er erzählte mir von einem Inspektor, der uns schon einmal durchleuchten sollte. Er war gekommen und hatte versucht Seelbach weichzuklopfen und etwas aus ihm herauzukriegen. Aus Angst hielt er jedoch seinen Mund.

Erst danach kamen wir auf das wohl wichtigste Thema an diesem Tag für uns Sôlaner zu sprechen. Fast schon wissend nickte er auf, als ich meine Suche nach den angeschmolzenen Objekten ansprach. Das erste Mal überhaupt zeigte er ein leichtes Lächeln, wenngleich es kein mit Freude erfüllter Gesichtsausdruck war.

Er fand eines Tages innerhalb seines kümmrigen Verschlags einen angeschmolzenen Streitkolben auf seinem spärlichen Bett liegen. Rupert Seelbach sah es als weitere Warnung unseres Ordens an, lebte seitdem in ständiger Angst vor einem Besuch durch Franz Gerber. Seine Ausflucht fand er im endlosen Exzess des Alkohols. Und genau diesen Streitkolben hatte er seinerzeit auch unmöglich vor dem Ermittler verbergen können. Im Versprechen auf ein paar Münzen ließ der Alkoholiker sich ohne große Gedanken auf einen Tausch ein und überließ dem Inspektor den Streitkolben.

Später am Tage suchte ich noch diesen besagten Inspektor auf. Er war eine leicht zynische Gestalt und recht wortkarg, aber im Endeffekt doch auskuntsfreudig. Freimütig gab er den Streitkolben ebenfalls im Tausch weiter. An eine einzigartige, widerwärtige Person.

Für mich bestand kein Zweifel mehr, wer hier wieder mal sein Unwesen trieb. Wenn es nur eine Person gibt, die einem ständig in die Quere kommt, ist sie gleich ein Widersacher? In diesem Fall mit Sicherheit.

Deyn steh mir bei. Damit sind bereits mehr Objekte außerhalb unseres Besitzes, als ich es mir nur wünschen könnte. Erst nimmt dieser falsche, hinterhältige Kynes uns den Reif ab und dann schnüffelt dieser andere unausstehliche Kerl noch in unserer Vergangenheit herum. Eine rasende Wut stieg in mir auf, sodass ich mich selbst vor Seelbach nicht zusammenreißen konnte. Ich kochte, explodierte förmlich, verhinderte aber noch Schlimmeres. Als ich wieder halbwegs bei mir war, saß Seelbach geradeauf im Bett und blickte mich mit einem entsetzten, zitternden Ausdruck an. Er schien wirkliche Angst zu verspüren, die seinen ganzen Körper durchdrungen hatte. Er sagte, dass es ihm Leid tue, er sei naiv gewesen und hätte sich nichts dabei gedacht. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht wissen, was sie gefunden haben. Eigentlich weiß ich es ja noch nicht einmal selbst...

Mit einigen beschwichtigenden und vielleicht auch entschuldigenden Worten verließ ich die Barracke des Rupert Seelbachs für diesen Tag. Ich wollte mir einen klareren Kopf verschaffen und schlenderte durch die verbliebenen Gassen zum Süden der Stadt, an den Hafen. Er sollte mich nicht länger in diesem Zustand erleben müssen. Die salzige, mir mit einer leichten Brise ins Gesicht blasende Seeluft wirkte nicht nur in den Erzählungen wahre Wunder. Ein wenig Ruhe und Zeit zum Denken erhellt den Geist, selbst wenn er so durcheinander ist, wie meiner.

Nach mehreren Stunden suchte ich dann den Inspektor auf, bevor ich wieder in die Ordensstube einkehrte undden restlichen Tag mit Schreibarbeiten und einem tiefen Gebet verbrachte. Danach ging ich zu Bett. Nach dem Sonnenaufgang wollte ich mich von Seelbach verabschieden, noch einmal mit ihm sprechen und gar um Vergebung bitten. Sein Leben war eine Misere. Und wir waren Schuld daran. Einzig und allein wir. Ich. Auch sein Schicksal lag in meinen Händen. Und was habe ich getan? Ihn in die Gosse geschmissen. Das war die Ausprägung meiner Güte Deyn Cadors.

Was habe ich bloß angestellt?

Die nachfolgenden Zeilen sind in Sorridianisch, mit einer ausgeprägten patrischen Auslegung, geschrieben:


Deyn Cador,
bitte geleite meine raunenden Worte an das Ohr des Heiligen Mikael,
deinen Schildknecht und Waffenführer, meinen Herrn und Schutzpatron,
lasse ihn aufhorchen, welche Sühne ich tragen will und lasse die Sünde in Ordnung aufgehen.

Ich gab dir mein Leben, mein Blut, meine Klinge und mein Schild,
ich gab dir all meinen Fleiß und mein Leiden,
für den Schutz dieser Gemeinschaft und aller Unschuldigen.

Doch so schwer diese Welt auch sein mag, kam auch ich vom Wege ab.
Wasche das Blut von meinen Händen und füge mir dafür die Striemen am Rücken zu.
Nimm mir die Schuldgefühle und peinige mich dafür mit glühenden Kohlen.
Vergib mir all das verursachte Leid und lasse mich dafür hungern.
Nimm dich all der Unschuldigen an, die ich unfähig zu schützen war und lasse mich bis dir bis zum Umfallen dienen.

Lass das Morgengrauen kommen und mir dich weiter unterwerfen. Entlaste meinen Körper in der Dämmerung und gebiete mir deinen Segen.

Geleite meine glühende Klinge und lodernde Seele, entgegen all der Schuld, die ich auf mich nehmen muss. Sühne mich, bis ich vor dir stehen kann.

Und du mein letzter Anblick sein sollst, wofür ich stets mein Leben gab.

Mikael, lass mich deine Maid und dein Knecht sein. All das Leid, das ich von deinen Jüngern wende, werde ich nur für dich in mir aufnehmen.

Amen.


Es ist ein altes Gebet aus meinem Heimatort, oder zumindest dem Ort, den ich einst als Heimat bezeichnet hätte. Deyn steht und stand stets über allem, doch meinen Dienst leistete ich für Mikael. Und nun Sôlerben. Vor wem werde ich am Ende stehen?

Ersteinmal Rupert Seelbach, so hoffte ich zumindest. Doch natürlich kam nichts so, wie ich es erhofft oder erwartet hatte. Niemals hätte ich mir solch einen Abschied ausmalen können. Als ich im Morgengrauen durch die Gassen schritt und vorsichtig an Seelbachs Hütte anklopfte, hatte ich schon ein flaues Gefühl im Magen. Ein kurzer Blick durch eine der hölzernen Scharten reichte aus, um mein Gefühl zu bestätigen und einen tiefen Schock auszulösen.

Seelbach baumelte mit einem Strick um den Hals an der Decke. Sein Körper hing schlaff über dem umgefallenen Hocker. Der Strick hatte sich mittlerweile tief in seinen Hals eingedrückt, er muss sich kurz nach unserem Gespräch erhangen haben.

Deyn Cador, du ewiger Herr dieser Welt. Bitte nimm dich seiner Seele an. Oh Heiliger Renbold, führe diesen verlorenen Menschen an deiner Seite bis zum letzten Urteil. Ich bitte doch so inständig. Er hat kein Schicksal im Fegefeuer verdient, nein. Manchmal mag er auf Abwege gekommen sein, aber letztlich war er doch ein .. guter Mensch.

Meine Hände zitterten. Ich biss mir auf die Unterlippe ein, bis einige Tropfen Blut in den matschigen Schlamm unter mir tropften. Ich habe schon wieder versagt. Noch mehr Tod und Leid zu verschulden. Aber ich darf nicht aufgeben. Niemals.

Selbst, wenn ich dafür sündigen muss.

Mit einem leichten Tritt öffnete ich den Verschlag und schnitt Seelbachs leblosen Körper von der Decke herunter, nahm ihm den Strick ab und steckte ihn vorsichtig ein. Seinen leichten, verbrauchten Körper legte ich auf sein Bett.

War er ein Selbstmörder? Ja. Hat er damit eine der großen Sünden begangen? Zweifelsohne. Aber die Schuld an seinem Elend trage nur ich. Sie wiegt so unendlich schwer, dass ich ihm das Fegefeuer ersparen will. Er verdient eine Bestattung, nur dann wird er auffahren können. Und Deyn Cador, mein Ein und Alles auf dieser Welt. Nimm dich ihm an. Ich bitte dich so inständig. Selbst wenn du mich dafür verstoßen musst.

Zögerlich ließ ich einen der aufgeweckten Kinder im Viertel die Wachen holen und entsorgte den Strick später außerhalb der Stadt. Die Wunde an seinem Hals mag groß gewesen sein, doch die Wachen würden sich im Armenviertel nicht dafür interessieren. Er würde begraben werden. Und so dürfte er sein letztes Urteil erhalten. Zumindest hoffte ich das.

Ich betete für ihn, opferte gar ein Totenkreuz und einige Rosen zu Ehren Renbolds. Mögest du deinen letzten Frieden finden, Rupert Seelbach. Vergib mir. Vergib mir meine Schuld, denn dafür werde ich sühnen. Fahre an einen besseren Ort auf und erlebe ein friedvolles, glückliches Sein.

Ich kaufte noch einige Vorräte, stieg auf Yukis Rücken und verließ Asmaeth. Ich wollte nicht mehr an diesem Ort sein.

Der nächste Halt galt dem Kloster Melissengespenst. Es wird nicht der letzte Ort dieser Reise sein. Die Schrecken meiner Vergangenheit holen mich ein, einer nach dem anderen. Ich werde ihnen ins Gesicht blicken müssen, ob ich nun einmal will oder nicht. Für Deyn. Für meinen Orden. Für Raphael, Jule, Friedrich. Für Salvyro, Dysmas und Franz. Für alles, was wir getan haben. Wegen allem, was wir getan haben.

Nur um mehr von mir zu opfern, als ich jemals hatte. Um es alles zerfallen zu sehen.

Die folgenden Worte wurden in Sorridianisch niedergeschrieben:

Hab keine Angst, Amélie. Sei die glühende Flamme Sôlerbens und das Schild der Ordnung. Fürchte dich nicht, denn die Herrlichkeit wird obsiegen.

Und wenn deine Körper dich nicht mehr tragen und dein Verstand dich nicht mehr hören kann, schrei. Schrei endlich nach Hilfe. Du bist nicht allein.
[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
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