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Tagebuch Sôlerbens Licht

#11

VII – Weidtland

Schon nach wenigen hunderten Metern, die ich Asmaeth verlassen hatte, fühlte ich eine Last von meinen Schultern gleiten. Als ob unsichtbare Hände mir wenigstens etwas von dem Schmerz nehmen wollten. Warst du es, Deyn Cador? Oder bedeutete mir Rupert Seelbach einfach nur so wenig, dass ich mich nach nicht einmal einer Stunde mehr schuldig fühlte? Was passierte hier nur mit mir? In mir?

Seitdem ich das Schiff vor Neu Corethon bestiegen und mich auf die Suche nach Antworten gemacht habe, zerpflückt es mich. Erst begann es mit den Albträumen, dann mit der Zweiflerei und nun hörte es für den Augenblick mit meinen bohrenden Schuldgefühlen auf. Ich bin mir sicher, dass es damit noch lange nicht vorbei sein wird. Was ist nur anders? Fehlt mir der Halt meiner werten Kameraden? Die Zusammengehörigkeit und Kameradschaft innerhalb des Glaubens? Die Nähe und Vertrautheit? All diese Fragen kann ich sicher bejahen und doch nur so wenig dagegen tun. Immerhin habe ich Yuki.

Ich lehnte mich nach vorne, streichelte vorsichtig seinen Kopf während sein langsamer Trab uns die weiten und ausgelaufenen Wanderpfade entlang von Asmaeth wegführte. An unserer linken Seite lief die Lage ruhig plätschernd in entgegengesetzter Richtung in den hinter uns liegenden Ozean ein. Die großen Lastenkähne trieben mit all den Waren vom Inland des Königreichs ebenso sanft schaukelnd den weiten Fluss hinab. Das allumgebende Grün der Wälder und Wiesen an meiner rechten Seite hatte fast einen beruhigenden Einfluss auf mein angekratztes Gemüt. Hin und wieder mag das Gerufe von Waldarbeitern oder Jägern die natürliche Stille unterbrochen haben, aber nur selten durfte ich während meines Ritts tatsächlich Menschen erblicken.

Die Wandersleute und Händler auf ihren Eselskarren waren dabei wenig gesprächig, vermochten aber stets einen freundlichen Gruß zu überlassen. Sie suchten sogleich weiter ihren Weg in die weidtländische Haupstadt. Der Süden Albions war wahrlich ein beschauliches Land, eines das noch nicht vom Krieg zerissen wurde. Wobei dieser nach den letzten Äußerungen der kaledonischen Klans durchaus noch drohen konnte. Fast ein wenig schade, um all diese schönen Landschaften und einfachen Leben. Sie haben es nicht verdient durch die Machtspiele ihrer Herrscher aus dem Leben gerissen zu werden. Für ein wenig mehr Land und Macht? Für ein wenig mehr Gold in den Schatzkammern der Reichen? Diese Weltordnung ist schon ein wenig absurd, aber sie ist doch letztlich das, was wir Menschen daraus gemacht haben. Deyn hat uns alle Möglichkeiten in die Wiege gelegt, doch die Egoisten fanden ihren Weg nach oben. Wie gütig muss und soll der Einzelne sein? Diese Entscheidung sollten wir alle selbst treffen, denn irgendwann stehen wir vor der Wahl. Einer unausweichlichen und unschönen Wahl. Möge Deyn sich unserer aller Seelen annehmen.

Ich schlieg in Yukis Zügel und ließ ihn ein wenig schneller über die weitläufigen Ländereien traben. Die Lage sollte uns noch einige weitere Tage begleiten, bis wir endlich ein wenig Abstand vom steten Rauschen des Flusses gewinnen konnten. Unser Weg führte uns allmählich durch mehrere kleine Dörfer und Siedlungen, entlang von Schafszuchten und kleineren Bergen südlich der Kleinstadt Dornbach. Wir würden sie noch passieren müssen, bevor wir die Anfänge des Maunus hinaufsteigen könnten, um dann das Kloster Melissengespenst zu erreichen.

Als ein kleiner See in unserer näheren Umgebung auftauchte, beschloss ich unsere Reise für diesen Tag zu unterbrechen. Nach dem kleinen Umweg zum Ufer des Sees machte ich Yuki mit ausreichend Leine an einem Baum fest und ließ ihn freudig die Gräser und Wiesen abnagen. Ich selbst richtete mir meine Hängematte zwischen zwei Bäumen ein und sammelte Äste und Zweige für ein kleines Feuer.

Manchmal vergesse ich auf solchen Reisen, wie anstrengend Reiten sein kann. Völlig durchgeschwitzt und hungrig machte ich mich daran eine Tagesration zu verzehren, es gab sogar ein wenig getrockneten Fisch von der Marktdame, die mir vorher am Tage auf dem Weg begegnet war.

Durchschnaufend legte ich meine Rüstung und Bewaffnung in das Gras, entkleidete mich bis auf mein Leinenhemd und wagte mich erst nur mit den Zehenspitzen in das ruhig daliegende Wasser des Sees. Eine eisige Kälte durchfuhr meinen Körper, nichts hier war zu vergleichen mit den sonnigen und aufgewärmten Gewässern Patriens. Eine nette Erinnerung aus meinem vorherigen Leben, wenn ich es denn überhaupt so nennen darf.

Ich biss die Zähne zusammen und ließ meinen ganzen Körper in das kühle Nass fallen. Die Kälte umgarnte mich, zog in jede Pore meines Körpers ein und ließ alle Müdigkeit und Erschöpfung von mir fallen. Ich stand nur noch schlotternd da, als mein Kopf wieder über die Wasseroberfläche drang. Weidtländer sind vermutlich noch schlimmere Temperaturen gewohnt, aber für mich? Deyn hab Gnade, ich komme aus dem sonnigen Süden. Die Wärme ist doch das, was mein Körper begehrt, und nicht etwa die Kälte! Ich wusch mich. Sehr schnell, um sofort wieder im Laufschritt aus dem Wasser zu treten und mich abzutrocknen. Nachdem ich mir eilig neue Kleider über den Körper geworfen hatte, entzündete ich das Feuer und wärmte mich schon an den ersten Funken auf.

Der Abend war noch jung und bot mir somit einige Gelegenheit zum Nachdenken.

Rupert Seelbach war tot. Er nahm sich in tiefster Angst vor mir, vor meinem Orden und meiner so angesehenen Weltordnung das Leben. Ich kann nicht nachvollziehen weshalb, noch werde ich vermutlich jemals verstehen, wie er zu dem Entschluss kam, dass sein Selbstmord der einzige Ausweg ist. Es ist die schlechteste und abscheulichste Möglichkeit all seinen Problemen zu entfliehen. Jede Hoffnung auf Besserung wird im Sog der Verzweiflung davongeworfen. Er starb nicht so, wie er es verdient hatte. Nicht so, wie ich es ihm gewünscht habe.

Was soll ich sagen, Rupert? Ich bin verschreckt und verstört. Bin ich wirklich solch eine schreckliche Person? Hast du mich immer nur als eine kalte, mordlüsterne Sklavin Deyn Cadors angesehen? Ich dachte immer, dass wir wenigstens dieselben Werte und vielleicht auch Ziele teilen. Lange war ich im Glauben, dass ich immer recht gehandelt habe. Stets in der Annahme für die Allgemeinheit und diese Welt zu streiten, schritt ich Tag meines Lebens umher. So fällte ich meine Entscheidungen und suchte Mittel und Lösung.

Aber anscheinend lag ich falsch. Das war nur mein Weg und Ziel. Du hattest andere Wünsche für dein Leben und das gilt es nicht zu verteufeln, denn auch du warst stets ein Befürworter der Ordnung. Warum also hast du dich für diesen zweifelhaften und erbärmlichen Ausweg entschieden? Sprecht doch mit mir, ihr Menschen auf dieser Welt. Seht mich als grauenhaftes Monster und entstelltes Wesen an, aber sprecht mit mir. Antwortet mir.

Ich werde sühnen, Rupert Seelbach. Ich werde Buße für meine Unachtsamkeit und Naivität dir gegenüber tun. Ich werde Buße für den Wunsch nach deinem Begräbnis tun. Denn nur die Sühne wiegt die Sünde auf.

Und nun? Ich kann auf der einen Seite nicht einmal mehr in klare Worte fassen, was ich von mir, von allem, halte. Aber dann bin ich mir doch so sicher über mein Leben und meine Ziele. Waren all die Taten und Handlungen in meinem Leben für nichts? Missfällt euch etwa, was ich getan habe? Bin ich ein schlechter Mensch, nur weil ich unser .. mein Ziel der Ordnung durchsetzen will?

Es kann nicht sein. Deyn Cador ist unser aller Herr und Hirte, seid nicht blind und taub und hört auf seinem Pfad zu entweichen. Seine Zeichen und Gebote stehen über all unserem Handeln. Wie können wir unser Leben in gemeinsamer Zusammenarbeit verbringen, wenn wir nicht durch ihn geführt werden? Können wir überhaupt ohne ihn leben?

Natürlich nicht. Es darf nicht sein. Führungs- und orientierungslos, wie Vögel in der Dunkelheit oder Schäfchen in einer verschlossenen Höhle. So soll der Mensch nicht sein, so will ich nicht leben  und so soll die Welt nicht belassen werden. So werde ich die Welt nicht sein lassen.


Wie kann ich die Flamme Sôlerbens sein, wenn mein Leben vor mir zerbricht und all die menschlichen Schicksale in Tragödien enden? Deyn, irgendwann musst du mir verzeihen, wenn ich all das nicht mehr kann. Wenn mein kleiner Geist und Verstand an diesen Tragödien und Erlebnissen endgültig zerbricht. Du hast so viel für mich getan und ich opfere mich immer weiter für dich auf. Niemals lasse ich mein Streben nach deiner Ordnung enden. Solange ich einen Schritt setzen kann, werde ich ihn gehen. Hilf mir nach einem Sturz auf, damit ich wieder auf deinen Weg zurückfinde.

Denn alles und jeden werde ich für dich und deine Herrlichkeit aufgeben und zurücklassen. Ich bin um die Welt für dich gezogen und habe dein Antlitz beschützt. Nun brauche ich dich. Gib mir Kraft.


Gib mir all die Kraft,
die ich brauche, wenn sie mein kleines Leben übersteigt,
sodass ich dir all die geliehene Macht mehren und
in ewiger Güte zurückgeben kann.

Hinter mir folgen die Jünger deiner Güte,
gehört und gesehen von deinen Heiligen.
Nachdem wir die ewigen Pfade der Welt
für dich beschritten und gezähmt haben,
um dein Sein zu beschützen.

Für den Schutz deiner Ordnung und entgegen all des Chaos,
verleih mir all die Kraft,
die ich brauche, wenn sie mein kleines Leben übersteigt,
sodass ich das Chaos spalten und die Dunkelheit
vertreiben kann.

Hinter mir bleibt ein Pfad aus meiner Sünde,
meinem Blute und meinem Schweiß,
zurück,
in sühniger Rache deines Seins.

Alles gebe ich für dich,
so hilf mir nur,
dass ich diesen Weg auch antreten kann.

Amen.


Ich sprach mein Gebet und stocherte danach noch ein wenig im Feuer herum. Die Dämmerung war gerade über mir und Yuki hereingebrochen und an Schlaf war ohnehin noch nicht zu denken. Ich weiß, dass ich mir weiterhin Vorwürfe machen werde. Aber irgendwo glaube ich nicht daran, dass nur ich Schuld sein kann. Er hatte so viele Möglichkeiten und entscheid sich letztlich doch für den Alkohol und den feigen Ausweg. Ich war nur ein Stein auf dem Weg dorthin, habe es vielleicht nur beschleunigt oder bestärkt.

Oder doch nicht? Wer kann das schon sagen, nicht wahr? Auf dieser Insel auf der anderen Seite des Leändischen Ozeans leben sie ihre Leben doch auch gedankenlos weiter. Was interessiert sie schon der Morgen, wenn sie den heutigen Tag mit ihren Gelüsten und ihrem Egoismus verbringen können? Was bringt ihnen die Güte Deyn Cadors, wenn der schnelle Erfolg in den ketzerischen Kräften und fernab des Glaubens liegt?

Und wenn sie dann in größter Not Hilfe brauchen, dann fragen sie wieder nach dir, Deyn Cador. So wie es immer und stets ist. Ich bewundere dich, meinen ewigen Herrn, für solche Milde und Wohltätigkeit. Stets kehrst du zu deinen Jüngern zurück, selbst wenn sie dir den Rücken gekehrt haben und nur in der Not nach dir fragen. Ich könnte das nicht. Nein, ich kann das nicht. Seit Jahrzehnten helfe ich deinen Jüngern und Schäfchen und verfolge und bestrafe diejenigen, die gegen deine Interessen agieren. Und ich habe nicht vor von diesem Plan abzuweichen.

Aber dann sind da diese Zweifel, wenn ich ihre verstörten und hasserfüllten Gesichter sehe. Ihre mit Tränen überlaufenen Köpfe oder angespannt geballten Fäuste. All diese Emotionen, die nur hervorkommen, weil ich deiner Ordnung diene. Und damit doch letztlich auch jedem einzelnen, rechtschaffenen Menschen.

Und die Belohnung dafür? Missgunst, Hass, Angst und Furcht. Und immer auch der stets anwesende Tod. Rupert Seelbach, warum tust du mir das an? Warum tust du dir solche ein Ende an? Ruhe in Frieden, Ruhe in Renbolds wiegenden Armen und in Deyn ewiger Herrlichkeit. Nichts anderes wünsche ich dir.

Und mir.


Unruhig kuschelte ich mich in meine Hängematte und zog die Decke über meinen Körper. Yuki hatte sich zuvor schon oft als zuverlässiger Wächter bewiesen und legte sich neben meiner Hängematte ins Gras. Er würde seine Kraft Morgen wieder brauchen, denn wir hatten noch eine Reise von mehreren Tagen vor uns. Im Kloster Melissengespenst würde uns hoffentlich Abt Hugo Feuerstein begrüßen. Auch bei ihm erhoffe ich mir einen Hinweis auf Franziskus Maximilian Gerber. Und damit auf den Grund meiner Prüfung.

Nachdem die Sonne vollends vom Himmel verschwunden und durch den Mond ausgetauscht war, verfiel auch ich wieder in meine Träume. In den vergangenen Tagen hatte ich keine einzige ruhige Nacht, immer wieder kehrten meine Albträume und mit ihnen die schrecklichen Anblicke und Erinnerungen zurück.

Auch in dieser Nacht sollte ich nicht unbehelligt ruhen können, doch immerhin drehte ich mich nicht wieder unsicher in meiner Hängematte umher. Vielleicht ist das meine Sühne bevor ich endlich wirklich meine Buße tun kann?

Mein ganz persönlicher und unvorstellbarer Horror sollte dieses Mal daraus bestehen, dass ich dem gehängten – aber wachen und lebenden – Körper Rupert Seelbachs gegenübergestellt wurde. Sein aschfahler und langsam vor sich hinverwesender Körper raubte mir für einige Augenblicke die Luft, schnürte mir gar den Hals ab. Panisch sah ich mich um, doch fand ich nichts außer gespenstischer Leere um mich herum. Minuten-, wenn nicht sogar stundenlang wich ich dem Anblick Seelbachs aus. Er gab keinen Ton von sich und ich bekam kein Wort aus meinem Mund gedrückt. Egal, wie stark ich es auch versuchte, ich konnte dem jüngsten Schrecken meiner Vergangenheit nicht ins Gesicht sehen. Ihm nicht sagen, was ich empfinde und bedaure. Ich war schlicht und ergreifend zu schwach.

Ich wund mich, wie ein um sein Leben fürchtender Wurm aus meiner eigenen Verantwortung. Aus meiner Gegenüberstellung mit meinen Taten.

Die zerstörten Stimmbänder Rupert Seelbachs erhoben sich unerwartet kratzend und pressten die einzigen Worte dieser Nacht aus ihm heraus. Dies sollte das letzte Mal sein, dass ich seine vertraute Stimme hören durfte:

"Schau mich an, Amélie. Hab keine Angst. Du wolltest immer das brennende Feuer sein. Sei es. Nicht alles, ist deine Bürde. Wer eine Entscheidung trifft, entscheidet sich auch immer für die Konsequenz. Deine Entscheidung ist Deyn Cadors Entscheidung."

Die Worte wogen schwer in meinem Kopf. Sie schellten, wie elendig klingende Glocken mit ihrem unablässigen ringenden Ton. Ich brachte es nicht über das Herz, konnte mich nicht überwinden mich umzudrehen. Ich wagte es nicht ihn anzuschauen. Die Angst meiner Missetaten lag mir so tief in den Knochen, dass ich es mich einfach nicht traute.

Dabei bin ich doch eigentlich so stark – oder vielleicht doch nicht? Wenn ich nur endlich verstehen könnte, was mit mir los ist. Egal, wie lange ich darüber philosophiere oder nachdenke, ich finde einfach keinen Grund oder Anlass für meine Selbstzweifel. So konnte ich ihn doch nicht fortgehen lassen, ich musste diese Chance nutzen. Deyn gab mir endlich die Möglichkeit meinen Schrecken ins Gesicht zu schauen und ich drehe mich weg? Amélie, das bist nicht du. Das ist nicht, wer ich je war und gewesen bin. Das ist nicht, wer ich je sein wollte und geworden bin. Schau ihn an. Blicke ihm in die Augen. Oder du bereust es auf ewig!

Ich nahm all meinen Mut zusammen, ballte meine Hände angespannt zu verschlossenen Fäusten und drehte mich langsam im Traume um. Mit einem tiefen Atemzug zog ich so viel Luft, wie nur irgendmöglich ein und schlug endlich meine Augen auf.

Doch da war kein Rupert Seelbach. Keine vor sich hin rottende Leiche. Keine allumgebende Dunkelheit. Keine Vergangenheit mehr.

Sondern Yukis Kopf und der dahinterstrahlende blaue Himmel Weidtlands. Die Sonne muss wieder aufgegangen sein, während ich in meinen Träumen gefangen war. Das ruhige Schnauben meines Streitrosses bestätigte mir endgültig, dass ich wieder in der normalen Welt angekommen war und meine Träume verlassen hatte. Deyn, habe ich dich gerade etwa wiedermal enttäuscht und versagt? Endlich gibst du mir die Möglichkeit und ich nutze sie nicht. Ich bin so naiv und schwach. Jemanden wie mich hast du all deine Prüfungen absolvieren, gar in das Innerste deines Daseins blicken lassen?

Oder aber .. willst du mir damit etwa mitteilen, dass ich den richtigen Weg gehe? Das ich nicht immer zurückblicken muss, um die Zukunft zu sehen? Ich weiß, dass meine Handlungen diese Welt verändern. Im Kleinen, wie im Großen. Alles ist eine Prüfung des Glaubens und des Schicksals. Aber immerhin lässt du uns die Wahl selbst treffen.

Wer seine Entscheidung trifft, entscheidet sich auch immer für die Konsequenz, hm?

Bedeutende Worte, eine prägende Zeile und tiefgreifende Aussage. Alles, was ich bisher getan und entschieden habe, hatte unausweichliche und unweigerliche Konsequenzen. Mitunter die schlimmsten nur erdenkbaren Konsequenzen, die sich eine einzelne Person wünschen konnte. Die größtmögliche Tragödie in unserem Sôlaner Orden ist auch meine Schuld, aber auch meine Pflicht.

Aber was wäre nur passiert, wenn ich diese Entscheidung nicht getroffen hätte? Das Licht auf der Welt wäre erloschen. Und auch das kann nicht die richtige Entscheidung sein. Niemals könnte sie es.

Danke, Rupert Seelbach. Ruhe in Frieden. Ich bete inständig dafür, dass du deinen Weg in das Himmelsreich gefunden hat.

Danke Deyn Cador, für deine Erleuchtung, deinen Segen und deine Güte. Danke, dass du an mich glaubst, wenn ich nicht mich selbst glaube. Meine Angst und Unsicherheit magst du mir nicht ganz genommen haben, das weißt du besser, als ich selbst. Aber nie habe ich mehr als Hoffnung und Zuversicht gebraucht. Denn selbst auf wackligen Knien werde ich mein Schild und meine Klinge gegen das Chaos emporstrecken.

Lass mich entscheiden, denn dafür trage ich die Konsequenzen. Wie all die Mahnmale vergangener Entscheidungen an meinem Körper und in meiner Seele.


Ich rüstete mich an, baute mein kleines Lager ab und stieg wieder auf Yukis Rücken. Im Trab schritten wir durch die großen Laubwälder im Herzen Weidtlands auf das beeindruckende Maunus-Gebirge zu. Das ewige Klimpern meiner alten, zerkratzten Rüstung übertönte das Schlagen von Yukis Hufeisen auf den steinigen Wegen bereits seit einer ganzen Weile. Ich hoffe sie hält noch eine Weile durch, zumindest bis wir uns in Richtung Süden aufmachen. Vielleicht lege ich einen zusätzlichen Halt bei meinem alten Kriegsherrn ein, La Jonquera bietet bekanntlich allen Mikaelanern eine offene Tür.

Meine Reise führte mich durch die besinnliche Kleinstadt Dornbach mit ihrem durch die Ortschaft herabrauschenden Bergbach und der kleinen Ladenstraße, an der ich meine Vorräte wieder aufstocken konnte. Die durchaus freundlichen Bewohner schienen fast ein wenig fasziniert, als ich durch die Straßen schritt. Nachdem ich aus dem Krämersladen kam, fand ich aber sogleich den wahren Grund für den kleinen Aufruhr – Yuki. Eine Gruppe unterschiedlichsten Alters hatte sich um mein durchaus hochgewachsenes und kräftiges Streitross versammelt. Sie stellten einige Fragen und wollten ihn mir gar als Zuchthengst abkaufen, doch musste ich beschwichtigend ablehnen. Er mag zwar ein geeignetes Ross für derartige Zwecke sein, aber im Kern ist er eben noch ein stolzes Zweibacher Schlachtross. Und allen voran mein treuer Begleiter.

Aber selbst für ihn war es nur schwerlich möglich die letzten bergähnlichen Schlaufen in die Vorhügel des Maunas ohne lauteres Schnauben hinaufzuklettern. Als wir den ersten Felsvorsprung endlich erreicht hatten, bot sich uns ein dafür ein belohnendes, beeindruckendes Bild:
Auf dem leicht niedrigeren Felsvorsprung vor uns lag das Kloster Melissengespenst in neu erstrahlter Pracht nach seinem jahrelangen Wiederaufbau umgeben von einem farbenfroh aufblühenden Garten sowie einem herrlichen Obstgarten.

Ich konnte mir ein zufriedenes Lächeln über die wiedergefundene Heimat unserer weidtländischen Freunde und Kameraden nicht verkneifen, sattelte wieder auf und durchschritt schon kurze Zeit später den großen Torbogen in den Innenhof des Klosters Melissengespenst.

Es ward erneut Zeit der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen. Hoffentlich mit neuer Entschlossenheit. Ich danke dir, Deyn Cador. Für dein Vertrauen in mich.

[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
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#12

VIII – Kloster Melissengespenst

Es war ein schönes, fast schon wohliges Gefühl, das ich verspürte, als ich die leichte Anhöhe hinauftrat. Das Kloster Melissengespenst war ein Ort, der seinerzeit eigentlich nicht das Ziel unserer Reise war. Dennoch verhinderten wir damals ein großes Unheil, als die dunklen Klauen Skrettjahs einmal mehr nach dieser Welt trachteten. Dem korrumpierten und falschen Ansichten verfallenen Abt Gottfried Heidenreich konnten wir, gemeinsam mit seinem Nachfolger Hugo Feuerstein, erfolgreich das Handwerk legen und so Schlimmeres verhindern. Dabei mutet der Name des neuen Abtes fast schon ironisch an, denn er war es schlussendlich, der mit seiner verwunschenen Mischung des Sorridianischen Feuers das gesamte Kloster in endlose Flammen hüllte. Trotz unserer Bemühungen konnten wir nicht alle Klösterbrüder retten, manche von ihnen wurden von den beflügelten und in pechfarbenes Schwarz gehüllten Dienern Skrettjahs bei lebendigem Leibe in der Luft zerissen. Hilflos mussten wir all dem schrecklichen Tod zusehen, bis wir verstanden hatten, was hier einst vor sich ging. Es galt ein altes Ritual abzuhalten, um damit ein anderes aufzuhalten. Gemeinsam erreichten wir unser Ziel. Nach einem harten, der Verzweiflung nahem Kampfe, schlossen wir dieses Einfallstor des Chaos in unsere geliebte Welt ein für alle Mal.

Obgleich all des emporgekrochenen Schadens und Leids, hier in Melissengespenst, habe ich vor all den Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich bin ausnahmsweise sogar einmal fest davon überzeugt.

Wären wir nicht eingeschritten, wären sie ohne Ausnahme alle dem Chaos verfallen oder dahingerafft worden. Nur durch unser Tun konnten noch schlimmere Taten der Dämonenschar verhindert werden. Das Kloster nun wieder aufgebaut zu erleben und den einmaligen Geruch von Klosterfrau Melissengespenst in meiner Nase zu vernehmen, bestätigte mich. Zufrieden sattelte ich von Yuki ab und lies meinen Blick über den weitläufigen Hof schweifen.

Vor mir lag der Eingang mit dem linksseitig liegenden eckförmigen Hauptgebäude, gesäumt von einem großen Innenhof in der Mitte. Selbst den Glockenturm hatte Abt Feuerstein anscheinend wiederaufbauen lassen, er stand damals im Zentrum des Schwarmes an Chaos und Zerstörung. Ihn erklommen wir trotz der berstenden Flammen unter unseren Füßen, denn dies sollte die einzige Möglichkeit sein das Kloster und all die unschuldigen Seelen zu retten. Und letztlich auch uns zu retten.

An meiner rechten Seite befanden sich die Wohnquartiere, der Stall und der kleine Turm am weitläufigen und zweckmäßigen Klosterhofe. Selbst hier hatten die Baumeister allerhand Arbeit geleistet und den alten Glanz vollständig wiederhergestellt. Ich merkte es erst später, aber ich muss froh gewesen sein. Wir handelten richtig. Und erhielten all die Leben und diesen wunderbaren Ort, den die Klosterbrüder ihre Heimat nannten.

Eine Heimat ist wichtig. Sie gibt uns Verbundenheit und bietet Geborgenheit. Wohin sonst ziehen wir uns in Zeiten der Angst und Not zurück? Wo können wir sonst immer auf Rückhalt und Verständnis hoffen? An welchem Platz auf der Welt werden wir sonst stets mit offenen Armen empfangen?


Meine Anwesenheit in Melissengespenst sollte jedoch nicht lange unbemerkt und unbeachtet bleiben. Schon bald schritt ein, in seine braune Kutte gehüllter, munter grinsender Mönch auf mich zu. Mit seinem kugelrunden Bauch, der herausstechenden Knollnase und einer schimmernden Halbglatze erinnerte er mich an den Herbergsmeister, den wir damals schon kennenlernen durften. Hatte er gar überlebt und wieder seinen Platz inmitten der Mönche eingenommen? Selbst nachdem seine tiefe Stimme erklungen war, vermochte ich leider nicht zu sagen, ob er es tatsächlich war. Und um ehrlich zu sein, ich traute mich auch nicht nachzufragen und so alte Wunden wieder aufzureißen. Mit offenen Armen empfing er mich und bot an, Yuki in den Stall zu führen.

Dankend nahm ich sein Angebot an, während er die Hintergründe meiner Anwesenheit erfragte. Hugo hätte seinen Mönchen nicht die Wahrheit gesagt. Insbesondere, wenn er tatsächlich etwas gefunden oder erhalten hatte. Vermutlich hätte er es auch nicht einmal verstanden, wie könnte er auch? Ich verstehe ja selbst nicht, was ich hier suche oder welchem Ursprung ich hier nachgehe. Ich hoffe die Stücke dieses Puzzles setzen sich am Ende alle zusammen, Franz.

"Sagt, werter Mönch, dürfte ich um ein Gespräch mit eurem Abt bitten? Ich habe eine weite Reise hinter mir und habe ihn vor einigen Jahren kennenlernen dürfen. Es geht um eine eher private Angelegenheit. Verzeiht mir bitte, wenn ich euch nicht mehr berichten darf."

Der Mönch hob die Augenbrauen in die Höhe und rieb sich mit seiner Hand an der knolligen Nase herum, bevor er mir zunickte.

"Na, wenn ihr Abt Philipp sogar kennen wollt, dann kann ich euch euer Gespräch kaum verwehren, nicht? Kommt mit, ich bringe euch erstmal in die Speisehalle."

Ich blieb auf der Stelle stehen, nachdem er den Namen des Abtes genannt hatte. Abt Philipp? Wer sollte das sein? Hugo Feuerstein ist der Abt in diesem Kloster und niemand anderes. Oder komme ich auch etwa hier zu spät? Es scheint, als ziehe ich eine Schneise aus Tod und Leid hinter mir her. Und eben diese Schneise eröffnet sich nun auch vor mir, nimmt mir all die Möglichkeiten und Hilfen vorweg.
Seine Seele konnte diese Welt doch nicht schon verlassen haben, nein, sie durfte sie noch lange nicht verlassen haben!

Der Mönch bemerkte mein abruptes Stehenbleiben natürlich, wendete sich zu mir um und stemmte die Hände an die Hüften.

"So eine Reaktion habe ich nicht erwartet. Ihr meintet ihr wart vor ein paar Jahren schon einmal hier, nicht? Dann sprecht ihr wohl von Abt Feuerstein. Deyn habe seiner seelig, aber er verschied vor einer handvoll Jahren ruhig im Schlaf. Er ruht nun unter Deyns Dienern, ich bin mir sicher es gefällt ihm dort."

Mit einem zuverlässigen Lächeln blickte mich der Mönch beschwichtigend an. Verstorben, hm? Ruhig im Schlaf eingeschlafen? Solch ein Ende erreilt meine Wegbegleiter sonst eigentlich nie. Vielleicht ist es besser so, dass er seine letzte Jahre in ruhiger Zufriedenheit verbringen konnte. Ungestört von wütenden Dämonen, die hohen Gelübe brechenden Brüdern oder all der Zwietracht dieser Welt. Es ist aber ein weiterer Rückschlag für mich. Und für meine Aufgabe.

Ich musste nun versuchen mit dem neuen Prior des Klosters zu sprechen, vielleicht hat Feuerstein ihm ja etwas hinterlassen? Eine Nachricht mit versteckter Bedeutung oder dergleichen. Vermutlich mache ich mir nur zu viel vergeudete Hoffnungen für derart unwahrscheinliche Schicksale, aber nun war ich ohnehin schon hier. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, hm?

Ich klärte den Mönch über meine Verwirrung auf, erklärte ihm meine Bekanntschaft zu Hugo Feuerstein und meinen Wunsch mit dem neuen Abt über seinen Vorgänger zu sprechen. Wieder wohlig lächelnd sagte er mir zu, mich zu Philipp zu bringen. Wir schritten gemeinsam über den lebhaften Hof und traten in das große Klosterhaus ein. Während unseres Ganges erzählte er mir ein wenig vom schwierigen Wiederaufbau und dem grauenhaften Anblick nach dem großen Brand Melissengespensts. Dennoch war ich mir weiterhin nicht sicher, ob er den Angriff selbst miterlebt und gar überlebt hatte.

Vorbei am nun in das Erdgeschoss verlagerte Skriptorium führte uns der Weg in die angesprochene Speisekammer, in der ich zunächst warten sollte. Ich gab dem Mönch meinen Namen mit auf den Weg und er versprach mir einen Augenblick im geschäftigen Tagesablauf des Abtes zu beschaffen.

Ich setzte mich auf einer der Holzbänke nieder und wurde sogleich von einigen Mönchen umringt. Es erinnerte mich fast ein wenig an meine eigene Kindheit, wo wir auch jeden Neuankömmling und Reisenden wissbegierig ausfragten. Die Welt außerhalb des Klosters muss noch größer scheinen, wenn man sie gar nicht erst kennt. Manchmal überwiegt die Schönheit, manchmal die Grausamkeit, aber oft genug verschwimmen die Unterschiede und lassen nur ein undurchsichtiges Dickicht vor den eigenen Augen stehen. Hier im Inneren hatten sie Sicherheit, Geborgenheit und einen gefüllten Magen. Aber allem voran eine Zukunft.

War es nicht auch einst Karl, der sich hier mit seinen Ordensbrüdern um uns gesellte? Eine ganze Gruppe Sôlaner fiel in ein bescheidenes Kloster ein, was für eine Attraktion im tristen Alltag des Klosters das sein musste. Egal bei welcher Arbeit sie damals waren, sie ließen alles stehen und liegen, nur um einen Blick zu erhaschen. Und heute war es nicht anders, ganz im Gegenteil. Ich saß auf dem Präsentierteller mit ausreichend Zeit für ihre Fragen und Wünsche.

"Woher kommt ihr?" "Was macht ihr hier?" "Ist das euer Pferd?" "Bleibt ihr lange bei uns?" "Könnt ihr mir etwas mit dem Schwert beibringen?" "Wer seid ihr?" "Können Frauen überhaupt Sôlaner sein?" "Warum wollt ihr zu unserem Abt?"

Sie hatten wahrlich viele Fragen, aber nicht alle würde ich beantworten können. Meine Geschichte ist lang und voller Höhen und Tiefen, gespickt mit Splittern der schimmernden Hoffnung und trostlosen Verzweiflung. Wie ich es mir aber ohnehin dachte, musste ich kaum etwas Relevantes erzählen, denn bereits bei einer Erzählung über die Unbekannten Lande, saßen sie gespannt lauschend um mich herum. Die weidtländischen Mönche hatten noch nie die ausgedehnten goldgelben Sandstrände mit den darauf wachsenden Kokospalmen oder umherkrabbelnden Krabben gesehen. Nicht einmal der Anblick eines echten Urwaldes mit seinem Dickicht aus satten grünen Ranken, massiven Bäumen und dem Schrei unbekannten Getiers war ihnen bekannt. Geschweige denn die jedesmal waghalsige Überfahrt über den Leändischen Ozean, vorbei am Montrigo-Dreieck, mit den hölzernen Gefährten, die wir Schiffe nennen.

Ich bin auf eine ganz eigene, einzigartige Art gesegnet worden. Ich durfte die Pracht dieser Welt mit eigenen Augen, fern von aller Erzählung und Malerei, erleben und erblicken. Damit habe ich Eindrücke gewonnen, die mir niemals wieder jemand nehmen kann und wird. Es sind Dinge, die mich prägen und ausmachen. Die mein Verständnis dieser Welt mittragen. Entscheidungen, die hier getroffen werden, lösen ganz anderswo auf der Welt Konsequenzen aus. Ich schätze, dass wir alle uns diesen Glückes mehr bewusst werden sollten.

Natürlich habe ich dafür allerlei Schrecken sehen und in unzählige Abgründe blicken müssen. Aber macht es das alles wertlos? Keinesfalls, das darf es auch nicht. Deyns schützende Hand stand über mir, sonst wäre ich nicht wieder hier. Was wäre nur passiert, wenn ich mich damals gegen das Weglaufen aus Patrien entschieden hätte? Wenn ich mir meine Schuld direkt eingestanden hätte? Du kümmerst dich um uns, wie Eltern um ein kleines Kind, nicht wahr, Deyn? Du lässt uns fallen und Schäden erleiden, das Unausweichliche sehen und bekämpfen, damit wir am Ende gestärkt und triumphierend wieder aufstehen. Diese Welt wäre ohne dich nicht dieselbe, offenkundig nicht. Diejenigen Frevler, die sich dem Chaos anschließen oder von dir abwenden, werden am Boden liegenbleiben.

Ich versuchte den Mönchen meine Erzählung mit einer gewissen Moral verständlich zu machen. Wir sollten dankbar für das sein, was wir haben. Aber niemals vergessen, dass die Ordnung nach mehr strebt. Nach der Sicherheit der gesamten Welt, denn auch wir sind die Verbreiter des Wortes Deyn Cadors.

Ich glaube jedoch nicht, dass sie alles so verstanden, wie ich es mir gewünscht hätte. Zu sehr waren sie von den Erzählungen über abenteuerliche Schiffsfahrten mit brennenden Küchen oder die Inselkette am anderen Ende des Leändischen Ozeans eingenommen. Sie wollten mehr, doch wurde unsere illustre Unterhaltung von einem jungen und recht schmächtigen Bruder unterbrochen.

Er hob seine ebenfalls eher dünne Hand an und winkte mich zu sich heran. Klimpernd erhob ich mich von der Bank, um dann mich durch die umstehenden Traube aus Klosterbrüdern zu drücken. Vor ihm angekommen, streckte er seine rechte Hand aus und hielt sie mir entgegen.

"Abt Philipp Bonnington, Protektorin da Broussard. Sehr erfreut, sehr erfreut. Ich hörte, dass ihr unter meinem Onkel dient?"

Bevor ich meinen Handschuh ausziehen und seine faltenlose mit meiner vernarbten Hand schütteln konnte, ratterte mein Kopf, wie ein Uhrwerk. Bonnington? Ein echter Bonnington? Und Raphael soll sein Onkel sein? Damit .. konnte er doch nur ein Sohn Uriel Bonningtons sein! Ein wenig verdaddert begleitete ich ihn in sein Schriftenzimmer. Wir setzten uns nieder und der blutjunge, fast mit einem Milchbuben-Gesicht ausgestattete, Philipp blickte mich ernst an.

"Mich freut es natürlich, dass ihr den weiten Weg auf euch genommen habt. Aber warum seid ihr hier? Mein Vater hielt mir stets vor, dass ich bei den Bekannten meines Onkels aufpassen möge. Und nun seid ihr tatsächlich hier, direkt vor mir. In meinem Kloster. Meinem Melissengespenst."

Uns eilt sogar in der angesehenen Familie der Bonningtons ein Ruf voraus? Wie könnte es auch nicht, nach all den Erlebnissen, von denen Raphael aus Neu Corethon berichtet. Von seinen wahnwitzigen Erkenntnissen über die Lage der Sterne bis zum Dasein der Dämonenschar und Deyn Cadors selbst. Ganz zu schweigen von dem tragischen Verschwinden Michael Bonningtons, welches bis heute auf dem Festland nicht aufgeklärt werden konnte.

Nun saß ich vor einem Sohn des Uriel, der den Rang des Abtes in Melissengespenst eingenommen hatte. Wenn ich mich recht entsinne, erzählte mir Raphael einst, dass es eine Art Tradition in der Familie gäbe. In regelmäßigen Abständen werde einer der Bonningtons Abt in Melissengespenst, um den Glanz des Klosters zu bewahren und den besten Klosterfrau Melissengespenst herzustellen.
Weshalb eigentlich Klosterfrau? Das hier war doch seit jeher ein Männerkloster.

Philipp Bonnington nahm sich einige Zeit für mich und ließ mich erzählen. Ich berichtete ihm erst von meiner Verfolgungsjagd mit dem Verbrecher Berthold Lichtblatt und seinem Schicksal, anschließend von meinen Plänen nach Zandig zu reisen und auf diesem Weg all meine alten Wegbegleiter zu besuchen. Er bemerkte sichtlich, dass ich einige Teile in dieser Geschichte wegließ. Ein echter Bonnington, hm? Wenngleich er noch nicht mit seinem immerwährenden Gesichtsausdruck verbergen konnte, dass er etwas gedeutet hatte. Aus dem leichten Lächeln entfuhr mitten in meiner Erzählung ein belustigtes Schmunzeln, ein leichtes Zucken im Gesicht.

Damit ward ich wohl ein wenig durchschaut. Zu meinem Vorteil schienen ihn die Beweggründe meiner Reise nicht wirklich zu interessieren. Vielmehr wollte er wissen, weshalb ich Hugo Feuerstein aufsuchte. Was ich von diesem alten, leicht wahnsinnigen Feuerkünstler wollte.

Es hatte vermutlich keinen großen Sinn um den heißen Brei herumzureden. Auch Philipp Bonnington wollte mir nichts verschweigen, wenn es um seinen verschiedenen Vorgänger ging. Ich bat um Durchsicht seines Nachlasses, wollte mir all die Dinge anschauen, die Hugo Feuerstein zugeordnet worden sind. Im Kern sind wir alle besitzlos, aber wer will schon in den alten Tagebüchern seiner Brüder herumschnüffeln oder gar deren alte Kleidung tragen? Nein, so sind wir nicht. Nach einigen Jahren gingen die verwertbaren Sachen oft in eine Spende, aber hier in der Abgeschiedenheit Weidtlands wurden die Dinge zu meinem Glück ein wenig länger aufbewahrt.

Philipp Bonnington stimmte zu, lud mich aber erst zu einem Besuch des Grabes von Hugo Feuerstein ein. Wir wollten gemeinsam ein Gebet zu seinen Ehren sprechen. Auf dem Weg berichtete er mir von den letzten einfachen und sehr wirren Jahren des Abtes. Man hatte ihm den wesentlichen Teil seiner Aufgaben abgenommen und ihn ein zufriedenes Leben führen lassen. Am Morgen spielte er mit den jüngsten Brüdern, am Mittag durfte er seinen Hirsebrei mit seiner geliebten Pfirsichsoße schlemmen und am Abend wurde auch ihm an der Bettkante vorgelesen. Er hatte sich seinen ruhigen Abschied von dieser Welt wahrlich verdient, lange Jahre hatte er ausschließlich Deyn Cador und seinen Jüngern gedient. Wir müssen nicht alle im Kampf fallen, gezeichnet von unseren pausenlosen Strapazen. Manchmal läuft unsere weltliche Uhr einfach ab und wir fahren gütig in die offenen Armen Deyn Cadors ein.

Angekommen an dem breiten steinernen Grabstein mit der Innschrift des Hugo Feuerstein, knieten wir uns auf den kiesernen Boden nieder. Philipp faltete die Hände, während ich mein Holzkreuz mit meinen zerkratzten Händen umschloss.


Deyn Cador, Du bist für uns wie Vater und Mutter.
Wir beten hier vor deinem Antlitz für unseren Verstorbenen
Sein weltliches Leben mag verschieden sein,
doch glauben wir zutiefst in unseren Herzen,
dass er in deinem Himmelsreiche lebt
Bei Dir findet er Erbarmen.
Denn dein Himmelsreich ist die Güte,
vollumgeben von der ewigen Herrlichkeit.

Deyn Cador, unser Vater, wir bitten dich.
Kümmere dich um unseren Verstorbenen.
Für ihn ist die Zeit des Daseins zu Ende.
Befreie ihn von allem Bösen,
dass er heimkehre in deinen ewigen Frieden.
Öffne ihm die Pforte zum Himmelsreich,
wo es keine Trauer mehr gibt,
keine Klage und keinen Schmerz,
sondern Friede und Freude.

Gütiger Deyn Cador, in deinen samtenen Schutz geben wir usneren Verstorbenen.
Wir danken dir für alles Gute, mit dem du ihn in seinem irdischen Leben
beschenkt hast und für das Gute, das wir durch ihn erfahren durften.
Du hast ihn aufgenommen und Wohnung und Heimat bei dir gegeben.
Uns aber, die zurückbleiben,
gib die Kraft einander zu trösten
bis wir alle vereint sind bei dir.
Amen.


Wir einigten uns zuvor nicht auf ein Gebet, fanden aber sogleich denselben Anfang. Zufrieden nickend blickte mich Philipp Bonnington nach dem Geleitwunsch für Hugo an.

"Mein Onkel scheint ganze Arbeit geleistet zu haben, wenn ihr sogar ohne große Überlegungen unsere weidtländischen Gebete sprechen könnt. Selbst, wenn ihr euren Akzent mittlerweile gut verstecken könnt, entgeht er mir nicht ganz, Protektorin da Broussard. Seid ihr so gut und lasst mir als kleine Gegenleistung ein Totengebet aus eurer Heimat da? Mich würde es wirklich reizen zu hören, wie in südlicheren Gefilden den Verstorbenen gedacht wird."

Ich kommentierte seine Bemerkung nur mit einem sanften Lächeln und Nicken. Er würde sein Gebet natürlich erhalten, denn niemals dürfen wir vergessen, dass es den Glauben allzeit und immer zu verbreiten gilt. Und für den Nachlass des Hugo Feuerstein müsste und wollte ich mich zugleich zumindest ein wenig revanchieren.

Wir begaben uns in eine kleine Kammer zwischen den Wohngebäuden, in denen einige Truhen in großen, massiven Holzregalen gelagert wurden. Der Abt bat einen seiner Mönche mit in den Raum, suchte rumpelnd im Schein einer Öllaterne umher und stellte mir schließlich eine hölzerne Kiste vor die Füße.

In einem kleinen, durch Metallhalterungen befestigten, Einschub stand in geschwungener Schrift "Abt Feuerstein" geschrieben. In dieser Truhe musste sich somit der verwahrte Nachlass des Hugo Feuerstein befinden. Vorsichtig schob ich den Deckel der Truhe in die Höhe und nahm die einzelnen Gegenstände heraus. Vor mir breiteten sich Schriften, alte Kleidungsstücke und einige,wenige Habseligkeiten des verstorbenen Abtes aus. Abt Philipp schaute mir interessiert über die Schulter, erkannte aber ziemlich schnell, weshalb ich hier war. Als ich die angeschmolzenen Eisengamaschen in der Hand hielt, wusste auch er, dass ich fündig geworden war. Ich bat ihn darum die Gamaschen an mich nehmen zu dürfen.

Etwas zögerlich, wenn gar nicht misstrauisch, gestattete er es mir schließlich. Er selbst wusste bei der Nachlasssortierung von Hugo Feuerstein nicht wirklich, woher dieses Stück stammte noch welchem Zweck es diente. Wir legten den Nachlass vorsichtig wieder in die Kiste und stellten sie zurück in den Lagerraum. Auf dem Weg zu dem Schlafgemach, dass mir in dieser Nacht bereitgestellt werden sollte, bat mich Abt Bonnington nur noch um eines:
Falls ich irgendwann einmal über die Herkunft oder den Sinn dieser angeschmolzenen Gamaschen sprechen könnte, würde es ihn sehr interessieren, die Hintergründe zu erfahren.

Natürlich konnte ich diese Bitte nicht ablehnen. Wenngleich ich auch im Moment selbst nicht den blassesten Schimmer habe, was ich hier eigentlich tue.

Ruhe in Frieden, Hugo Feuerstein. Deyn möge deiner seelig werden.


Der Abt entließ mich zunächst und bat einen seiner Ordensbrüder mich in mein Schlafgemach zu begleiten. Die einfache Kammer mag zwar nur mit einem strohgedeckten Bett, einem massiven Eichentisch und einem simplen Hocker ausgestattet gewesen sein, aber das sollte mir vollends genügen. Ich hatte noch nie große Ansprüche und das würde vermutlich auch bis zu meinem Ableben so bleiben. Solange es anderen Menschen auf dieser Welt deutlich schlechter geht, sollten wir als Hüter dieser Ordnung und Bewahrer des Glaubens nicht im endlosen Luxus schwelgen. Vielleicht sollten wir sogar die Letzten sein, die im Überfluss leben?

Ich sortierte mich, legte einige Teile meiner Ausrüstung im Zimmer ab und begab mich dann, nach einem kurzen Spaziergang auf dem Innenhof, wieder in die Speisekammer. Die Klosterbrüder bereiteten gerade das Abendessen vor und natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen ihnen ein wenig über die Schulter zu schauen. Unter Umständen endete es vielleicht sogar damit, dass ich ihren Koch für diesen Abend aus der Küche verbannt habe und mich selbst um die Verpflegung gekümmert habe.

Wichtig blieb an dieser Stelle nur das Ergebnis: Es hatte allen gemundet. Eine andere Küche, ein anderer Geschmack kann eine recht belebende Erfahrung sein, wie sich zeigt. Kurz darauf zog ich mich in den mir zur Verfügung gestellten Raum zurück, verriegelte die Tür und legte mich ins Bett. Bereits am frühen Morgen wollte ich mir noch ein wenig Proviant zusammenpacken und dann meine Reise vorbei am Maunas gen Rodstedt antreten. Der nächste Halt würde die Suche Werner Gerbers bedeuten. Zwar konnte ich mir denken, wo er sich ungefähr aufhalten musste, aber in dieser Welt gab es keine zu abwegige Flucht vor der Realität.

Tief durchschnaubend schloss ich die Augen. Auch in dieser Nacht sollte mir keine Ruhe vergönnt sein. Ganz im Gegenteil – es sollte die schlimmste aller Nächte werden.

In meinen Träumen war die Welt kalt und trist. Mein Leben war in einige, wenige Grautöne gehüllt. Jeder Schritt und jede Bewegung verursachte einen tiefgehenden, lähmenden Schmerz in Muskel und Knochen. Nicht einmal das zaghafte Bewegen eines Fingers war ohne Weiteres möglich. Was auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so schrecklich scheint, hatte jedoch eine ganz eigenwillige Bedeutung. Des Rätsels Lösung mag vielleicht sein, dass ich mich einfach nicht bewege. Ohne Bewegung, kein Schmerz durch Bewegung, nicht wahr?

Ein schöner Gedanke unter dem betäubenden Einfluss des immerwährenden Schmerzes, wahrlich. Doch standen sie alle um herum – ihre Gesichter und Leiber verhüllt durch die Urnen, in denen ihre Seelen zu stecken schienen. Meine engsten Kameraden und Lieben, meine treuesten Verbündeten und Helfer. Ihre gequälten Stimmen erklangen aus den Tiefen des Fegefeuers und zehrten nach mir.

Es wäre sicher keine ehrenhafte, aufopferungsvolle Tat gewesen, zu fliehen, aber ich sah keinen anderen Ausweg. Getränkt in peinigende Angst wollte ich nur weg. Meine Füße im gleichlautenden Takt immer wieder voreinander setzen und der trügerischen Realität entlaufen.

Aber nicht einmal die feige Flucht war mir vergönnt, denn der stechende und meinen ganzen Leib durchfahrende Schmerz, hielt mich an Ort und Stelle fest. Er band mich wie klebriges Pech oder fesselende Ketten an den eiskalten Boden. Ich musste mich auch dieser Wirklichkeit stellen. Es half nichts. Ich war allein. Ich bin allein. Aber ich werde nicht aufgeben. Niemals.

Als die ersten unverständlich klagenden Schreie der Gemeinschaft verklungen waren, erschienen sie einzeln. Vor mir, hinter mir, neben mir, vielleicht gar in mir. Ihre wiederhallenden Stimmen hinterließen Echos aus allen Richtungen, sodass es unmöglich war ihre vorwurfsvollen Schreie zu ignorieren.

Zuerst erschien die mir wohl vertrauteste und wichtigste aller Stimmen. Ihr von Maden zerfressener und mit dämonischen Malen übersehener Kopf war nur noch durch die feuerroten Haare zu erkennen. Mir schnürte es die Luft ab, mein Körper begann schmerzerfüllt zu zittern, als ich panisch um mich schlug. Und doch konnte ich nur hilflos Jule Webers Worten lauschen.

"Warum hast du mich fallengelassen, Amélie? Wieso hast du mich so verraten und in den Abgrund gestoßen? Sieh nur, was sie mit mir gemacht haben. Alles nur wegen dir, du verräterische Schlange. Was habe ich dir angetan, damit ich das verdient habe? Du hast doch alles von Anfang an geplant. Niemals warst du ein Freund, niemals mir wichtig.

Keine Sorge, ich warte hier unten auf dich. Denn für dich haben wir einen ganz speziellen Platz. Meine Rache kommt, Amélie, warte nur ab. Warte nur ab."

Ich spürte, wie die Tränen über meine Wangen rinnten und ich nicht verstand. Nicht verstehen wollte, was hier gerade vor sich ging. Eine Übelkeit und Angst kroch meinen Körper hinauf. War das meine Zukunft? Das darf und kann nicht sein. Werde ich sie hintergehen oder habe ich es schon längst? Ich dachte .. ich dachte so vieles. Aber vielleicht ist es alles falsch. Erlogen und erträumt, wie mein ganzes Leben?

Bevor ich auch nur einen weiteren Gedanken fassen konnte, lag der mit verschleimten Ranken überzogene Kopf von Raphael Bonnington vor meinen Füßen. Auf seiner Stirn war das völlig entstellte und mit Zeichen des Lebenden Gotts versehene Siegel unseres Ordens in die letzten Reste fleischiger Haut gedrückt.

Als die Worte aus dem Schädel hallten, kroch eine in zwei Teile gespaltene grünliche Zunge aus seinem Halse hervor. Beide Hälften wippten erst im Takt auf und ab, bevor sie sich – wie eine gespaltene Persönlichkeit – gegenseitig bekämpften. Als ob die eine Hälfte seines Daseins die andere Hälfte bezwingen wollte, am Ende jedoch keine siegreich hervorgehen konnte. Es war ein schrecklicher, herzzerreißender Anblick.

"Warum Amélie, warum? War ich nicht immer für dich da? Habe ich dir nicht die Welt des wahren Deyn Cadors gezeigt? Des einzig wahren Gottes? Sogar den alten Dysmas habe ich wieder aus dem Weg geräumt, damit ich dich kriege. Und nun sieh nur meine Herrlichkeit, das ist der wahre Glaube, Amélie.

Hör auf naiv zu sein und komm endlich in dein wirkliches Heim. Es könnte so einfach und so schnell gehen, dann wärst du hier."

Mein unaufhörliches Schluchzen und Zittern wollte nicht aufhören, ganz im Gegenteil. Ich spürte, wie die Kraft meinen Körper gänzlich verließ, während ich den heidnischen Versen aus Raphaels Mund lauschen musste. Was sagte er da? Der wahre Gott? Dysmas aus dem Wege? Raphael, was hast du nur getan? Ich .. was passiert hier nur mit mir? Das kann doch alles nicht wahr sein, sie sind doch noch am Leben und wir haben uns nicht verraten! Ich würde niemals, warum sollte ich auch nur? Hatten sie etwa mich .. ?

Tja, und dann stand er da. In seiner völlig verkohlten und zusammengeschmolzenen Gestalt. Als hätte man ihm bei lebendigem Leib in ein Fass mit heißem Eisen getaucht und krampfhaft am Leben erhalten. Er sagte nichts, schwieg mich einfach nur müde dreinblickend an. Ihn hier in dieser Form wiederzusehen, ist unbeschreiblich angsteinflößend. Zuerst dachte ich, dass ich mich freuen würde Franz Gerber endlich wiederzusehen. Aber nein, es ist eine grausame Qual ihn in dieser Art und Weise erleben zu müssen. Du hattest es nie einfach, oder, Franz? Das alles nur, weil Deyn Cador es wollte? Weil es so festgeschrieben war? Ich wünschte, dass ich dich in den Arm nehmen könnte, um dir wenigstens ein winziges Stücken deines Leides abzunehmen.

Aber stattdessen sitze ich hier, tränenüberströmt und vor Furcht bewegungsunfähig. Wie konntest du nur so unfassbar stark und durchsetzungsfähig sein, Franz? Ich bewundere dich, wirklich, gerade heute noch. Du hast Entscheidungen getroffen zu denen ich niemals fähig gewesen wäre. Und auch heute nicht bin.

Dennoch .. es bricht mein Herz dein trauriges Lächeln unter deinem verkrusteten und zerschmolzenen Helm sehen zu müssen. Was willst du mir nur sagen? Wozu mache ich das hier? Weshalb diese fürchterlichen Anblicke? Franz, hilf mir doch.

Doch bekam ich keine Hilfe, kein Mitleid und keine stützende Hand an meiner Seite. Nein, Franz verschwand so schnell, wie er gekommen war. Ich blieb allein in der Eiseskälte zurück, während meine Tränen an meinem zitternden Körper festfroren. Der Schrecken und die Furcht vor meiner Selbst fuhr mir gnadenlos durch Mark und Bein. Erlöse mich, Deyn Cador. Mach, dass es endlich aufhört. Ich dachte, du bist auf meiner Seite. Aber das hier?

Mit einem lauten Knall fiel der Körper Salvyro Notfinks vor mir auf den Boden und zersprang in abertausende kleine Teile. Ich zuckte von dem ohrenbetäubenden Ton zusammen und merkte erst danach, wie meine gesamte Körperfront mit seinem wärmenden Blut getränkt wurde. Salvyro?

Ich konnte nicht genau ausmachen, woher ich seine Stimme vernahm. Aber sie klang so allgegenwärtig, als ob sie gar auf meiner Haut vibrierte. Was, was habe ich nur getan?!

"Was du getan hast, Amélie? Du hast mich sterben lassen. Mich umgebracht. Du kümmerst dich um deine Kameraden? Hah, das ich nicht lache. Niemals hast du dich auch nur einen Augenblick um mich gekümmert, geschweige denn um die anderen. Du bist doch eine eiskalte Egoisten auf der Suche nach irgendeinem verwunschenen Ziel. Mach dir nichts vor, du nutzt uns alle nur für deine eigenen Zwecke aus. Schau mich nur an, wenn du einen Beweis suchst. Wegen dir liege ich im Fegefeuer, zerissen von einem Dämon, den du wieder nicht besiegen konntest.

Aber mach dir keine Sorgen, meine werte Protektorin. Ich habe hier einen ganz speziellen Platz für dich reservieren lassen."

Ich wollte mich nur noch zusammenkauern und diesem schrecklichen Schicksal entfliehen. Was sagten sie denn alle über mich? Bin ich wirklich so ein schlechter Mensch? Bitte, Deyn Cador, lass es endlich aufhören. Ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus. Ich habe solche Angst, solche Furcht, ich kriege keine Luft mehr! Und mein Herz schmerzt so ungebändigt, als stünde es in Flammen! Ich will nicht!

Weiter unaufhaltsam weinend und wimmernd, zog ich schmerzerfüllt meine Beine an meine kahle Brust heran. Das Blut Salvyro ronn langsam hinab von meinem Körper und bildete eine Pfütze auf dem wabernden Boden. Die Lache seines Blutes starrte mich in heller Erwartung auf meinen eigenen Tod an. Fühlt sich so Wahnsinn an? Ist es das, was ich verdient habe? Soll ich so enden?

Die Antwort kam von einer mir ebenso vertrauten und hinter mir erklingenden Stimme. Mit tippelnden Schritten wanderte die kleine Anna um mich herum. Bereits bei der Vorstellung sie in einem entstellten Zustand sehen zu müssen, drehte es mir den Magen und Hals um.

Ihr zerissenes und zerfleddertes Kleid ließ die letzten Brocken ihrer blutroten Haut erkennen. Als sie sich umdrehte und mir mit ihrem kindlichen Dasein in mein Gesicht blickte, wurde mir ihr völlig entstelltes und mit unzähligen Knochenbrüchen zerstörtes Antlitz enthüllt. Als sie versuchte zu einem Lächeln anzusetzen, knackten die zersplitterten Gesichtszüge bis sogar ein ganzes Stück krachend auf den Boden fiel.

"Ganz genau! Du hast versagt, Amélie. Du hast mich alleine gelassen. Warum nur? Ihr habt doch gesagt, dass ihr euch um mich kümmert. Aber niemand hat sich um mich gekümmert. Ihr habt mich allein in der Dunkelheit stehen lassen und seid ins Licht gewandert. Und dann wart ihr einfach weg. Weil du mich so alleingelassen hast, wirst du auch allein bleiben.

Ich hatte solche Angst, Amélie. Als ich von der Dunkelheit umschlossen und elendig gequält wurde. Dabei bin ich doch nur ein armes Kind gewesen, was habe ich denn verbrochen? Ihr wart nicht für mich da. Nein, nein, ihr wart gar nicht da! Nie wolltest du mich beschützen. Nie- nie- niemals! "

Sogar du, Anna? Sogar dich hintergehe ich? Wie könnte ich denn je ein unschuldiges Kind Deyns verlassen? Ich bin solch ein unausstehlicher, abscheulicher Mensch. In mir stieg eine unaufhaltbare Übelkeit hinauf, die ich unmöglich zurückhalten konnte. Unter dem stechenden Schmerz meiner pulsierenden Glieder erbrach ich alles, was irgendwann einmal Platz in mir gefunden hatte.
Meine einst so feurige Wut und Inbrunst wurde von tiefgehenden Selbstzweifeln und einer inneren Abscheu vertrieben. War ich so? Was .. hat das hier alles zu bedeuten?

Ich schämte mich, zitterte vor Angst und konnte den Fluss meiner Tränen mit keinem Damm dieser Welt stoppen. Unablässig schüttelte ich mich, was nur in noch mehr Schmerzen und Trauer endete. Es fühlte sich so an, als würden erst meine Muskeln zerreißen und Knochen splittern, bis sich dann mein Herz in einem Meer aus Leid zersetzt und ich endgültig mein Leben verliere. Dabei habe ich doch noch so viele Ziele und auch .. Wünsche.

Wäre ich doch nur nie geboren worden. An nichts anderes konnte ich in diesem Augenblick mehr denken.

Bis eine schwarzgebrannte Tonurne vor meinen Knien aufschlug, in tausende Einzelteile zersprang und einen Berg aus Asche freigab. Der Aufprall riss mich aus meinem gedanklichen Delirium und zog mich wieder in meine ausweglose Situation zurück.

Alles um mich herum wurde mit der alten, rauen Stimme umgeben. Ein ewig wiederkehrender Hall prallte an unterschiedlichsten mir nicht sichtbaren Ecken ab und reflektierte mir die grausamen Worte wieder in die Ohren. Pausenlos. Bedrängend. Vernichtend.


"Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden.
Wärst du nur nie geboren worden."


Es dröhnte und klingelte in meinem Kopf. Ich verstand nicht und sah schwarz. Die entstellenden Worte nahmen kein Ende. Mit meiner letzten Kraft versuchte mein versagender Körper all die kalte Luft in seine Lungen einzuziehen und einen letzten verzweifelten Schrei auszustoßen.

Es gelang.

Der Schmerz und meine Tränen waren vergangen. Keuchend und am Ende meiner Nerven erwachte ich wieder in dem strohgedeckten Bett in meiner dunklen Kammer. Unablässig hämmerte es an der Tür, ein wiederkehrendes Poltern an das dicke Holz erklang.

"Amélie, Schwester Amélie, wacht doch auf! Was ist denn los mit euch?"

Stöhnend erhob ich mich, schob den Holzbalken mühselig beiseite und blickte einer ganzen Gruppe an besorgten Mönchen ins Gesicht. Sie waren zwar zunächst sichtlich erleichtert mich auf den Beinen zu sehen, machten dann aber allerlei Anstalten sich um mich zu kümmern. Und unter keinem Umstand würde ich diese Tür wieder verriegeln dürfen.

Ich hatte keine Kraft und keine Muße mehr, um irgendetwas gegen ihre freundliche Güte und Hilfe zu tun. Ich war ausgelaugt. Fertig. Geschlagen.

Ich kann mich nicht mehr entsinnen, was danach passiert ist. Ich weiß nur, dass ich neben einem auf dem Hocker wachenden Mönch aufgewacht bin. Behutsam kümmerte er sich um meinen Körper, wagte aber bald keine Handlung mehr ohne mein Einverständnis, nachdem er die ersten wirklich schlimmen Narben erblicken musste.

Nur gegen erheblichen Widerstand der Klostermönche konnte ich nach einigen Tagen mein Pferd satteln und das Kloster verlassen. Jede Nacht suchten mich meine Träume wieder heim. Ich verstehe nicht. Ich will nicht mehr. Aber doch muss ich, es gibt keine Wahl.

Nur stehe ich diesen Wahnsinn nicht mehr lang alleine durch. Ich brauche euch. Ich brauche dich.
[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
"Big Booty - Big Breasts - Brigitte Best - Buff Brigitte!"

No Waifu, no Laifu! Hitagi best girl, team onodera
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#13

IX – Hilfe

Eigentlich hatte ich gehofft einige Zeilen über den wunderschönen Anblick der Wasserfälle im östlichen Maunas oder den beruhigenden Ritt entgegen des eindrucksvollen Rodstedts niederschreiben zu können. Wer auch immer dieses Buch eines Tages findet und liest, wäre vielleicht in heller Erwartung mehr über den Weg meiner weltlichen Reise zu erfahren.

Leider ist dafür weder Zeit noch Platz. In mir wütet ein nicht zu bändigender Sturm, ein donnerndes Gewitter, das alles durcheinander wirbelt. Meine Sicht verschwimmt im undurchdringlichen Nebel meiner Selbstzweifel, meiner pochenden Angst. Meine stummen Rufe nach Hilfe verklangen bisher ungehört in der betörenden Wildnis. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich auf die Mönche gehört hätte. Ja, vielleicht wäre das besser für mich und meine Umwelt gewesen. Aber seit wann höre ich auf den Rat anderer?

Bestimmt eine halbe Nacht ritt ich durch, führte Yuki über Stock und Stein, durch einen reißenden Strom und entlang steiler Abhänge. Ungeachtet der Gefahr und der Risiken der Nacht. Nein, keine Sorge, ihm geht es gut.

Mit lodernden Fackeln und ihren grölenden Schreien in einem niederen Tasperin sprangen die drei Burschen auf die Straße. Sie waren vielleicht gerade volljährig und trugen noch ihre kindlichen Ambitionen in ihren Augen. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, was mit mehr Leidenschaft brannte – das Feuer in ihren Händen oder ihre leuchtenden Augen? Solch unschuldige Naivität, ja solch jugendlicher Leichtsinn. Oh Deyn Cador, mein ewiger Herr und Hirte vergib mir. Sie konnten ja nicht wissen, nicht einmal ahnen, was die Konsequenz ihres törichten Handelns sein würde.

Ihr Anführer? Nun, er war zumindest derjenige mit dem meisten Mut und der größten Waffe in der Hand. Er war es, der seine Forke in meine Richtung streckte und all meine Habe einforderte. Ein ganz eigentümliches Gefühl ging von ihm aus, fast als ob seine Kühnheit und sein Ehrgeiz eine Aura erzeugen würden. Nicht so seine zwei Begleiter. Während des einen Knie unaufhörlich schlotterten, knirschte der Zweite mit den Zähnen auf, als sie mein Banner des Sôlerben mit ihrer Fackel beleuchteten.

Was ist nur aus dir geworden, Amélie? Wäre das nicht eine Situation gewesen, die du lieber mit Worten hättest regeln sollen?
Müssen.
Müssen.
Müssen.
Die Ordnung verlangt nun einmal ihre Opfer, nicht? Und wer sich ihr in den Weg stellt, wird gnadenlos zerquetscht. Nein, auch das kann nicht richtig sein. So will ich nicht enden, so will ich nicht sein. Aber am Ende bin ich doch so. Gnadenlos und grauenhaft. Es tut mir so Leid.

Doch wer die Ordnung angreift, dient dem Chaos. So steht es geschrieben. So wird es gepredigt. So habe ich es über dreißíg Jahre lang selbst vertreten. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Sie waren einfach nur jung, ambitioniert und dumm. Aber sicher keine Diener des Chaos, keine Anhänger dieses scheusslichen Mannsweibes oder ihrer Dämonen. Nein, sie waren junge naive Dorftrottel, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sich mit der falschen Person angelegt haben. Ein wahrer Mensch, eine Person der Güte und Aufrichtigkeit hätte sie mit wenigen Worten abhalten können. Aber ich war nicht stark genug. Ich ..

Ich trage ihr Blut fortan an meinen Händen. Vielleicht nur weitere Tropfen inmitten der großen Seen aus Leid und Zerstörung, die ich hinterlassen habe. Die Ordnung sieht sie als notwendige Opfer auf dem Weg an, als tragische Verluste, nicht mehr. Tragisch, ja. Tragisch.

Für ein wenig mehr Reichtum haben sie ihr Leben riskiert. Und sind ausgerechnet an mich geraten. Die panische Angst in den Augen ihres Anführers, welcher bis eben noch so getrieben von Mut und Ruhme wirkte. Nicht einmal diese zersetzende Furcht blieb ihm, als meine Klinge seine Forke zerbrach und seinen Leib durchdrang.

Seine Kameraden setzten beide zur Flucht an, doch kamen sie nicht weit. Nein, mir mögen diese Wälder fremd sein, aber Jahre meines Lebens habe ich mit der Suche nach Menschen verbracht. Sie erreichten nicht einmal die nächste Lichtung und fanden ein ebenso jähes Ende. Warum? Weil sie der Ordnung im Weg standen, mich aufhalten und Deyn Cadors Willen brechen wollten. So einfach oder? Nichts ist so einfach, verständlich und simpel. Oder doch nicht?

Sie sind tot. Unwiederbringlich. Für einen höheren Willen. Für meinen höheren Willen. Sie standen im Weg. Sie hatten die Muße mich aufhalten zu wollen. Dabei lasse ich mich nicht aufhalten. Deyn hat mir ein Ziel auferlegt und dieses Ziel werde ich erfüllen. Komme, was wolle.

Aber das kann nicht richtig sein. Das darf nicht die Antwort auf meinen Wunsch oder meinen Willen sein. Deyn, warum peinigst du mich so sehr? Ich dachte immer, dass alles so einfach wäre. Dass die Ordnung das einzig wahre Ziel dieser Welt sein musste und alles in ihrem Wege unnötiger Ballast ist. Weggehört. Aber ..? Das Aber ist gefüllt mit meinen Zweifeln über mein gesamtes Handeln, mein Leben und all das, was mich ausmacht. Kann es richtig sein Menschen wegen einer Dummheit, egal wovon sie angetrieben wird, auszulöschen? Gnadenlos.

Ich habe es nicht einmal versucht. Ich habe ihnen weder Gnade noch Güte angeboten. Ich habe mein Urteil gefällt und ihnen jegliche Hoffnung, Ambition und Zukunft geraubt. Sie in die unerbittliche Verzweiflung und ins Ende gestürzt. Das war meine Entscheidung. Und jede Entscheidung birgt unwiederbringliche Konsequenzen. Das ist meine Konsequenz. Ihr Tod. Durch meine Hände.

Dabei werde ich sogar ohne Weiteres davonkommen, denn das ist der Wille dieser Welt. Stand und Dasein entscheiden über Zukunft, Vergangenheit und das Leben. Die Schuldfrage ist bereits vor der Tat beantwortet. Kurios nicht? Können wir denn etwas dafür, woher wir kommen? Wie wir in welche Situation geworfen werden? Oder wie wir entscheiden müssen? Nein, das ist dein Werk, Deyn Cador. Du gibst uns alles vor und setzt den Samen des Lebens in unsere Leiber. Du führst uns durch unser Leben und triffst unsere Entscheidungen.

So dachte ich zumindest. Nein, all mein Leben lang, habe ich entschieden. Ich habe die Wahl getroffen. Versagt. Gesiegt. Und stets die Schuld und Konsequenz für beide Ausgänge auf meine Schultern genommen. So wie ich auch die Schuld für das Ableben dieser drei Burschen trage. Völlig ungeachtet aller Konsequenz habe ich ihr Dasein beendet. Sei ihnen gnädig, Deyn Cador. Wenigstens ihnen. Ich .. ich weiß, dass ich auf Abwegen wandere. Aber ich sehe das Licht durch all den Nebel nicht mehr. Und je weiter ich komme, je mehr meiner Ziele ich erreiche, desto weniger schimmern die Strahlen durch das Dunkel.

Lange Zeit hoffte ich, dass ein Gebet all meine Probleme lösen könnte. Aber seit Wochen, wenn nicht gar Monaten, finde ich keine Hoffnung mehr. Dein warmer Schein verschwindet immer mehr von meinem Körper und ich finde mich zusehends selbst nicht mehr. Deyn, ich werde nicht aufhören für dich zu streiten. Aber ich zerbreche. Mein Herz geht in versiegenden, nur noch traurig flimmernden Flammen auf und droht zu erlischen. Mein Glaube bröckelt langsam in sich zusammen, dabei ist er alles, was mich ausmacht und prägt.

Ich habe Angst. Fürchterliche und unerbittlich nach mir greifende Angst. Der Abgrund will mich und du bist nicht da für mich, Deyn. Habe ich etwa zu wenig gegeben? Die falschen Entscheidungen getroffen? Oder ist das der einzige Weg, wie du mich stark machen kannst – für all das, was noch kommen wird? Ich versuche mit diesem Gedanken weiterzuleben und durchzuhalten. Aber nach jedem Schritt, jeder untergehenden Sonne und jedem ablaufenden Albtraum fällt es mir schwerer. Wie soll ich bei klarem Verstand bleiben, wenn mir immer mehr genommen wird? Wenn ich immer mehr verliere und jede Entscheidung, wie eine Tat für Skrettjah wirkt?


Hilf mir Deyn, denn ich kann mir bald selbst nicht mehr helfen.
Lass mich nicht allein, denn ich fürchte mich vor der umgarnenden Dunkelheit.
Sende mir dein Licht wieder hinab.
Hinab in die Falle von Hass und Grausamkeit.

Zeige mir deine Güte.
Führe mich wieder auf deinen Pfad.
Bringe mir dein Licht und zeige mir die Ordnung.
Denn wenn das Chaos in mir wächst,
verliert die Ordnung ihren Halt.

Nur du kannst mich halten.
So wie ich immer zu dir gehalten habe.
Bring mir die Wärme und den Schutz,
und nimm mich dafür in dir auf.

Ich bitte dich so inständig,
denn wenn du nicht für mich da bist,
wird meine Flamme erlöschen
und die Dunkelheit mich vereinnahmen.

Amen.


Wäre es doch nur mit diesem Hass meiner Selbst, meines mickrigen und traurigen Daseins vorbei. Aber nicht doch. Nachdem ich den Tag überstanden habe, meine Schande versuche zu verstehen und die begangene Schuld begleichen will, beginnt der wahre Schrecken. Nachdem ich die drei Burschen abgeschlachtet hatte und sie im Wald begrub, wagte ich es meine Augen zu schließen.

Hätte ich es nicht getan, wäre ich nur weitergelaufen, bis ich zusammengebrochen wäre. Hätte ich es nur nicht getan und wäre ich wachgeblieben.

Wie oft habe ich mir gewünscht, dass Träume Realität werden oder Träume niemals Realität werden. Zwei unvorstellbare Extreme, eines abwegiger als das Andere. Seit den letzten Wochen bin ich froh, dass beides zum Glück niemals passieren wird. Oder?

Dennoch, so habe ich es mir nicht vorstellen wollen. So habe ich es mir alles nie erträumt. Meine ewig geschürte Angst vor meinem letzten Urteil wurde mir in diesem Traum zur aufrührenden, innerlich aufreißenden und letztlich zerstörenden Last. Wie würde mein Urteil ausfallen? Was würde alles in die Waagschaale geworfen werden? Und vielleicht am wichtigsten: Würde Deyn mich nach all dem, all meinem Leiden und meinen Taten, doch in das Fegefeuer hinabwerfen?

Mein geschundener Körper wurde aus einem undurchdringlichen Dickicht der Dunkelheit vom letzten Faden des Lichts hinaufgezogen. Stück für Stück ließen die klammernden, schwarzen Griffe und Pranken des Chaos von meinem Leib ab. Krampfhaft zog ich das letzte Fünkchen Hoffnung zu mir und kämpfte mir meinen Weg hinauf, bis das Schwarz mit einer unbeschreiblichen Wucht endlich durchbrochen wurde. Umgeben von den wärmenden Strahlen der Ordnung fühlte ich eine innerliche Zufriedenheit und endlich auch wieder das wohlige Pochen meines eigenen Herzens. Mir war mein Urteil zumindest vergönnt. Noch war ich nicht ganz verloren und in die niederen Schichten gefallen. Ich darf diesen letzten Strang meiner Ordnung nicht verlieren. Niemals. Denn dann habe ich versagt. Endgültig.

Über die felsige und mit einer grausamen Härte schimmernden Schlucht Dysmar vor dem Himmelsreich flog mein Dasein mit geradezu gewichtsloser Fügigkeit. Als ich am anderen Ende ankam, war mir die Last von den Schultern genommen und selbst das Blut in meinen Adern schien seinen grünlichen Stich verloren zu haben. Erleichtert atmete ich auf, bevor ich mich dem wirklich grausamen Schrecken stellen musste. Wie ich es wagen kann als Ordensrittern, Gläubige und Aufrechterhalterin der Ordnung mein letztes Urteil als grausamen Schrecken zu bezeichnen? Ich weiß es selbst nicht. Doch die in mir aufsteigende Angst, das bohrend flaue Gefühl in meinen Eingeweiden und der Wille zur Flucht waren Ausdruck meiner Furcht. Dies wäre der Moment gewesen, auf den ich mein gesamtes Leben hingearbeitet hätte. Oder vielleicht sogar schon hatte. Aber ich wollte nicht hier sein.

Woher hätte ich denn wissen können, dass es nicht mein wirkliches letztes Urteil ist? Wie in Deyns heiligem Namen hätte ich denn irgendetwas verstehen oder ahnen sollen? Natürlich hatte ich meine Vermutungen, aber sollte es das wirklich sein? Es konnte noch nicht vorbei sein, denn meine Pflicht habe ich noch immer nicht erfüllt. Wie einst er, damals, vor all der Zeit, muss auch ich erst meinen Dienst ableisten. Und erst danach wird mir vielleicht ein Ende vergönnt sein.

Ich hoffe und bete nur für eines – das mein Ende nicht so sein wird, wie das, was sich vor mir offenbarte.

Wackelnd und keuchend, mit jedem vorsichtigen und angsterfüllten Schritt zurückzuckend, versuchte ich mir meinen Weg entgegen des gleißenden Lichtes zu bahnen. Ich wusste, was dort auf mich warten würde. Die ewige Stille und Einsamkeit um mich herum, gab mir keinen Anlass zum Warten. Hier war nichts, wofür es sich gelohnt hätte. Meine Gewissheit würde ich nur bekommen, wenn ich mich meinem Leben stellen würde. Dafür war ich doch auch hier, nicht? Irgendwann sind wir alle dafür einmal hier.

Ich fasste mir an meine kahle und zerstochene Brust. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass es das letzte Mal sein würde. Gewissheit ist auch eine Erlösung, wenngleich sie allzu schmerzlich und vernichtend sein kann. Ich wüsste aber endlich, woran ich bin. Wer ich bin. Wofür ich gelebt habe.

Mit verkrampften und zu Fäusten geballten Händen, bahnte ich mir meinen Weg die langen Treppenstufen hinauf. So lange, bis mich das einnehmende und strahlende Scheinen des Lichtes blendete. Notgedrungen senkte ich meinen Kopf gen Boden, wobei ich ihm eigentlich in das Gesicht blicken wollte. Wenigstens einmal. Wobei .. einmal? Hatte ich es nicht schon einmal sehen dürfen? Seinen Glanz?

Es schmerzte in meinen Augen, so stark, als ob sie jeden Augenblick Feuer fangen wollten und in einer lodernden Explosion zerstört werden würden. Doch ich wollte ihn sehen, mehr als alles andere. Ich hob meinen Blick, riss meine Augen auf und versuchte mir mit aller Macht seinen Anblick zu verinnerlichen. Und doch, obwohl ich mich an jeden Augenblick in seiner Präsenz erinnere, ist dort – an seiner Stelle – eine tiefe, bedrückende Leere. Dabei sah ich ihn doch so klar – oder nicht?

Es erklang keine Stimme oder kein Ruf, keine Worte wurden gewechselt, nein. All das, was er mir mitteilen wollte, wurde direkt in meinen Kopf geschrieben. Als hätte er mit einer Feder meine Gedanken beschrieben, damit ich niemals vergessen würde. Damit ich nicht vergessen darf. Damit ich nicht scheitere. Damit ich sein Ziel erfülle.

Und vor allem, damit ich niemals die Konsequenz meiner Fehlschläge, meiner Schanden und falschen Entscheiden, meiner Handlungen sowie meines Daseins vergesse. Damit ich fortan inbrünstiger für die Ordnung streite, als je zuvor. Damit ich ihn nicht enttäusche.

Und .. damit ich sie alle nicht enttäusche und ihre vorbestimmten Schicksale abwenden kann. Nicht auch sie dürfen ein schreckliches Schicksal erleiden, nicht, wenn ich es verhindern kann.

Mit einem gewaltigen Luftzug stieß er mich von seiner gleißenden Empore zurück, als wäre ich nur eines der kleinsten Teile in einem gewaltigen Spiel. Zielgenau warf er meinen Körper in die Schlucht Dysmar, an der all die leidenden Seelen zwischen Fegefeuer und Himmelsreich festhingen. Irgendwo zwischen ewiger Glückseligkeit und endlosem Leid. Er wollte mir zeigen, was passieren würde. Und er offenbarte mir all die Schicksale, die ich in den zahllosen Nächten zuvor schon erleben musste. Er dient schonungslos seinen eigenen Idealen und bestraft diejenigen, die gegen seinen Willen und seine Ordnung handeln.

Ich will sie nicht leiden sehen. Ich will mein Leben nicht umsonst für falsche Ideale gelebt haben. Er ist kein Herr des Guten, das war er nie. Nein, er verheimlicht es auch nicht. Aber doch will ich auf seiner Seite stehen. Denn den grauenhaften Konsequenzen für all mein Handeln will ich entgehen, ich will sie beschützen. Ich muss sie verteidigen. Und ich werde der Ordnung dienen. Denn das ist, was ich immer gemacht habe. Es gibt kein höheres oder besseres Ideal in der Welt. Sie ist nicht perfekt, voller Makel und Schönheitsfehler. Aber erst sie gibt uns den Rahmen dieser Welt und einen Schutz vor dem verwegenen, rätselhaften und hilflosen Gebilde unserer Leben.

Doch je mehr ich erlebe, je mehr ich sehe, desto weniger schaffe ich es bei Verstand zu bleiben. War das ein Weckruf? Vielleicht. Aber .. ich werde nicht mehr lange alleine durchhalten. Meine Hilferufe in diesem Buch bleiben ungehört. Es wird Zeit zu handeln.

Rodstedt ist nicht mehr weit. Ich brauche dich.

[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
"Big Booty - Big Breasts - Brigitte Best - Buff Brigitte!"

No Waifu, no Laifu! Hitagi best girl, team onodera
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#14

X – In der Einsamkeit des Maunas

So eilig, wie ich den Schauplatz einer meiner weiteren schrecklichen Tat verließ, fand ich mich umgeben von großen Eichen und dichten Laubbüschen wieder. Der herrliche Duft von aufkeimenden Blüten hing in der Luft, während ein allgegenwärtiges Zwitschern der Vögel meine Reise anleitete. Anders als ich eigentlich gedacht hatte, war ich auch nach mehreren Stunden noch immer in den tiefen Wäldern am Maunas unterwegs. Die ausgetretenen Trampelpfade, die hier die Wege zwischen den wenigen Städten und Siedlungen ausmachten, waren häufig kaum noch von den Spuren der Tiere zu unterscheiden. Folgte ich hier eigentlich noch dem richtigen Weg nach Rodstedt?

Das gerade dieser widerliche Mistkerl von Kessler mir mit seinem Kompass wieder den richtigen Weg weisen würde, hätte ich mir niemals erträumen können. Dennoch - die Nadel in dem eisernen Gehäuse, auf dem sogar mein Name eingraviert war, zeigte zuverlässig gen Norden. Hoffentlich hat jemand diesem arroganten Alkoholiker endlich ein paar Zähne aus dem Mund geschlagen. Vergib mir, Deyn. Ich weiß, ich sollte solche Dinge nicht denken und erst gar nicht niederschreiben, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass auch Kessler mit beiden Beinen im Sumpf dieses Mysteriums gefangen ist. Fast schon, als würden wir beide nicht ganz freiwillig nebeneinander für unsere eigenen Ziele nach denselben Antworten streben, hm? Mein jüngeres Ich hätte sicher einst versucht ihn für unsere Seite zu gewinnen, aber seine Wesenzüge dienen nur seinem eigenen Dasein, keinem größeren Opfer für unsere Welt. Vielleicht schafft er es deswegen jedes Mal aufs Neue mir eine Gänsehaut auf die Arme zu legen?

Mit einem kleinen Schnipser ließ ich die Kompassnadel ein wenig tanzen und machte mich dann auf den Weg nach Nordosten. Irgendwo hinter diesem einzigartig dichten und verwucherten Wald würde sich hoffentlich auf einmal Rodstedt erheben. Nach einer kurzweiligen Rast an einem sanft dahinfließenden Bach, suchten Yuki und ich uns weiter unseren Pfad entlang des dichten Grüns. Wir kamen jedoch deutlich langsamer voran, als ich mir gewünscht hatte. Unzählige Wurzelstränge und Steine blockierten die Durchgänge und selbst zu Fuß mussten wir aufpassen, dass wir nicht an den zahlreichen Ästen hängenblieben. Pribislaw Pfeiffer hätte in diesem Wald sicher seine helle Freude gehabt.

Nachdem ich mich einige weitere hundert Meter einer Anhöhe entlang gekämpft hatte, verdunkelte sich plötzlich der Himmel über mir. Wolkenfronten zogen auf und schon bald sollten der erste Knall des Donners über uns ein schweres Gewitter ankündigen. Ich machte mich auf die Suche nach einer Höhle oder einem Unterschlupf, vielleicht lag hier ja gar irgendwo eine alte, verfallene Hütte?
Aber nichts da, meine Suche endete zunächst in einem eindeutigen Misserfolg. Die dicken Tropfen des Regens begannen auf die Erde einzuprasseln und die zuvor dagewesene Ruhe verwandelte sich in ein tobendes Orchester aus knarzendem Holz, gewaltig niederkommenden Wassermassen und dem regelmäßigen Schlag des Donners.

Je länger ich angestrengt nach einem Zufluchtsort suchte, desto schwerer wurde die durchnässte Kleidung an meinem Körper. Erst als ich nach einer gefühlten Ewigkeit in der Dunkelheit an einer nicht allzu weit entfernten Felswand einen Spalt im Felsen erkannte, spürte ich erste Erleichterung in mir. Geschwind betrat ich mit Yuki unseren natürlichen Unterstand. Im Inneren der nur wenigen Meter tiefen Höhlen schienen vor langer Zeit schon einmal Reisende im Stein kampiert zu haben. Neben einem kleinen Steinplateu lagen notdürftig zusammengezimmerte, aber immer noch intakte, Holzhocker im Dreck. Sogar die Überreste eines längst erkalteten Lagerfeuers konnte ich noch ausmachen.

Yuki stellte sich mit seinem großen Kopf an den Eingang der Höhle, fast schon als ob er lieber mein Wachposten wäre. Vielleicht wollte er auch einfach nur nicht die stickige Luft im Inneren der Höhle atmen müssen, wer weiß das schon?
Ich begann mich langsam zu entkleiden, indem ich die Lederriemen an meinen schweren Rüstungsplatten löste und die Metallteile auf den Boden stellte. Anschließend zog ich mir die nasse und klebrige Kleidung vom Körper und legte sie, so gut es eben ging, in der Höhle zum Trocknen aus. Glücklicherweise hatte ich in einer der Satteltaschen noch, im Kloster frisch gewaschene, Wechselkleidung dabei. Es war zwar nicht meine liebgewonnene Kombination aus Leinen und Leder, aber sie sollte mich für die Zeit in der Höhle immerhin warmhalten.

Ich setzte mich auf einem der zusammengezimmerten Hocker nieder und zog meinen Schleifstein aus, dem auf Yukis breiten Rücken aufgespannten, Rucksack hervor. Ich hatte meine wohlgediente Ordensklinge schon lange nicht mehr geschärft, es war wirklich einmal wieder an der Zeit. Während ich Zug um Zug den gehärteten Stahl mit dem Stein abzog, blickte ich zu meinem ruhig mit seinem Schweif wedelnden Yuki herüber. Das unerwartete Lächeln auf meinen Lippen habe ich sicher nur dir zu verdanken, nicht wahr mein treues Streitross?

Wir haben schon viel gemeinsam durchgemacht, und immer kamst du treumütig zu mir zurück. Vom ersten Tage an, wo du vor mir standest und mir Michael Bonnington deine Zügel reichte, bis heute. Zusammen sind wir durch unzählige Schlachten im Kreuzzug geritten und letztlich waren es dein mächtiger Rücken und deine kräftigen Beine, die Jule gerettet haben. Wer hätte das schon alles gedacht? Ich will wenigstens hier ehrlich sein. Und wenn ich mir ein Herz fasse, dann hätte ich nicht erwartet, dass wir lebendig aus Szemää zurückkehren. Beide.

Aber doch sitzen wir hier in dieser Höhle, irgendwo im weidtländischen Maunas und warten nur darauf, dass der draußen niedergehende Regen aufhört. Wer weiß, was uns beiden die Zukunft noch bringt, Yuki? Ich habe schon oft gedacht, dass ich dich verloren habe, dich nie wieder sehen würde. Und noch öfter dachte ich, dass mein eigenes Leben endgültig vorbei sei. Nur unser beider Herr weiß, was die Zukunft wirklich bringen wird. Ich verstricke mich währenddessen lieber in meinen tiefen Gedankenspielen und verschwende so unendlich viel Zeit auf der Suche nach den Antworten auf völlig irsinnige Fragen. Eigentlich hätte ich schon längst darüber nachdenken müssen, was es mit diesen angeschmorten Hinterlassenschaften auf sich hat. Aber selbst nach all der Zeit komme ich nicht mal auf einen sinnigen Ansatz. Natürlich ist mir bewusst, woher sie stammen und, dass sie ein Zeichen sein müssen. Irgendeine tiefere Bedeutung haben. Aber was? Kann ich es überhaupt schon herausfinden?

Ich weiß, Yuki. Selbst wenn du mir helfen wolltest oder die Antwort kanntest, du wirst nicht auf einmal anfangen zu sprechen und mir die Antwort verraten, hm? Da draußen prasselt der Regen in derselben Härte auf den nassen Boden, wie ich das Blut der Menschen um mich herum in den Teich meines letzten Urteils fließen lasse. Unablässig und unaufhaltbar. Ich bin nicht stark genug, um mir keine Schuldvorwürfe zu machen oder einfach alles an mir abprallen zu lassen. Ich weiß, was ich für Recht und Unrecht halte. Ich bin ich. Ich bin Amélie. Und seit jeher folge ich meinem Ziel der Ordnung für ein größeres Wohl. Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bringen wird oder wie lange ich noch auf dieser Welt bleiben wird.

Und wegen all dieser Ungewissheit und all meiner Zweifel, werde ich mein Streben nach meinen Idealen nicht aufgeben. Was soll schon passieren? Mehr als Scheitern kann ich nicht, selbst, wenn ich weder Scheitern darf noch will. Aber ist das nicht auf eine ganz eigene Weise ein besonderer Antrieb, um nach dem Besseren zu streben? Ich will meine Liebsten beschützen und diese Welt zu einem ordnungstreuen Ort machen. Vielleicht sind meine Mittel dafür oft nicht angebracht oder häufig genug auch völlig falsch. Diese drei Burschen, deren Namen ich nicht einmal kannte und deren Leben ich so jäh beendet habe. Sie teilen dasselbe Schicksal, wie Aleandro und Pedro, die die ersten Menschen waren, die wegen mir gestorben sind. Ich trage ihre Last, ihre Wünsche und Träume, ebenso wie ihre Hoffnung und Verzweiflung auf meinen Schultern. Oft genug werde ich mit diesem unendlichen Gewicht fallen, aber wird mich das vom Wiederaufstehen abhalten? Darf es das? Franz hätte mich für den Gedanken an das Aufgeben schon gezüchtigt, wenngleich ich mir sicher bin, dass auch er gezweifelt haben muss. Wir dürfen unsere Schwäche nur nie zeigen, wenn es darauf ankommt. Ohne Entschlossenheit und Zielstrebigkeit sind wir nur führungslose Schafe und werden nichts auf dieser Welt erreichen.

Ich muss endlich entschlossener werden, schätze ich. Sonst bringe ich meine Wünsche nur selbst durcheinander. Auch, wenn es eine gewisse Ironie in sich hegt, wenn man sich mehr selbst im Weg steht, als die eigenen Widersacher. Dennoch glaube ich, dass ich dich brauche, damit ich nicht ständig meine Orientierung verliere. Alleine waren wir noch nie stark, aber gemeinsam finden wir unser Glück und die wahre Stärke.

Ich verstehe meine eigenen Probleme vielleicht sogar so gut, dass ich es nicht wage sie anzugehen. Es erfordert einen starken Kopf und noch mehr Mut, um gegen sich selbst und sein eigenes Streben anzukämpfen. Alleine schaffe ich das nicht.

Ich sollte endlich einen Brief an dich schreiben, Jule. Ich habe mir lange genug Gedanken darüber gemacht, dass ich dich nicht in Gefahr bringen will oder ich doch nur dich beschützen will. Aber beschützt du nicht eigentlich mich? Bist du nicht diejenige, die mich aus der Gefahr herauszieht? Letztlich brauchen wir einander. Verdammt, Amélie – du brauchst sie. Vor unzähligen Seiten wolltest du endlich nach Hilfe schreien, jetzt ist der Zeitpunkt endlich gekommen!


Dennoch, egal wie laut ich in diesem Wald schreie und warte, finden wird mich hier niemand. Selbst die Suche nach Werner Gerber muss ich alleine antreten, denn die Überfahrt dauert so elendig lange. Es sind Wochen und Monate, die ich nicht einfach abwarten kann. Und die Schneise aus Tod, die sich vor mir aufbäumt, darf auch ich nicht vergessen. Bisher hat jede von mir aufgesuchte Person ein schnelles, oft grausames, Ableben erfahren müssen. Wer weiß, wie es Werner Gerber geht? Ich hoffe, dass er noch am Leben ist und an Uriel Bonningtons Seite verweilt. Vielleicht sollte ich ein Gebet sprechen? Nein, nicht hier in dieser Höhle. Besser an einem anderen Ort, vielleicht auch zu einem anderen Zweck.

Auch wenn es vermutlich keine besonders gute Idee ist, sollte ich versuchen die Zeit hier in der Höhle für ein wenig Ruhe zu nutzen. Vielleicht würden meine Albträume für heute fern von mir bleiben und ich sehe ausnahmsweise einmal die guten Seiten dieser Welt? Es wäre zu schön, nicht wahr? Aus einigen zusammengelegten, trockenen, Stoffstücken legte ich mir eine halbwegs gerade Liege zusammen und schloss meine Augen.


Ich würde die folgenden Zeilen nicht einmal niederschreiben, wenn meine Vorahnung nicht doch eingetreten wäre. Meine schweren Augen fielen nach nur wenigen Minuten zu, selbst nachdem der Donner mich noch ein oder zwei Mal aufgeschreckt hatet. Als ich wieder zu Sinnen kam, war ich allein – Yuki war weg. Panisch und außer mir vor Sorge trat ich vor die Höhle und fand nichts außer einen in dichtesten Nebel gehüllten Wald. Von meinem geliebten Pferd war weit und breit keine Spur. Ich musste ihn suchen, ich .. konnte ihn doch nicht verloren haben!

In der Höhle griff ich mir nur geschwind meine Klingen, bevor ich eiligst rufend durch den Wald lief. Ich spürte, wie mein Puls in die Höhe schnellte und das Herz in meiner Brust immer schneller pochte, je mehr Weg ich gutmachte.
"Yuki?! Wo bist du hin? Yuki, komm zu mir zurück!"

Schritt um Schritt lief ich gehetzt durch den Wald, ich wollte so viel Raum, wie möglich, in kürzester Zeit absuchen. Es konnte doch nicht wahr sein, dass er mir ausgerechnet jetzt abhanden kommt!
Warum in Deyns hohem Namen verlässt er mich einfach so? Das hat er doch noch nie gemacht.. Minutenlang kämpfte ich mich durch den dichten Forst, bis meine Kehle, wie nach einer durchzechten Nacht, feurig brannte. Keuchend und schnaufend blickte ich mich um. Eine Angst durchfuhr meinen Leib, meinen letzten Begleiter nun doch verloren zu haben. Und das nur, weil ich so töricht und naiv gewesen war meine Augen zu schließen. Hatte er gar eine Vorahnung und mich so beschützt? Yuki, bitte. Das .. konnte doch nicht wahr sein.

Umgeben von den hochgewachsenen und dichten Pflanzen des Waldes hatte ich schnell die Orientierung verloren. Der dichte Nebel ermöglichte mir nicht einmal mehr das Auffinden meiner eigenen Spuren, ich war allein, inmitten dieses Dickichts. Ich ballte meine Fäuste, verärgert von meiner eigenen Naivität. Warum bin ich denn so kopflos in den Nebel gestürmt? Mir bedeutet Yuki so viel, er kann doch nicht einfach weg sein. Er darf mich nicht allein lassen! Nein, Amélie, du darfst ihn nicht allein lassen!

Erst, als ich bemerkte, wie die ersten Tränen meiner Verzweiflung an meinen Wangen herabliefen, kam ich wieder zu halbwegs klarem Verstand. Meine Trauer durfte mir für diesen Augenblick nicht im Weg stehen, ich musste ihn finden. Aber wie? Angespannt und mit geballten Fäusten drehte ich mich im Wald herum, versuchte irgendeine Spur auszumachen, der ich nachgehen könnte.

Ich wendete mich, wie ein aufgescheuchtes Kaninchen umher. Mit ausgestrecktem Hals versuchte ich einen klaren Blick zu fassen, um durch den Nebel zu sehen. Plötzlich ertönte ein hoher, fast schon schriller Schrei, einer mir unbekannten Kreatur. Yuki!

Ich versuchte innerhalb des Waldes den Schrei auszumachen, war mir aber auf einmal fast schon unheimlich sicher, aus welcher Richtung er gekommen sein muss. Sprintend lief ich über eine, einem grauen Nebelmeer gleichenden, Lichtung, bis ich vor einer hochgewachsenen Trauerweide stand. Ihre dicken Blätterstränge versperrten mir erst die Sicht, bis ich dahinter Yuki erblicken konnte.

Sein Kopf war vom restlichen Leib abgeschlagen und lag wenige Meter von seinem anmutigen Körper entfernt. Sein Bauch war aufgerissen und die Eingeweide wurden wie von verwunschenen Armen herausgezogen und um den Baum geschlungen. Meine Augen waren sofort von einer Flut aus Tränen überfüllt, während mein Magen sich wie ein Knoten zusammenzog. Eine Übelkeit und ein Ekel stiegen in mir herauf, ließen mich sofort auf der Stelle zusammensinken und auf die Knie gehen. Ich .. es konnte nicht sein! Mein treuester Begleiter!

Ich wünschte ich hätte ausreichend Zeit zum Trauern gehabt, doch erklang sogleich hinter mir derselbe schrille Ton, der mich in meiner Verzweiflung hergelockt hatte. Ein wildes Schnauben, gefolgt von einem keifenden Zischen ließ mich wieder auf die Beine schnellen und meine Klinge aus der Scheide ziehen. Als ich meinen Kopf nach hinten drehte, sah ich bereits die hölzerne Klaue auf mich zuschnellen. Nur mit einem raschen Sprung zur Seite konnte ich den kräftigen Ästen entgehen, die auch Yuki dahingerafft haben müssen. Als ich mich halbwegs wieder gefangen hatte, sah ich das Ungetüm vor mir.

Seine rot glimmenden Gliedmaßen waren umgeben von dunklen Holzmassen. Ranken und Blätterbüschel hingen überall am Körper des dämonischen Wesens. Mir war sogleich klar vor welchem Wesen ich hier stehen musste: Thurka-Nafri, ein Dämon der Decrapia, hatte sich in diesem Wald erhoben und trachtete nach mir. Meine Knie begangen zu Zittern, als ich verstand, wem ich hier allein und ohne Rüstung gegenüberstand. Ich wusste, dass ich mich diesem Wesen stellen musste. Ich hatte keine andere Möglichkeit als zu kämpfen, denn das hier war sein Gebiet. Und ich war allein.

Meine Schwerthand war schon am Griff von Heldenmut, als der nächste Schlag des baumartigen Wesens von oben auf mich einprasselte. Wieder rettete mich nur ein Sprung zur Seite, der mich aber auf einer harten Wurzel aufkommen ließ. Ein scharfer Schmerz durchzog meine linke Schulter, mit der ich just auf dem Boden aufgeprallt war. Ich biss mir auf die Unterlippe, zog die mir so vertraute Klinge aus der Scheide und versuchte den nächsten Schlag abzufangen. Ein Ast des Thurka-Nafris schleuderte mir von der linken Seite entgegen. Im wirklich allerletzten Moment flog die Klinge Heldenmuts gegen den dämonischen Arm. Unter einem Feuerwerk aus Funken flog der Arm des Wesens verwelkend zu Boden, während mir ein stechender Schmerz durch den Brustkorb fuhr. Heldenmut war nicht für Menschen bestimmt, aber nun einmal die einzige Hoffnung, die mir hier auf einen Sieg blieb.

So dachte ich zumindest, denn in meiner Unachtsamkeit – geprägt vom stechenden Schmerz in Schulter und Brust, traf mich ein weiterer hölzerner Arm. Ich realisierte erst, wie ich mehrere Meter durch die Luft glitt und am anderen Ende der Lichtung hart auf dem Boden aufprallte, als ich gegen einen weiteren Baum knallte und am Boden liegen blieb. In meinem Kopf drehte sich alles. Blut tropfte aus meiner Nase und schon wenig später auch aus meinem Mund. Der Geschmack eisenhaltigen Blutes lag mir auf der Zunge. Als ich mich wieder aufrichtete und das dämonische Wesen auf mich zuschlurfen sah, wurde mir erst das wahre Ausmaß seines vorherigen Treffers bewusst. Meine linke Taille war halb aufgerissen, nur der Schock verschonte mich vor dem zerstörerischen Schmerz. Zähneknirschend presste ich beide Hände auf die rinnende Wunde.

Es tut mir Leid, Yuki. Doch habe ich auch in diesem Kampf versagt. Ich musste fliehen, nahm beide Beine in die Hand, bevor der Schock nachließ. Ich wusste, dass ich nur wenig Zeit hatte. Sobald der Schmerz einsetzt, würde bald die Bewusstlosigkeit folgen. Ich brauchte Hilfe, sonst würde ich in diesem Wald verbluten.

Keuchend strauchelte ich über die Wurzeln, unter dem dichten Buschwerk hindurch. In meinem Rücken hörte ich stets das unaufhörliche Zischen und Schlurfen Thurka-Nafris. Er war hinter mir her, ich musste hier weg. Lächzend schaffte ich es unter Deyns schützenden Händen noch einige Meter weiter, bevor ein zermürbender Schmerz an meiner Taille mir die Luft aus der Lunge drückte. Nach einem weiteren Schritt fiel ich vorn über auf den Boden, bekam weder Luft noch einen klaren Gedanken. Mir wurde langsam schwarz vor Augen, mein Sichtfeld schränkte sich immer mehr ein. Mit allerletzter Kraft drehte ich mich auf den Rücken, bis die rotbraunen Holzstücke des Dämons über mir standen. Mit einem letzten Gebet schloß ich meine tränenunterlaufenen Augen.


Und erwachte wieder. Mein Kopf lag an einen Felsen gelehnt, mein Körper auf mehreren Stoffstücken ausgebreitet und der mich zuvor peinigende Schmerz war verflogen. Vorsichtig öffnete ich die Augen und starrte auf Yukis kräftigen Hinterleib. Ich begann zu schluchzen und zu weinen. Meine Tränen plätscherten auf den unter mir liegenden Steinboden, wie der immer noch draußen niedergehende Regen auf das weidtländische Grün. Mit jedem Schritt den ich auf Yuki zuging, pochte mein Herz lauter und lauter auf. Zunächst fuhr ich ihm mit beiden Händen über das dichte braune Fell, bis ich meinen gesamten Körper an ihn schmiegte. Seine Wärme, sein tiefes Atmen, es wirkte so beruhigend und schön. Ich war und bin noch immer ausnahmslos froh, dass er noch da ist. Ich hatte solche Angst ihn verloren zu haben. Aber hier war er. Schluchzend bin ich ihm bestimmt eine ganze Stunde über sein Fell und seine Mähne gefahren, bis der Regen vor unserer Höhle endlich nachgelassen hatte.

Warum Deyn mich wieder einmal mit solch einem grausamen Albtraum bestraft? Und dann auch noch mit einem Dämonen, von dem selbst ich bisher nur in den alten Schriften gelesen habe? Ich weiß es nicht, aber ich .. was weiß ich überhaupt? Ich bin nur froh, dass ich Yuki nicht verloren habe. Das er hier weiter bei mir ist und ich die nächsten Stationen nicht allein durchstehen muss. Man lernt erst zu schätzen, was einem fehlt, wenn man es nichtmehr hat, hm? Ich dachte immer, dass ich Yuki anders behandelt hätte, nicht wie ein Arbeitstier oder einen Gegenstand. Aber anscheinend reicht meine Fürsorge und Anerkennung für dich noch lange nicht aus.

Ich setzte mich noch einen Moment nieder, um mich wieder zu sammeln. Anschließend legte ich meine größtenteils getrocknete Ausrüstung wieder an und nahm Yukis Zügel in die Hand. Wir hatten lange genug geruht, wir mussten unseren Weg fortsetzen. Ein ähnlich dichter Nebel, wie in meinem schrecklichen Traum, war mittlerweile über dem weidtländischen Wald aufgezogen. Eigentlich ist es keine gute Idee diese Länder im Nebel ohne ortskundigen Führer zu durchqueren, aber ich hatte keine große Wahl. Vorsichtig und immer auf den Boden vor mir achtend, führte ich mein Pferd durch die Landschaften. Die einzige Orientierung blieb der Kompass der Gilde der Kartographen. Immerhin auf dieser Belohnung hatte Kessler es mal geschafft meinen Namen richtig zu schreiben.

Etwa zwei Stunden später, der Wald hatte sich mittlerweile ein wenig gelichtet und die Bäume standen eher vereinzelt voneinander entfernt, erkannte ich den Schein von Öllaternen durch den Nebel. Je näher ich kam, desto mehr offenbarte sich die dörfliche Gemeinschaft vor mir. Etwa ein Dutzend Häuser standen um einen kleinen zentralen Platz herum verteilt. In der Mitte des Ortes stand eine hochgewachsene Trauerweide. Ich schluckte schwer, merkte, wie mein Puls anstieg und ich ein Pochen im Halse vernahm. War das etwa eine Vorankündigung Deyn? Ich wollte lieber die bald hereinbrechende Nacht hier verbringen, bevor sich mein grausamer Traum wiederholt.

Glücklicherweise verfügte das liebliche Dörflein sogar über eine kleine Gaststätte mit Unterstand für die Pferde. Ich band Yuki an, streichtelte ihn an seinem großen Kopf und legte etwas Stroh aus dem überdachten Lager in den Futtertrog vor ihm. Anschließend betrat ich die größtenteils leere und spärlich eingerichtete Taverne. In der Mitte befand sich ein offen brennendes Feuer mit einem großen Eisentopf darüber. Hier und da standen ein paar Tische und Stühle herum, während am Ende des Raumes ein großer Tresen mit allerlei gläsernen Flaschen aufgebaut war. Der bärtige und deutlich gealterte Wirt hob grüßend die Hand und bot mir einen Platz an. Sogleich bestellte ich ein Bett für die Nacht, eine Mahlzeit für diesen Abend und zahlte selbstredend auch das Stroh für mein edles Streitross. Ich bon so heilfroh dich zu haben, Yuki.

Während ich wartete, zog ich aus meinem Notizbuch einige der Papierstücke, die ich mir bei den Sôlanern in Asmaeth mitgenommen hatte, hervor. Ich verfasste endlich den Brief, über den ich solange nachgedacht hatte. Zufrieden steckte ich das Stück zusammengefaltet wieder zurück zwischen die Buchseiten. Ich wollte ihn in Rodstedt zum Postamt bringen, damit er hoffentlich bald zugestellt würde.

Nach einer Weile bekam ich meine Mahlzeit, einen dampfenden Hirsebrei mit einem gekochten Ei, serviert. Die einfache weidtländische Küche konnte mich bisher nicht beeindrucken und auch diese Speise schaffte es sicherlich nicht dies nachzuholen. Immerhin wurde mein Magen gefüllt. Kurz bevor ich Aufstehen wollte, um mich nach meinem Zimmer für die Nacht zu erkundigen, betrat ein junger Herr die Gaststätte. Sein zerzaustes Haar und sein strubbeliger Bart ließen ihn nicht wirklich ansehnlich erscheinen, doch trug er eine Kutte, die ihn als Priester der Silvanischen Kirche auswies. Erfreut winkte er dem Wirten zu, bevor er mich – als einzigen Gast in dieser Wirtsstätte – anblickte und mich ebenso freudig begrüßte. Nachdem er seine Bestellung durch den leeren Raum gerufen hatte, bat er um den weiteren freien Platz an meinem Tisch.

Auch wenn mir nicht mehr wirklich nach einem Gespräch zumute war, konnte ich die Anwesenheit eines Priester schlecht ablehnen. Auch auf den zweiten Blick war er mit seinem fast faltenfreien und gar jugendlichen Gesicht unter den herumwuchernden Haaren mit Sicherheit jünger als ich. Mit seiner hohen, aber dennoch nicht nervigen Stimme, versuchte er sogleich ein Gesprächsthema zu finden.

"Seid vielmals begrüßt, wirklich, werte Dame. Ich hoffe euch wirklich nicht zu stören, aber ihr versteht sicher, dass wir hier nicht allzu oft derartig interessanten Besuch bekommen! Hier in der Abgeschiedenheit der Berge kommen nur wenige Händler und noch weniger Wandersleute. Sagt, gefällt es euch hier?"

Ich setzte mein leichtes Lächeln auf und ließ mich dann doch irgendwie in ein Gespräch mit ihm verwickeln. Vielleicht habe ich nach den Tagen der Abgeschiedenheit Weidtlands nur ein wenig Gesellschaft nötig gehabt, aber letztlich unterhielten wir uns länger und inhaltlich tiefer, als ich eigentlich vorhatte. Deyn vergelts.

"Seid bedankt für eure Freundlichkeit, junger Priester. Mögt ihr mir euren Namen verraten? Diese Region hat sicherlich ihre Vorzüge, wenngleich mir der viele Regen und Nebel doch ein wenig auf das Gemüt schlagen."

"Ach, ach, sagt doch nicht sowas." Er schwenkte mit seiner rechten Hand in der Luft umher. "Das Wetter hier ist eben einzigartig! Ich bin der örtliche Priester für die drei in der Nähe liegenden Dörfer und natürlich diesen wunderbaren Ort, nennt mich Edgar!"

"Edgar, so? Mein Name lautet Amélie, wie ihr unschwer erkennen könnt, vom Orden des heiligen Sôlerben. Sagt, wie lange seid ihr schon im Dienste des Herrn?"

"Ich bin noch wirklich nicht allzu lange fertig mit meiner Initiation, aber hier in Weidtland mangelt es an allen Ecken und Enden an Geistlichen! Scheinbar scheint das Geschäft oder die Seefahrt verlockender, dabei sind Deyns Lehren ein ebenso gutes und gleichzeitig lukratives Einkommen!"

"Ein Einkommen? Dient ihr dem Herren nicht wegen eures Sinnes für die Ordnung? Für unser aller Wohl?"

"Sicherlich auch, aber ich hätte doch nicht alle meine Möglichkeiten aufgegeben, wenn ich hier nicht mit Einfluss und guter Münze belohnt werden würde. Ich finde eure noblen Zwecke zwar, nunja .. nobel, aber würdet ihr denn auch in bitterster Armut vom Fuße der Gesellschaft Deyns Jüngerin sein?"

Würde ich? Oder ist all mein Idealismus, all mein Glaube, nur vorgeschoben? Ich haderte. Meine Entscheidungen als Kind oder in der Jugend wurden sicher nicht von einem Interesse an persönlicher Macht angeleitet, aber ist es heute anders? Führe ich meine Aufgaben nur noch aus, weil ich den Erhalt der deynistischen Macht begehre? Ich kann und will mir keine Welt ohne die Oberhand der Kirchen und der Ordnung Deyn Cadors vorstellen, wenngleich ich nicht einmal davon ausgehe, dass unsere Welt ohne sie lange existieren könnte. Auf der anderen Seite dürfen wir vermutlich nicht vergessen, dass wir ohne weltliches Dasein nur umherirrende Seelen sind. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind unsere Körper und unsere Geister zu versorgen oder ruhen zu lassen, dann bringt mir auch all mein Wille für die Gemeinschaft nichts.

Die Menschen, all die Gläubigen, sind so oft orientierungslose und egoistische Schafe ohne Hirten. Bringt nicht erst der deynistische Glaube sie alle in der Messe zusammen oder bereitet ihnen ein schönes Fest? Natürlich ist es so. Weder unsere weltlichen Herren noch Bürgergemeinschaften und erst Recht nicht die gottlosen Magier oder Anhänger Skrettjahs sorgen für Zusammenhalt. Am Ende fällt es alles auf uns zurück. Würde ich Deyn auch aus der Armut dienen? Sicherlich, denn für mich gibt es kein anderes Ziel im Leben. Aber aus der Armut heraus.. wäre nichts so möglich, wie es heute für uns ist. Feste und Messen, Speisungen und Unterkünfte entstehen aus Nächstenliebe, benötigen aber letztlich Münze und Material. Solange wir die Oberhand auf dieser Welt haben und genug Gläubige unter unseren schützenden Bannern versammeln können, werden wir bestehen.

"Ja. Würde ich." stieß ich nach meiner kurzen Bedenkzeit entschlossen hervor. "Doch solange wir unseren Glauben obsiegen lassen, werden wir nicht am Fuße der Gesellschaft stehen sondern die stützenden Pfeiler bilden. Würde eure Gemeinde so zusammenhalten, wie sie es hoffentlich heute tut, wenn ihr nicht wärt?"

"Ihr seid hartnäckig, werteste Amélie. Wenn ich nicht wäre, würde irgendetwas anderes an meine Stelle treten. Versteht mich nicht falsch, Deyn ist hier das Zentrum all unseren Glaubens und ich investiere wirklich viel Fleiß und Mühe darin seine Lehren zu verbreiten, aber ... mit meinen Worten lenke ich die Menschen. Und wenn ich sie lenken kann, warum sollte nicht auch jemand anderes dieselben Fähigkeiten haben?"

Das Ersetzen des Deynismus, hm? Wenn ich zurück an unseren Kreuzzug in das gefallene Land Szemääs denke, dann muss ich ihm Wohl oder Übel recht geben. Diese einst so deyngläubigen Menschen, vor langer Zeit von Jakobus selbst geführt, waren nach dem Aufkeimen der Kirche des Lebenden Gottes unserem einzigen Herren abkömmlich. Geleitet von falschen Versprechungen und einfachen Geldzahlungen glaubten sie nicht mehr an die Heilige Schrift oder unsere Gebote, sondern einem impersonifizierten lebendigen Gott.

Unbestritten bleibt die Häresie und die Schreckensherrschaft der Kirche dieses lebenden Gottes. Doch ebenso das törichte Handeln der Menschen und besonders ihrer Anhänger. Lassen wir uns wirklich so einfach von versprochenem Ruhm, Besitz und Wohlstand leiten? Alles für unser eigenes Verlangen? Ich weiß, ich habe mir schon einmal Gedanken über dieses Thema gemacht. Ist es sogar in unserer Kirche schon so weit, dass wir nur unsere eigenen Ziele verfolgen? Das will und kann ich einfach nicht glauben. Dieser einzelne Priester hier wird sicherlich die Ausnahme sein. Bei Deyn, führe uns an und lasse uns nicht nach unserem eigenen Verlangen kämpfen. Die Gemeinschaft und das Wohl aller müssen überwiegen.

"Junger Edgar, gerade weil ihr sie lenken könnt und lenkt, müsst ihr verantwortungsbewusst und vorsichtig mit euren Worten und Wünschen umgehen. Ihr dient dem Wohl der Allgemeinheit unter Deyns schützender Hand. Nicht euch selbst. Niemals dürft ihr eure eigenen Interessen über die Gemeinde stellen.

Ich will nicht altklug, wie die Tasperiner immer sagen, klingen, aber ihr tragt eine ganz besondere Verantwortung. Gebt Acht."

Fast schon beschwichtigend hob Edgar seine Hände an, um wieder abzuwinken. "Ihr seid doch nicht etwa hier, um mir auf die Finger zu schauen? Sôlaner bedeuten eigentlich nie etwas Gutes, hat man mir vor einigen Jahren gelehrt." Er fing für einen Augenblick an zu lachen. Dabei warf er mir zwar einen erwartungsvollen Blick zu, wurde aber mit einem sanften Lächeln abgestraft. "Schon gut, schon gut, ich nehme mir ja eure Worte zu Herzen. Nur für einen Hirsebrei werde ich aber nicht Diener Deyns sein."

Mit einem sanften Stoß meiner rechten Hand schob ich meinen Hirsebrei weiterhin lächelnd beiseite. Ich ließ mir von Edgar noch eine ganze Weile am knisternden Feuer von den Schwierigkeiten seiner Gemeinden oder dem Leben in Weidtland berichten. Es war eine angenehme Abwechslung mal ein wenig zuhören zu können und wieder einmal mehr etwas über diese so wunderbar bunte und vielfältige Welt zu erfahren. Zuletzt ließ ich mir noch den restlichen Weg bis Rodstedt beschreiben, bevor ich mich zu Bett begab.

War es wirklich so einfach vom Pfad Deyns abzukommen? Ich mache es mir vermutlich zu leicht, denn so wahr ich mir bewusst bin, dass ich das eine Extrem auf Seiten Deyns bin, kann ich mich nicht in andere Leute hereinversetzen. Anstelle wilder Gedankenspiele über Möglich- und Unmöglichkeiten über meinen Glauben oder den Willen anderer Leute, setzte ich mich an die Bettkante und sprach mein letztes Gebet für diesen Tag.


So leite mich am Tage,
wie auch in der dunklen Nacht,
führe meinen Körper über alle Hindernisse,
und begleite meinen Geist durch die Widrigkeiten des Lebens.

Gib mir ausreichend Speisen,
und sei der Wegweiser auf der Suche
nach dem einzig wahren Sinn meines Lebens.

Beschütze mich,
wie auch meine Gemeinschaft,
bringe das Licht zu all meinen Lieben und Nächsten,
nur damit auch sie zu Deinen Anhängern werden dürfen.

Gib uns ein Dach über dem Kopf,
und einen gefestigten Boden unter unseren Füßen,
denn nur so werden wir uns nach all der geleisteten Arbeit
um dein Antlitz und dein Vermächtnis zu kümmern vermögen.

Deyn Cador,
sei der Wegweiser und Hirte,
gib uns die Gaben für unser Leben auf Athalon.
Bis wir in deinem Reiche aufgehen mögen.
Amen.


Nach einem leichten Frühstück in der Gaststätte, trat ich vor das Gebäude und gab Yuki eine lange Streicheleinheit. Sein vergnügtes Aufschnauben und Wiehern sah ich für den Augenblick als Bestätigung meiner Fürsorge an.

Der Nebel hatte sich inzwischen verzogen und die grünen Hänge und Wiesenlandschaften Weidtlands lagen in alle Himmelsrichtungen verstreut.  In der Ferne wehten schon die ersten Banner Rodstedts.

Kleine Anmerkung:
Der aufmerksame Leser hat sicher gemerkt, dass ich mitten im Text ins Präsens gewechselt bin. Bisher habe ich immer versucht in der Vergangenheitsform zu schreiben, da Amélie ja auch rückwirkend ihre Handlungen durchgeht, aufschreibt und somit verarbeitet (ist ja auch irgendwie logisch, im Gespräch wird sie kaum mitschreiben). In diesem Teil hat sie sich jedoch z.B. während des Schreibens in der Höhle Gedanken gemacht und während des Schreibens ihre Gedanken verfasst.

Mich würde an dieser Stelle interessieren:
Ist mir die Überleitung von Gegenwart zu Vergangenheit und andersrum gelungen? War die Überleitung für dich verständlich und nachvollziehbar?
Fandest du den Zeitformenwechsel passend oder eher störend?
Sollte ich in Zukunft mehr derartige "Nachdenkprozesse" in dieser Form einbauen oder es eher lassen?

Eine kurze Nachricht über alle möglichem Medien oder gern auch persönlich im TS würde mir wirklich helfen. Auch gern alle Anmerkungen jeder Art, sofern es halbwegs konstruktive Kritik ist.

[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
"Big Booty - Big Breasts - Brigitte Best - Buff Brigitte!"

No Waifu, no Laifu! Hitagi best girl, team onodera
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#15

XI – Rodstedt

Während ich entlang der letzten vor Rodstedt liegenden Gehöfte entlangschritt, Yukis Zügel immer fest in den Händen haltend, gingen mir viele Sachen durch den Kopf. Natürlich hatte ich mir schon seit einer ganzen Weile überlegt, was ich Werner Gerber fragen wollte. Aber würde er wirklich hier sein? Und wie könnte ich ihm überhaupt begegnen – nach allem, was ihm und seiner Familie passiert war? Die Geschichtsstränge der Bonningtons und Gerbers sind so engmaschig miteinander verwoben, dass man sie nicht mehr ohne einander erzählen kann. Und doch kommen am Ende stets Berichte voll Trauer und Verlust, wenn nicht sogar Verrat durch die eigenen Blutsbrüder, heraus. Und irgendwo in diesem Geflecht fand ich mich wieder, unsicher zwischen einzelnen Fäden balancierend. Auf der Suche nach dem letzten Fünkchen Wahrheit und Anstand.

Das südliche Stadttor Rodstedts lag ein wenig versteckt hinter einigen Lagerhäusern, in denen offensichtlich die Vorräte für den Winter eingelagert wurden. Bereits zu dieser Jahreszeit stand rund ein halbes Dutzend beladener Karren vor den großen Holztüren. Nicht viel mehr junge Burschen hieften sich die schweren Säcke auf die Schultern und trugen sie ächzend in das Innere der Gebäude. Unverkennbar und unübersehbar blieb nur eines an allen drei Lagergebäuden – das über der Tür prangende Wappen der Bonningtons. Ein Wappen, welches diese Stadt und ihre Umgebung seit vielen langen Jahren prägt und welches einem hier als Tür- und Toröffner helfen kann. Ich bezweifle jedoch, dass Raphael hier noch Einfluss genießt. Nur wenn es wirklich notwendig wurde, kehrte er zurück. Nicht einmal auf das Verschwinden seines vertrautesten Bruders, Michael, konnten wir eine Antwort geben. Nein, wir verblieben stattdessen in Schweigen und ließen die Familie in Ungewissheit. Nicht, dass ich es nicht auch so gewollt habe. Vielleicht war es besser so. Für uns.

Aber für sie?
Selbst wenn sie keinen Verdacht geschöpft haben oder ihre eigenen Ermittlungen zu keinem Ergebnis kamen, werde ich meine eigene Schuld verbergen können und hinter dem Mantel des Schweigens verschwinden dürfen? Ich meine .. es war Franz Schwertstoß, der ihn auf die Knie zwang. Es war mein Speer, der ihm die Eingeweide aus dem Bauch drückte und an die Wand pinnte. Es war Friedrichs Klinge, die den Rest seines wahngewordenen Lebens beendete. Es waren .. wir. Und nur wir. Wenngleich sein Tod vielleicht notwendig gewesen sein mag, um seinen eigenen Wahnsinn zu beenden und unser eigenes Ableben zu verhindern, fühlt es sich nicht richtig an. Verdienen wir nicht alle ein wenig Wahrheit? Nur für unsere eigene Gewissheit?

Ich würde diese Fragen während meines gesamten Aufenthaltes nicht beantworten können. Und letztlich zögerte ich so sehr, dass ich auch dem letzten hier verbliebenen Bonnington keine Gewissheit brachte. Es war schon immer einfacher die moralische Keule durch die Luft zu schwingen, als sie tatsächlich auszufüllen und das Richtige zu tun.

Unbedarft meiner Gedanken trat ich an das von zwei runden Backsteintürmen getragene Südtor heran. Der dort abgestellte Wachposten bestehend aus zwei jungen Wachleuten und ihres in die Jahre gekommen Offiziers beäugte mich und meine herausstechende Ausrüstung zwar mit aufgeschreckter Wachsamkeit, ließ mich letztlich jedoch ohne ein Wort in die Stadt eintreten. Über die teils gepflasterten Straßen der auf den ersten Blick ansehnlichen Stadt mit ihren weitläufigen Ladenstraßen und Geschäftshäusern, führte mein Weg mich entlang eines marmornen Springbrunnens mit einer Skulptur der Heiligen Christa. Die Darstellung der nur mit einer geschwungenen Stoffschärpe bekleideten Heiligen war durchaus passend gewählt, man könnte gar sagen, dass sie mir wirklich gefiel. In gewisser Weise passte sie auch in diese Stadt, zumindest sah man die Herkunft des Weinglases in ihrer rechten und der Weinrebe in ihrer linken Hand auf den ersten Blick. Es war auch hier kein Wunder, dass dieser Wegweiser inmitten des Platzes ein wenig nördlich des Tores von nur einer Familie gestiftet sein konnte.

Im Anschluss drehte ich mich einmal im Kreise herum, bis ich den sich über die Häuser der Stadt erhebenden Kirchturm erblicken konnte. Nach einer Linkskurve setzte ich meinen Weg in das Herz der Stadt fort, immer den gepflegten Wegen im Zentrum folgend. Mir kamen zahlreiche Marktfrauen und Handwerker entgegen, die scheinbar ihre Hoffnung auf ein gutes Geschäft in dieser Stadt suchten. Nebst einigen beladenen Karren lief auch ein Trupp Wachleute im Gleichschritt an mir vorbei und bog in eine der Seitengassen ein. Nicht ganz uninteressiert blickte ich ihnen zumindest hinterher, wenngleich ich mich hier sicher nicht in alle Geschicke einmischen könnte, wie ich es auf Neu Corethon so oft nicht vermeiden konnte. Hier ist der Wache aber vermutlich auch wesentlich mehr zuzutrauen die Belange ihres Gegenübers nicht völlig auszublenden. Auf der anderen Seite, auch ich bin vor meiner Verantwortung an das andere Ende des Ozeans geflohen. Wem mache ich hier eigentlich Vorwürfe? Oder wem nicht?

Bevor ich am Kirchenplatz ankam, erblickte ich eine kleine liebliche Bäckerei an der linken Seite der Straße. Nach langen Tagen, die ich mich von Wanderrationen und dem ein oder anderen Fisch ernährt hatte, gelüstete es mir wirklich nach etwas Gebackenem. Außerdem galt es auch endlich etwas zu finden, was die weidtländische Küche aus ihrem einfachen und bauernhaften Dasein retten könnte! Mir ist bewusst, wie sehr das nach einer schlechten Ausrede nach dem Wunsch nach ordentlicher Nahrung klingen muss.

Ich band Yuki vor dem Geschäft an und trat, die hölzerne Tür vorsichtig aufschiebend, in den Laden ein. Außer von der etwas in die Jahre gekommenen Dame hinter dem Tresen wurde ich von einem einnehmenden, aber herrlich durftenden Geruch frisch gebackenen Brotes begrüßt. Man mag mir vielleicht nicht glauben, aber als ambitionierte Köchin ist ein derartiger Anblick nach der tagelangen Abwesenheit aus der Zivilisation ein wirklich regenerierendes Erlebnis. Nachdem ich einige kurze Worte mit der Dame hinter dem Tresen gesprochen hatte, entschied ich mich für einen halben Beutel der Skouns. Die flachen Eierkuchen sollten mit den richtigen Beilagen auch am nächsten Tag noch schmackhaft sein. Sie brauchte nicht lange, bis sie meine Münzen in der Hand hatte und ich verabschiedend das Geschäft verließ.

Gemeinsam mit Yuki trat ich an die Kirche heran. Zwei große Ecktürme an der Front fassten den Torbogen am Eingang fest zusammen, dahinter lag die große Halle mit zwei ausladenden Kirchenschiffen. Doch erst beim Betreten wurden mir die Ausmaße des mächtigen Gebäudes wirklich bewusst. Die übergroße Halle war durch die bunten und in Metall eingefassten Glasfenster hell erleuchtet, während eine kleine Abhandlung der Entstehung des Menschen in den verschiedenen Glasfarben dargestellt war. Links und rechts des Eingangs fanden sich einige Schreine zu Ehren der Heiligen und in weiter Entfernen vor mir lag die erhobene Kanzel sowie der Altar vor einem wuchtigen Deynkreuz. Eingenommen und von der Baukunst durchaus beeindruckt, trat ich auf das Deynkreuz zu und vor den Altar. Auf den Bänken zu meiner Linken und Rechten saßen hier und da ein paar Gläubige, die entweder betend oder schluchzend ihre eigenen Wünsche an Deyn Cador übermittelten.

Vor dem Kreuz angelangt, ging ich auf das Knie herunter und legte die Hände um mein Holzkreuz. Es war zwar vor langer Zeit beschädigt worden, aber es trug nach wie vor den Geist des Deynismus in sich. Wie könnte ich ein derartiges Stück neubeschaffen? Ich hatte es schließlich seit Kindheitstagen an. Nein, ich konnte nicht. Vielleicht bedeutete es mir deswegen so viel?

Ich begann die Zeilen meines Gebets zu murmeln, mehrfach hintereinander, immer in der tiefen Hoffnung Vergebung zu erfahren.


Deyn Cador,
mein Schöpfer und Erlöser.
Vergib mir all die Fehler, die ich in meinem Leben beging.
Vergib mir all die schlechten Taten, die ich den Deinen antat.
Vergib mir meine törichten Ausreden.
Vergib mir all die Momente, in denen ich zu schwach war.

Vergib mir all das Übel, das ich in die Welt gebracht habe.
Denn nur Vergebung kann der Schritt zur Besserung sein.
Denn nur aus Vergebung kann ich lernen.
Nimm mir die Sünde von den Schultern und erlege mir die Buße auf.
Damit ich nicht wieder irre.
Damit ich nicht wieder dieselben Fehler begehe.

Damit ich deinem Pfad folgen kann.
Lasse mich dich dir dienen, obwohl ich nicht perfekt bin.
Lasse mich Wiedergutmachen,
um die Herrlichkeit wiederherzustellen.

Vergib mir Deyn Cador.
Ich bitte dich so inständig, zeige mir deine Güte.
Damit auch ich deine Güte verbreiten kann.
Erlasse mir die Sünde im Tausche. Und bringe mich weiter.
Für dein Dasein und deine Ordnung.

Lasse mich streben und nicht fallen,
denn ich will lernen.
Lasse mich vergeben lernen, so wie du mir vergibst.
Denn nur dann wird deine Ordnung obsiegen.

Amen.


Ein wenig fordernd, nicht? Das waren zumindest meistens meine Ansichten zu diesem Gebet, wenn wir es einmal mehr gesprochen hatten. Natürlich dient es nur dem Sünder, und damit unweigerlich mir. Lange dachte ich, dass der Sünder nur Bittsteller sein dürfte und sich unterwerfen müsse, um Vergebung zu erfahren. Aber ist es nicht irgendwo immer auch eine zweiseitige Beziehung, selbst die vom Meister und seinem Sklaven? Deyn will die Ordnung verbreiten und die Welt in ihr aufgehen lassen und wir .. wollen Erlösung? Vergebung? Ein wenig Glückseeligkeit? Vielleicht sollten wir wirklich fordernder auftreten, denn das eine kann nicht ohne das andere existieren.

Aber genug davon, nach meinem Gebet in der ansehnlichen Kirche, setzte ich meinen Weg durch Rodstedt fort. Weiter im Norden lag das Anwesen der Bonningtons und damit hoffentlich der Ort, an dem sich Werner Gerber niedergelassen hatte. Je näher ich dem süffisant großen und mit einer eigenen Mauer umgebenen Palast von Wohnhaus kam, desto breiter und gepflegter wurden die Straße und die Gebäude, bis ich schließlich über eine von großen Apfelbäumen gesäumte Allee schritt. Zielsicher führte ich Yuki unter den schattenspendenden und bestimmt einhundert Jahre alten Gewächsen hindurch, bis ich einen Ruf aus einer der Seitenstraßen vernahm.

"Höret her, höret her, die neueste Ausgabe, jetzt im Postamt!"
Das Postamt! Natürlich, das Postamt! Wie konnte ich es im Eifer des Gefechts denn vergessen, dass ich meinem Orden gesagt habe, dass sie mir meine Briefe nach Rodstedt schicken sollen? Selbstverständlich mussten sie im Postamt liegen, und selbst wenn nicht, hatte ich ja noch meinen eigenen Brief, der an sein Ziel gelangen muss.

Ich schlug direkt einen Haken, was zumindest Yuki merklich überraschte. Schnaubend ließ er sich aber, wenngleich ein wenig widerwillig, mitziehen, sodass wir entlang der Seitenstraße zum Postamt gelangten. Vor dem Gebäude angelangt, ließ ich mein edles Schlachtross stehen und trat in die Amtsstube ein. Die einzeln abgetrennten Schalter mit einer jeweils davor wartenden Schlange waren tatsächlich ein Anblick, den ich in dieser Form zum ersten Mal erlebte. Zunächst versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen, reihte mich dann aber in dem dunkel getäfelten Saal in die (zu diesem Zeitpunkt noch hoffentlich) richtige Schlange ein und wartete einige Minuten geduldig, bis ich an der Reihe war. An vorderster Front angekommen wurde ich von einem rotbärtigen Herren mit tiefen Augenringen begrüßt, der mein Anliegen aufnahm.

Ich bat ihn zunächst nachzusehen, ob Briefe für mich eingetroffen seien, die hier verwahrt worden wären. Nickend drehte er sich um und suchte in den hohen Holzregalen umher, bis er schließlich mit zwei Briefen zu mir kam und mich nach den Absendern fragte. Bei zwei Briefen wusste ich recht schnell, wer mir eine Nachricht hat zukommen lassen. Oder wer mir überhaupt ein Schriftstück hierher senden konnte, damit ich es hier in Empfang nahm.

Ich schob ihm den Brief für Jule herüber und nannte ihm fast schon routiniert die Adresse. Sein erst verwirrter, dann nachdenklicher und später besorgter Blick verriet mir das Feuerwerk an Gedankengängen, die durch seinen Kopf gehen mussten. Er setzte jedoch nur einmal zu einer Nachfrage an, legte aber nahezu im selben Augenblick seine Lippen wieder fest aufeinander. Kurz darauf präsentierte er mir die stolze Rechnung und sortierte meinen Brief wiederum in eines der Holzfächerchen ein. Dankend trat ich wieder hinaus in das Rodstedter Stadtzentrum, wo mir die Sonne frontal von oben in das Gesicht schien. Es musste mittlerweile Mittag geworden sein.

Ich reckte mich ein wenig gen Sonne und nahm auf einer der Bänke an der Seite der großen Allee Platz. Mit meinem Messer schnitt ich vorsichtig die Briefe auf. Zunächst begann ich das von Rhys verfasste Papier über alle Neuigkeiten und Fortschritte auf Neu Corethon zu lesen. Wobei selbst diese Erkenntnisse über einen Monat alt sein müssen, dennoch .. ich bin froh zu hören, dass es ihnen gut ging und sie ohne mich zurechtkommen. Bleibt tapfer, meine treuen Ordensbrüder und -schwestern. Ich gebe mein Bestes hier, aber die härtesten Prüfungen werden noch folgen. Sorgfältig zusammengefaltet ließ ich den ersten Brief in einer meiner Seitentaschen verschwinden und machte mich dann an die von Jule geschriebenen Zeilen.

Je mehr ich las, je schneller meine Augen über die Zeilen flogen und die Worte aufsogen, desto mehr ging mein Herz in Flammen auf. Jedes einzelne Wort schmetterte mir gegen die Brust und ließ die Emotionen in mir hochkochen. Während sich das Flattern in meiner Brust ausdehnte und ich angestrengt weiterlas, tropften erste Tränen von meiner Nase auf das Papier ein. Du fehlst mir doch auch so sehr .. Deyn, bitte lass sie sicher herkommen. Schluchzend saugte ich die letzten Zeilen auf, bevor ich die Seite wieder umdrehte und von vorn begann. Mehrfach folgte ich den Zeilen, bis ich jedes einzelne Wort vollends wahrgenommen, ja auswendig gelernt hatte und das Papier mittlerweile mehr einer durchnässten Buchseite glich. Aber .. sie hat mich nicht vergessen.

Ich strich mir mit dem Ärmel über die Augen, knüllte den Brief deutlich mehr, als er verdient hatte, zusammen und verstaute ihn so in dergleichen Seitentasche, wie schon Rhys' Schriftstück. In meiner im Kopf gezeichneten Karte musste der Eingang in das Anwesen der Bonningtons kürzer über mehrere Seitenstraßen zu erreichen sein, weshalb ich wieder von der Allee hinabschritt. Einige Gebäudeecken später, hörten die gepflasterten Wege auf und der wahre Anblick der Stadt offenbarte sich mir. Es war beiweitem nicht so ärmlich und verkommen, wie in Asmaeth, aber selbst hier war die Armut letztlich allgegenwärtig. Versteckt hinter den Fassaden der hochwertigen Häuser der Wohlhabenden versteckten sich die Tagelöhner und ihre Familien. Hier lebten diejenigen, die die wahre Arbeit leisteten und sich jeden Tag aufs Neue für ein bisschen Wohlstand verdingen. Und die Belohnung dafür? Über ihren Köpfen wird der Abort der Bessergestellten gebaut, damit deren Unrat diesen Seelen ihren Stand in der Gesellschaft zeigt. Seid unbesorgt, meine Kinder, in Deyns Reich seid ihr alle gleich. Dort hilft euch keine Münze, kein vergoldetes Bett und kein teures Essen. Nur die Reinheit eurer Seele ist das Maß für die Glückseeligkeit. Und wenn ihr nicht ansatzweise so befleckt seid, wie ich, dann wird euch die Vollkommenheit zuteil.

Ich versuchte mit aufrechtem, lächelnden Blick durch die Baracken zu gehen. Aber spätestens, wenn die verdreckten und mit einfachsten Dingen spielenden Kinder um die Ecke springen und hüpfen, wie könnte ich da ruhig oder gefasst bleiben? Nein, selbst der kleine Teil an Aufmerksamkeit, den ich ihnen schenken konnte, soll nur ihnen gebühren. Ein paar aufmunternde Worte, all meine Skouns? Natürlich bekamen sie die. Damit ihre abgemargerten Körper wenigstens etwas an diesem Tag bekommen. Ihre entschuldigend und sich zahllos verneigende Mutter wollte ihre Kinder aus reiner Scham verstecken, zog sie beiseite, doch .. es war längst zu spät. Ich drückte ihr einige Münzen in die Hand, bevor ich die Seitenstraßen wieder verlies. Versteckt euch nicht, Kinder, auch ihr habt eine Stimme.

Über kurz oder lang, wobei – eher lang, kam ich endlich an der Tür des Anwesens der Bonningtons an. Vor der Tür stand ein ganzer Haufen bewaffneter Wächter, die mich mit allseits fragenden Gesichtern über mein Belange ausfragten. Ich kam direkt zum Punkt und teilte ihnen mit, dass ich mit Uriel Bonnington sprechen wollte, ebenso mit Werner Gerber, vor allem über Werner Gerber und natürlich, wer ich überhaupt war.

Erst wurde ich um Geduld gebeten, wenig später aber mitsamt Yuki eingelassen. Mein Streitross wurde in den Stall geführt und dort redlich umsorgt, während ich in das Innere des pompösen Anwesens gebracht wurde. Umgeben von großen Säulen erstreckte sich der imposante und bis auf die letzte Grasssprosse gepflegte Innenhof. Kletterrosen beanspruchten weite Teile der Außenfassade für sich, verliehen dem Gebäude aber so einen ganz eigenen Charme. Selbst der Wartesaal war mit feinsten polsterbezogenen Möbeln ausgestattet und hatte allerlei Annehmlichkeiten für jederlei Besuch zu bieten. Was für ein Gegensatz zu den ärmlichen Buden, die nur wenige Straßen entfernt lagen. Wie viele aufwachsende Kinder man hier unterbringen und durchfüttern könnte? Zu viele.

Ich wurde gebeten meine Metallplatten abzulegen, wenn ich mich setzen würde. Nur, um die edle Inneneinrichtung nicht zu beschädigen. Ich sagte den Hausdamen kopfschüttelnd ab und zog es vor während der Wartezeit zu stehen. Eine der jüngeren Fräulein in ihrem Dienstmädchen-Aufzug teilte mir mit, dass ich mich auf einige Wartezeit einstellen müsste, da ich ohne Vorankündigung erschienen war. Gerade Letzteres stieß sie in einem unerhörten, vorwurfsvollen Ton heraus. Nächstes Mal frage ich vermutlich besser die Waldeulen, ob sie mich nicht vorher anmelden könnten. Immerhin dürfte ich auch durch den Garten spazieren, bis Uriel Bonnington Zeit für mich hatte.

Bevor ich mich aber in dem persönlichen Tempel der Bonningtons umsehen wollte, nahm ich mir einige der Skouns vom in der Mitte des Raumes befindlichen Silbertablett und probierte diese mit der dazugereichten Butter und Marmelade. Wenngleich das Rezept nicht allzu schwer zu befolgen scheint, sind diese gebratenen Küchlein durchaus schmackhaft. Insbesondere mit einer feinen Blaubeermarmelade, um die Mägen der Hochgeborenen nicht zu schnell zu verstimmen.

Ich weiß, hier geht es um Raphaels Familie, aber niemand hat aus irgendeinem Grund einen solch überschwänglichen Luxus verdient, während die Armut direkt hinter der eigenen Mauer lauert. Diese Dienstmädchen müssen hier stets freundlich ihren Rock in die Höhe ziehen, wenn Gäste eintreten, schlafen aber entweder in abscheulich stinkenden Steinkammern neben dem Stall oder draußen in diesen Barracken. Eine unangenehme Wahrheit. Realität.

Ich war nicht verärgert, auch nicht sauer, aber dafür .. enttäuscht? Niedergeschlagen? Es war ein Gefühl, dass nicht die Schuld in den einzelnen profitierenden Personen sucht sondern diese Welt als solche für ihre Ungleichheit verurteilen wollte. Und nicht, weil es den einen gut geht, sondern weil dort draußen Menschen verhungern, in der Kälte erfrieren und elendig zugrundegehen. Weil ihnen nicht erst der Hauch einer Möglichkeit gegeben wird.

Ich konnte mich wieder fangen, als ich durch den Garten schlenderte. Vorbei an tuschelnden Dienstmädchen, den mühsam im Licht der Sonne schuftenden Gärtnern und vereinzelnten fein gekleideten Herrschaften. Ihre niederträchtigen Blicke konnten und wollten sie nicht verbergen, aber immerhin hielten sie ihren Mund in meiner Gegenwart. Das Tragen dieses Wappenrocks stellt sich mit jedem Meter, den ich mich von Neu Corethon entferne, als wahrer Segen heraus. Auch er ist ein Zeichen eines Standes, aber vielmehr Identifikation? Ich habe viel genommen, versuche aber wenigstens ein wenig zu geben. Ich schreibe mich wieder um Kopf und Kragen, hm, Deyn?

In jedem Fall drehte ich meine Runden im Garten. Wartend. Entlang von Geranien, Orchideen und Veilchen. Viel Arbeit und Fleiß sind in die Zucht dieser Blumen geflossen. Durchaus anerkennend wollte ich gerade ein Gespräch mit einem der Gärtner beginnen, in der Hoffnung, dass er mir den ein oder anderen Trick für unseren Blumengarten verraten könnte. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Kurz bevor ich meine Stimme erheben konnte, schritt eine in fein eingefärbte Seide gehüllte Person um die Ecke. In weiten Zügen wirkte es, als sei er Raphael wie aus dem Gesicht geschnitten. Wobei dieser Vergleich eher andersherum zu machen ist, denn Uriel ist schließlich der älteste Sohn dieser Generation von Bonningtons. Doch da stand er, seine Hand in die Lüfte hebend und mich zu sich winkend. Es sollte das erste Mal sein, dass wir uns unter vier Augen unterhalten müssen. Und vermutlich würde es das letzte Mal bleiben. So wünschte ich es mir zumindest.


Mit einer Handgeste wurde ich eingeladen ein paar weitere Runden durch den Garten zu drehen. Eher nüchtern zustimmend, nickte ich ihm bestätigend zu, während ich ihm für seine rare Zeit bedankte.

Sogleich winkte er ab.
"Nein, nein, eigentlich ist es sehr angenehm, dass ihr gekommen seid. Ich höre doch sehr wenig über die Erlebnisse meines werten Bruders auf seiner sagenumwobenen Insel. Natürlich kriege ich dennoch allerlei Gerüchte mit. Glaubt nicht, dass auch ein Michael immer dicht halten konnte, gerade gegenüber seinem älteren Bruder nicht."
Mit einem leichten Schmunzeln versuchte er mein Vertrauen zu gewinnen, bevor er fortfuhr.
"Ich bin mir jedoch sicher, dass ihr nicht wegen fröhlichen Erzählungen hier seid und euer ganz eigenes Anliegen habt. In tiefem Dank für all die Taten für meinen werten Bruder, beantworte ich euch unter den gewohnten Umständen gern die Fragen, die möglich sind. Im Gegenzug verlange ich jedoch eine Unterredung in meinem Arbeitszimmer, wenn wir hier fertig sind."

Wie hätte ich ablehnen können? Wer verlangt, der muss auch geben können. Manchmal sind Informationen die wertvollsten Güter, die wir haben. Und der einzige Grund für unseren Machterhalt. Ich setzte mein allseits bestehendes sanftes Lächeln auf und ließ mich auf die Unterhaltung ein.

"Natürlich, euer Hochwürden. Ich wäre euch zutiefst dankbar, wenn wir über Werner Gerber sprechen könnten. Und anschließend stehe ich euch Rede und Antwort."

"Es freut mich, wenn wir auf einem gemeinsam Standpunkt sind. Wie war gleich euer Name? Ich weiß, dass ihr viel an der Seite meines werten Bruder wart und vermutlich noch immer seid, aber Namen ..". Er zuckte mit den Schultern, als er seinen Satz unbeendet im Garten stehen ließ.

"Amélie da Broussard, euer Hochwürden. Seit jeher im Dienste des Herrn. Aber .. um nicht unnötig eure Zeit zu verschwenden. Befindet sich Werner Gerber hier? Bei euch?". Ich merkte, wie ich meine Worte energisch durch meine Lippen herauspresste. Mein Ton war sicherlich unangebracht, aber die Anspannung stieg in mir. Wenn ich ihn hier finde, dann ersparen wir uns so viel Zeit. Und ihm .. vielleicht ein schlimmeres Schicksal.

Ein wenig irritiert von meiner plötzlich wechselnden Stimmlage zog Uriel Bonnington seine Augenbrauen in die Höhe, vermochte es aber dann doch mir ohne Umschweife oder Tadel zu antworten.
"Nein, leider nicht. Und auch auf eure nächsten Fragen weiß ich bereits die Antworten, werte Kriegerin des Sôlerben. Lasst mich vielleicht, .. ah ja! Genau, fangen wir doch hier an. Seid so gut und lasst mich einfach sprechen, ja?

Es ist durchaus lang her, dass ich Werner das letzte Mal sah. Und es war eine der letzten Nachrichten, die ich von meinem werten Bruder Michael bekam. Michael teilte mir mit, dass Werner die Fahnenflucht angetreten habe. Wie ihr wisst, hat mein erboster Bruder daraufhin Franz Gerber als Leibwächter verpflichtet. Sogesehen als Wiedergutmachung für seinen desertierten Bruder. Über die Umstände seiner Flucht jedoch hat auch mein Bruder mir gegenüber kein einziges Wort verloren. Zu dieser Zeit dachte ich, dass sein Stolz verletzt sein könnte. Michael zu betrügen kam zu einem hohen Preis und doch hatte sich Werner Gerber eben genau dies gewagt. Michael ist schließlich nie ein besonders guter Verlierer gewesen, wobei dies eher in der Familie liegen mag.

Nundenn, bald darauf erhielt ich Kunde, dass Werners Bruder Franz unter nicht ganz geklärten Umständen sein Ableben von dieser Welt gefunden hat. Und dann war da noch die Sache mit Michael.

Es wäre sicher falsch hier keine Verbindung zwischen Werner und seinem Bruder herzustellen. Doch selbst auf meine Nachfragen hin, wollten meine Brüder nicht mehr mit mir über dieses Thema sprechen. Und alle anderen Stränge haben sich als rote Heringe herausgestellt. Versteht, ich wollte nicht in den Angelegenheiten anderer Familien nach Informationen suchen lassen, aber mein Bruder ward verschwunden.

Um abschließend eure noch nicht gestellten Fragen zu beantworten und Sôlerben zu befrieden: Ich kann euch leider nicht sagen, wohin Werner gegangen sein könnte. Erst hielt ich es nur für eine kurze Ausflucht seines Wächters, als Michael mir schrieb. Und mit der Verpflichtung Franz Gerbers hoffte ich, dass alles ein schnelles Ende hat.

Aber so verbleiben Raphael und ich. Aus Sicht der Familie ist Raphael nur leider bereits seit zwanzig Jahren abkömmlich, selbst wenn wir seine Dienste für die Krone natürlich schätzen."

Uriel faltete die Hände und nickte mir eindringlich zu.
"Nun habe ich all eure Fragen in einer Antwort bedienen können, nicht? Fürwahr, meine Fragen sind an der Reihe. Aber dafür ist hier kein Raum, gehen wir doch hinein."
Mit einem Kopfnicken schritt der durchaus gealterte Herr voran. Und ich hatte keine andere Wahl als zu folgen.

Doch saß der Rückschlag tief. Werner Gerber war seit langer Zeit nicht mehr gesehen und niemand wusste wo er war oder weshalb er von seiner Pflicht geflohen war. Die einzige Person, die vermutlich das Wissen besaß, habe ich selbst dem Wahnsinn verfallen sehen und schließlich .. umgebracht. Ihn nun zu finden, würde wie die Suche nach der Nadel im Heuhafen sein, um es in Tasperiner Sprichwörtern zu beschreiben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Uriel mich angelogen oder einen Teil verschwiegen hatte. Sein Verhältnis mit Raphael scheint zwar nicht so gut zu sein, wie ich immer dachte, aber wenn ich ehrlich sein darf: Ich kann es ihm kaum verübeln. Sein Bruder verbrachte den größeren Teil seines Lebens fernab der Familie und wenn es Nachrichten kam, beinhalteten sie die Rettung oder Zerstörung Athalons. Deyn, ich muss mir irgendwie anderweitig Hinweise zum Verbleib Werner Gerbers beschaffen. Solange .. muss ich weitermachen, mir seine Fragen anhören und dann Yuki aufsatteln. Ob ich will oder nicht, es wird Zeit Weidtland zu verlassen.

Gemeinsam schritten wir durch das große Eingangsportal zurück in die Haupthalle, um dann über einen Seitengang in den ersten Stock hinaufzusteigen. Dort verbarg sich hinter einer dicken Eichentür das Arbeitszimmer des Hausherren. Zwischen den die Wände einnehmenden, mit allerlei Büchern bestückten Regalen, schien sein Schreibtisch in dem zwei Stockwerke hohen Zimmer fast unterzugehen. Er setzte sich auf seinen in roten Samt eingesponnenen Sessel und bot mir, ohne mit der Wimper um die teure Bepolsterung zu fürchten, einen der beiden Stühle auf der anderen Seite an. Ich ließ mich gegenüber ihm nieder und betrachtete eine Weile die Weltkarte an der Wand.

Wie klein unsere Inseln, dort drüben, am andere Ende des Leändischen Ozeans, doch plötzlich wirken. Wie weitflächig die grünen Wiesen Weidtlands wirklich sind und welcher gigantische Heimatort namens Éireann aus der Welt gerissen wurde. Ich atmete tief durch und blickte zurück in die getrübten Augen Uriel Bonningtons.

"Nun seid ihr an der Reihe, Hochwürden."

Uriel nickte langsam, wissend und zugleich wissbegierig.
"Wisst ihr, .. wo ist Michael? Wo ist mein werter Bruder Michael Bonnington?"

Tja, da war sie. Die Frage aller Fragen. Ich kenne die Antwort. Auch ich trage die Schuld an der Antwort. Aber ich dürfte ihm eben diese Antwort niemals verraten. Denn wenn das Ende Michael Bonningtons publik würde, wäre es das Ende für uns und der Anfang vom Ende für den Rest. Lügen ist Sünde. Und ich würde gleich eine Sünde begehen. Wissentlich, hinterlistig und betrügerisch. Um mich selbst zu beschützen. Aber doch auch, um die Geheimnisse dieser Welt weiter zu verbergen. Ist die Schuld dadurch gemindert? Mitnichten. Sie wiegt umso schwerer und würde durch noch mehr Buße wiedergutzumachen sein. Vielleicht sind meine Träume ein erster Anfang, der mir die Schwere meiner Taten symbolisiert.

Ich erhob meine Stimme, schaute ihm tief in die Augen und versuchte mit all meiner Überzeugung als Kriegerin für Deyn Cador – mit all dem, was mich ausmacht, hinter meiner Aussage zu stehen. Denn wenn ich falle, wer nimmt dann noch diese Bürde auf sich? Wer wird an meine Stelle treten?
Die Antwort wird der Finder dieses Tagebuchs bereits kennen. Aber für mich? Für mich ist es ein gigantisches Risiko, das ich nicht eingehen kann. Also log ich dreist ins Gesicht.

"Verzeiht Hochwürden, doch auch ich weiß nicht, wo euer Bruder ist."

Uriel fixierte mich weiter mit seinem starren, mittlerweile gar ermüdeten Blick. Die Sekunden vergingen, wie in Zeitlupe. Dieser eigentlich so kurze Moment, in dem er mich erst hoffnungsvoll und dann resigniert anschaute, dauerte eine Ewigkeit. Tick – Tick – Tick. Länger hätte es nicht dauern können. Und dennoch trafen sich unsere Blicke länger, als drei einfache Ticks im Uhrenglas. Ich konnte mich nicht entziehen. Und er wollte nicht, dass ich mich entziehen kann.

"Wann habt ihr Michael das letzte Mal gesehen?"

Eine ähnlich gefährliche Frage, bei der eine falsche Antwort Verdacht erregt. Aber seit langer Zeit habe ich mir die einzig richtigen Antworten hierauf bereitgelegt. Mich auf das Lügen und damit das Begehen der Sünde vorbereitet. Jetzt musste ich nur standhaft bleiben. Für mich.

"Auf der Expedition mit eurem Bruder, Franz Gerber und dem Rest unseres Ordens. Unser Weg trennte sich nach kurzer Zeit und ich verlor irgendwann, auf meiner Suche nach dem Rest, das Bewusstsein. Ich erinnere mich nur daran, dass Franz stets an der Seite eures Bruders blieb. Selbst wenn er nicht sein Leibwächter sein wollte, hat er seine Pflicht erfüllt."

Wieder starrte mich Uriel für einige Sekunden an, bevor er  seinen Blick abklingen ließ. Er ergriff eine kleine Messingglocke auf dem rechten Tischrand und läutete sie. Kling-Kling.
"Verzeiht, aber .. ich brauche eine kleine Erfrischung. Dennoch .. als ihr Michael das letzte Mal saht, sagt bitte, war er .. war er glücklich?"

Uriel schluckte schwer.

Und ich konnte seinem Beispiel nur folgen. War er glücklich? War dieser verrückte Michael Bonnington auf seiner wahnwitzigen Suche nach Jannes Starkwetter glücklich? Auch, als er die Wahrheit mit eigenen Augen sehen musste?

"Ich denke schon, Hochwürden, ja. Er war zuversichtlich."

Vielleicht ist dies die schlimmste Lüge von allen? Er war zu keinem Augenblick hoffnungsvoll oder zufrieden, nein, er schritt in steter Gier voran. Michael Bonnington hatte sich sein Ziel gesetzt und verfolgte es kompromisslos ohne auch nur einen Moment anhalten zu können. Selbst als die Menschen auf dieser Expedition starben oder bei lebendigem Leib in grausamster Weise von den Kreaturen des Mannsweibes vernichtet wurden, wollte er nur eins. Ich lüge hier nicht für Michael Bonnington. Nicht um ihn zu beschützen. Nicht um seine Taten zu verheimlichen. Nein, nein, mit Sicherheit würde ich das niemals tun. Doch muss ich uns und diese Welt schützen. Wegen ihm. Wegen seiner Taten.

Während ich in meinen Gedanken versank, schwieg Uriel. Nur hin und wieder zeigte er ein Nicken. Bald darauf klopfte es zwei Mal an der Tür und eines der Dienstmädchen trat mit einem Tablett ein. Nebst zwei Gläsern und einer Flasche Kaledonischem Whiskey brachte sie zwei Stück Kuchen. Sie ließ das Tablett auf dem Tisch stehen und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

Uriel ergriff mit seiner schweißperlenbedeckten Stirn die Flasche Whiskey und füllte gleich beide Gefäße auf. Das erste Glas griff er sich, nur um direkt einen tiefen Schluck zu nehmen. Nachdem er sich mit dem Ärmel über den Mund gewischt hatte, lehnte er sich zurück auf seinen Tisch und blickte mich streng an.

"Wisst ihr.. wisst ihr wirklich nichts? Seit all den Jahren, all die Jahre weiß ich nichts. Und Raphael, er schickt nicht einmal Briefe, sagt nicht einmal etwas zu Michael."

"Nein, Hochwürden, ich kann euch wirklich nichts über den Verbleib eures Bruders sagen." Mir wurde unwohl. Ich faltete meine Hände zusammen, trocknete den dortigen Schweiß am Wappenrock ab und umklammerte die Lederriemen meiner Beinplatten. Ich wollte wenigstens irgendetwas in der Hand haben, irgendetwas Greifbares, an dem ich mich festhalten konnte. Während ich mich mehr und mehr in ein Meer aus Lügen verstrickte und diesen gebeutelten Mann mit dem Schicksal seines Bruders anlog. Selbst wenn meine Motive noch so verständlich waren, das Gefühl ihm die Hoffnung zu nehmen oder ihm nicht helfen zu können, es brannte in mir. Es machte mich fertig.

"Seid ihr euch wirklich sicher? Wenn ihr doch etwas wisst, bitte ich euch es mir mitzuteilen."

Ich schüttelte nur noch meinen Kopf, meine Lippen aufeinanderpressend und gen Boden blickend. "Verzeiht."

"Hätte ich Michael doch nur von dieser halsbrecherischen Expedition abgehalten. Er war Erzdekan und kein kühner Abenteurer. Fast schon wie Raphael hat er sich mehr und mehr um seine eigenen Geschäfte gekümmert, als um die Familie. Ich will doch nur wissen, was mit ihm passiert ist. Aber, wenn ihr nichts wisst, dann will ich euch keine weiteren Vorwürfe machen. Es hat ohnehin keinen Sinn."

Uriel setzte das Glas nochmals an und nahm einen tiefen Schluck des feingebrannten Whiskeys. Eine leichte Note des hölzernen Aromas verbreitete sich in der Luft. Ich wusste nicht, wie ich auf seine letzte Bitte antworten soll und beließ es bei sündhaftem Schweigen. Verdammt, Deyn, was sollte ich denn auch sonst machen? Alles herausplaudern und am nächsten Tag auf dem Bonningtschen Hackblock enden? Mit Sicherheit nicht, ich habe noch eine Aufgabe zu erfüllen: Verdamm mich danach, wie du magst. Dafür lebe ich für deine Ordnung und dein Reich, wenn ich dafür leiden und untergehen muss, dann werde ich es weiter mit einem Lächeln auf den Lippen tun.

Seine nächsten, eher belanglosen Fragen drehten sich um Neu Corehton und die Scharr an Gerüchten, die von dieser merkwürdigen Insel ausging. Bereitwillig erzählte ich ihm hier die Wahrheit, egal ob es über die Interessen der Bevölkerungsgruppen oder die neuen Machtansprüche wegen des Vertrages von Corastella ging. Eher beiläufig nickend verleibte Uriel sich den Rest seines Whiskeyglases ein und nahm sich danach das zweite Glas, um sich auch den darin befindlichen Whiskey den Rachen hinab zu schütten.

"Und mein Bruder? Erzählt mir etwas über meinen Bruder, der die Familie verlassen hat, um irgendeinem höheren Gut zu dienen. Er hätte wenigstens, wie Michael wahren Aufstieg in der Kirche erleben können. Aber stattdessen? Sagt ihm bloß nicht, was ich hier von mir gebe, aber Raphael ..". Er schüttelte sein Haupt.

Und ich berichtete ihm. Von den langjährigen Bemühungen des Raphael Bonnington. Wie unser Prior versuchte die Insel zusammenzuhalten, als Schlichter und Vermittler aufzutreten, aber auch wie er mit harter Hand seine Urteile gesprochen hat, wenn es notwendig wurde. Uriels Stimmung schien sich durch das enorme Engagement Raphaels ein wenig besänftigen zu lassen.Dennoch konnte nach mehreren Gläsern Whiskey kaum damit aufhören die negativen Aspekte seiner Brüder herauszustellen. Was sollte ich schon machen? Ich konnte nicht gehen und hörte ihm zu, beantwortete Uriel seine Fragen über diese Welt.

Immer wieder kam er auf Michael Bonnington zu sprechen und stellte mir ein- und dieselben Fragen. Jedes Mal loderte die Flamme der Hoffnung wieder neu in ihm auf, wurde aber mit meinen eiskalten Worten – oder vielmehr Lügen – wieder verdrängt. Uriel wollte nicht aufgeben. Und so gut ich ihn verstand, so sehr ich es ihm sagen wollte – ich konnte nicht. Ein Umstand, der mich mehr als mitfühlen ließ. Es dauerte noch mindest zwei Stunden, in denen Uriel immer wieder dieselben Fragen stellte und mich wieder und wieder voller Erwartung anblickte. Doch so vollgepackt diese Erwartungen auch gewesen sein mögen, er blitzte ab. Jedes einzelne Mal.

Irgendwann dann schaute er mich mit einem unerwartet glasklaren Blick an und sagte, fast schon mit verabschiedendem Ton: "Ich verstehe. Ich danke euch für eure Zeit. Und eure .. Offenheit. Ich hoffe, dass ihr Werner findet."
Mit seiner rechten Hand öffnete er eine der Schubladen an seinem großen Tisch und holte zwei Briefe hervor, die er mir entgegenstreckte.
"Die beiden Briefe hier, sie sind von meinem werten Bruder Raphael. Wenn ihr Werner Gerber findet, übergebt sie ihm bitte."

Ich bedankte mich in aller Höflichkeit für die Unterredung mit Uriel, nahm die Briefe an mich und ließ mich hinausgeleiten. Die Sonne begann langsam hinter dem Horizont zu verschwinden und ich suchte mir ein Quartier für die Nacht in Rodstedt.

Mit den neugewonnenen Briefen trat ich in mein Schlafgemach für die Nacht und setzte mich im Schein einer Kerze an den Tisch. Ich legte mein Messer an die Seite des Tisches und fuhr über die mit einem leichten Wachssiegel geschlossenen Briefe an Werner Gerber. Die Handschrift war unverkennbar die des Raphael Bonnington.

Weshalb sendet Raphael Werner Gerber Briefe? Warum hat Raphael mich nicht in Kenntnis gesetzt? Normalerweise teilt er mir doch immer mit, wenn er Briefe an unsere Freunde und Kameraden schickt, auch, damit wir noch ein paar Worte mit auf den Weg geben können. Aber von diesen Briefen hatte ich noch nie gehört. Was hast du nur darin verfasst, Raphael Bonnington? Was war so wichtig, dass du es mir nicht mitteilen konntest? Ich meine .. mir. Waren und sind wir uns nicht nahe? Ich habe dir immer vertraut und stand, wann immer nur möglich für dich ein. Ich weiß, ich lasse es, wie einen Betrug darstellen, nachdem ich selbst wie ein Verbrecher am laufenden Bande gelogen habe.

Dennoch war mein Interesse am Inhalt dieser Briefe ungebrochen. Mehrfach hob ich das Messer in die Höhe, setzte es an der Briefkante an und war kurz davor die Papiere hinauszuziehen. Doch im Endeffekt – traute ich mich nicht. Ich ließ die Schriftstücke unversehrt und den Briefen damit ihr Geheimnis. Ich kann nicht sagen, ob ich sie bis ich Werner Gerber finde, so belassen kann. Aber für den Moment, für diesen Abend, wollte ich nicht noch tiefer sinken. Ich hatte mir bereits neue Schuld aufgeladen, irgendwann muss ich mich auch selbst einmal an meine moralischen Vorstellungen halten. Ich breche seit Anbeginn dieser Reise viel, wenn nicht gar alles, was mir heilig ist. Es mögen sich zwar die schlechten Neuigkeiten häufen und ich sehe immer mehr in das Dunkel unserer eigenen Vergangenheit und in den Nebel meiner eigenen Zukunft, doch rechtfertigt dies solch eine Heuchlerei? Tut es nicht. Sollte es nicht. Reiß dich zusammen, Amélie.

Nachdem ich die Kerze losch, steckte ich die Briefe im Dunkeln zu Jules Brief und legte mich ins Bett. Ah, da waren sie wieder. Als hätte ich es nicht geahnt. Als hätte ich es nicht besser wissen müssen. Meine Träume und die damit verbundenen schlechten Erlebnisse kamen zu mir zurück. Ich will an dieser Stelle nicht weitere Seiten des kostbaren Papiers verschwenden, um wieder und wieder dieselben Träume aufzuschreiben. Mein blutüberströmter Körper, mein zerissener Geist und mein gebrochenes Herz haben genug Seiten in diesem Buch eingenommen. Nur heute haben sie hier keinen Platz. Es werden mit Sicherheit auch nicht die letzten Zeilen über meine Gefühle, Emotionen oder die Schatten des Vergangenheit sein, doch .. es fühlte sich so an, als käme auch eine Erinnerung zurück.

Es war alles flackerhaft, man könnte sagen, wie nach einer durchzechten Nacht. In meinen Ohren lag ein betäubendes und knisterndes Rauschen und vor meinen Augen schlugen zwei Strahlen aus reiner Energie gegeneinander – das Chaos und die Ordnung. Die Reinheit und die Verkommenheit. Das Licht und das Dunkel. Sie verdrängten einander, Skrettjahs elendiges Schreckenswesen schien fast die Überhand zu haben, bis das Licht mit einem finalen und durchbrechenden Stoß seinen Sieg errung. Mein Kopf wollte mir vorgaukeln, dass  ich dieses Spektakel schon einmal gesehen habe. Nur wo? Und wann?

Selbst nach meinem schreckhaften Erwachen im ersten Morgengrauen kam ich nicht dahinter. Ich wusch meinen nassgeschwitzten Körper von den Erlebnissen der letzten Nacht sauber und obgleich meines elenden Anblicks, versuchte ich halbwegs souverän zu wirken. Zumindest solange, wie ich mich an das Nachkaufen meiner Vorräte machte und auf Yukis Rücken die Stadttore Rodstedts hinter mir ließ. Selbst meinen Plan ein weiteres Gebet zu sprechen und somit meinem weiteren Ritt ein wenig Segen und Frieden zu bescheren, verworf ich. Vergib mir Deyn, aber diese Reise mit all ihren Strapazen und Schwierigkeiten muss fürs erste Wiedergutmachung genug sein. Erlege mir danach auf, was auch immer du für richtig hältst. Aber ich hatte keine Zeit, musste weiter.

Den nächsten Tag über folgte ich dem Wanderpfad nach Nordwesten und reihte mich für einige Stunden in eine kleine Karawane aus Händlern ein, bis diese sich für eine Rast entschieden. Ich wollte jedoch einige Zeit gutmachen. Ich war in Rodstedt schon zu keinem Ergebnis gekommen und hatte letztlich fast eine Woche auf dem Weg zu diesem ergebnislosen Ziel verloren. Mein nächstes Ziel konnte sich immerhin nicht so frei bewegen, wie es einem Werner Gerber möglich gewesen war.

Mein nächster Plan sah vor durch die Wälder des nördlichen Maunus zur großen Landzunge in die Stadt Sodenmark zu reiten. Von dort aus würde es hoffentlich keinen Tag in Anspruch nehmen über die Weidtenge nach Carviel überzusetzen. In Carviel angekommen, hatte ich noch einige kleine Besorgungen zu erledigen, bevor es nach Weissenstein gehen sollte.

Ja, die Akademie von Weissenstein war mein nächstes Ziel. Heimat für Magier unter dem schützenden Dach der Kirche.

Das Treffen mit Drevin Cray wurde sicher keines in gegenseitiger Begeisterung werden. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
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#16

XII – Der lange Weg nach Tasperin

Der östliche Maunus gilt nicht ohne Grund als Mahnmal der weidtländischen Landschaft. Seine auslaufenden Hügel, blühenden Mischwälder und zahlreichen Flussläufe werden nur durch die wildwachsenden Blumenwiesen unterbrochen. Rehe, Hirsche und Hasen springen über die grünen Landschaften, als würden die Wölfe ihnen nichts anhaben können. Ein Landschaftsmaler hätte hier, an dem nahezu unbewohnten Landstreifen zwischen Rodstedt und Sodenmark, sicher seine helle Freude.

Und vielleicht fand ich mich deswegen recht schnell allein wieder, nachdem die Händlerkolonne innerhalb eines Dorfes Halt gemacht hatte und mir noch dankenswerterweise den Weg beschrieb. Mir standen einige kalte Nächte bevor und sicherlich würde ich sie mir nicht durch menschliche Gesellschaft zumindest ein wenig erwärmen können. Aber mein übliches Meckern half nun leider (mal wieder) nichts. Ich schlug in die Zügel und lief Yuki in einem schnellen Trab über die Wiesen und durch die Lichtungen der Wälder gleiten. Wir folgtem einem Weg, der nicht einmal durch Trampelpfade sichtbar war und sich nur durch meine eigene Orientierung offenbarte. Nach Sodenmark reist man für gewöhnlich per Schiff, aber das gestaltete sich von Rodstedt aus recht schwierig. Zumal ich auch ein wenig Zeit warten müsste, bis mein Brief endlich ankam und eine weitere, lange Reise auf dieser Welt beginnen würde. Hoffentlich.

Das klingt fast so, als ob ich auch daran zweifeln würde, nicht? Keine Sorge, wenn ich in eins Vertrauen lege – dann in meinen Orden.


Ich kam an einigen, schon vor langer Zeit abgebrannten Häusern vorbei, bevor ich endlich vor dem größten aller Ströme hier im Osten des Maunus stand. Rauschende Wassermassen krachten in weiter Ferne aus dem großen Bergmassiv hinaus in einen kleinen See und flossen anschließend schäumend die Hügellandschaft hinab gen Küste. Vereinzelt sprangen sogar kleine Fische immer wieder aus dem Wasser hinaus, nur um wieder vom reißenden weißblauen Gewässer geschluckt zu werden. Ich folgte diesem Strom, dem man anscheinend nicht einmal einen richtigen Namen gegeben hatte, flussabwärts – so wie es mir die Händler rieten. Irgendwo sollte eine Brücke stehen, zumindest hatte sie das einmal vor vielen Jahren. Wenn sie nicht schon völlig morsch geworden sein sollte, würde ich sie nutzen können, ansonsten stand ich hier vor einer natürlichen Barriere. Nur ein Schritt in diesen Fluss und es reißt die Beine davon. Nur die Glücklichen würden mit dem Kopf gegen einen Stein schlagen. Nur um nicht dem grausigen Tod des Ertrinkens erleiden zu müssen. Auch das hatten sie mir mit auf den Weg gegeben.

Deyn bewahre, diese Männer hatten wirklich allerlei Gruselgeschichten und Tragödien auf Lager. Trotzdem war es vermutlich besser, dass ich einfach nur schweigend zugehört habe. Mögen die anderen Menschen ihre Geschichte mit mir teilen, auf das ich eines Tages auch meine Geschichte teilen kann. Aktuell mag ich vielleicht nur eine Akteurin, nur eine kleine Figur, inmitten dieses großen und weltumfassenden Rätsels sein, aber das werde ich sicher nicht so belassen. Das hier wird mein Schicksal, mein Vermächtnis. Vielleicht klingt das alles zu hochtrabend? Selbst wenn, selbst wenn die Leute mir nicht glauben oder mich für abgehoben halten, schmälert das doch nicht die begangenen Taten und erfüllten Ziele. Neid und Missgunst regieren diese Welt schon lange mit. Statt nach oben zu blicken, werden nur die schwächeren Seelen noch weiter kleingesprochen. Was für eine verfluchte Farce.

Keine Tat wird unvergessen bleiben, das führt mir diese Reise einmal mehr vor Augen. Jede Entscheidung bringt ihre unmittelbaren und unverzeihlichen Konsequenzen, für die wir geradestehen müssen. Ich überlegte und haderte lange, wie ich Drevin Cray gegenübertreten wollte. Wie ich die benötigten Informationen aus ihm heraus bekäme, schließlich verstanden wir uns nie gut. Natürlich retteten wir uns irgendwie doch gegenseitig unsere Leben, aber reicht das für ein beiderseitiges Verständnis aus? Für mich zumindest nicht. Magie bleibt der Bruch dieser Welt, eine Befähigung, welche nur auszurotten und zu verbannen ist. Doch für ihn, dieses goldblonden bubenhaften Jungen war es vermutlich genau das Gegenteil.

Nach etwa einer weiteren Stunde kam ich endlich bei besagter Brücke an. Ihre großen pfählernen Holzstreben und die beiden in der Mitte errichteten Steinstützen schienen selbst bei dem großen Druck des fortwährend dagegenschmetternden Flusses noch halbwegs stabil. Gänzlich anders offenbarten sich mir aber die auf das Deck gelegten Planken, die nur noch einen löchrigen Flickenteppich ergaben. Schon von Weitem erkannte ich morsche Bretter, das durchgebrochene Geländer und die in zahlreichen Löchern brütenden Vögel. Möge Deyn uns beim Übertritt beschützen, denn es würde und wurde wahrlich kein Spaziergang werden. Ganz im Gegenteil.

Yuki erhielt noch eine großzügige Streicheleinheit, bevor ich mich von seinem Rücken herabschwang und die Zügel fest umgriff. Ich trat an den Anfang des Brettergebildes heran und holte noch einmal tief Luft. Nach längerem Hinsehen war ein, zumindest auf den ersten Blick, sicher ausschauender und mit einigen neueren Brettern geflickter Pfad erkennbar. Schritt für Schritt schob ich meine Füße über die Bretter. Zuerst testete ich mit meinem vorderen Bein, ob der Balken halten würde und zog erst danach meinen restlichen Körper hinterher.

Ich war noch keine fünf Schritte vorwärts gekommen, da tat sich unter mir ein erster armgroßer Riss in den Planken auf. Unter mir klatschte das Wasser gegen die hölzernen Stämme, nur um ihr das ganze Ausmaß seiner Kraft zu demonstrieren. Aus solcher Nähe wirkte der namenlose Fluss noch viel furchteinflößender- Seine enorme Geschwindigkeit riss alles mit, was nicht fest genug verankert war.

Meine Knie wurden weich und ich merkte, wie mein Blut langsam in meinen Adern gefror. Ein falscher Tritt und das würde es gewesen sein. Elendig ertrunken in einem Gewässer, das noch nicht mal einen Namen hat. Selbst wenn mir die Angst ins Gesicht geschrieben stand, gab es keine Möglichkeit zum Umkehren. Mit ausgestrrecktem Arm versuchte ich Yuki so lange wie möglich von diesem Gebilde fernzuhalten. Sein Gewicht würde im Gegensatz zu mir ein viel größeres Problem sein. Da war ich mir sicher.

Mit einem leichten Satz über das Loch kämpfte ich mir meinen Weg voran, langsam und stets prüfend, ob mein nächster Schritt nicht der Letzte sein könnte. Ich wagte kaum die Luft in meine Lungen einzuziehen, so sehr befürchtete ich hier an die falsche Stelle zu treten – oder gar das Gleichgewicht zu verlieren. Mein edles Streitross sah mir die in mein Gesicht geschriebe Angst sicher an, folgte mir aber dennoch willig. Seine beiden Vorderbeine betraten die wackelige Brücke. Ein lautes Knacken durchfuhr das Holz. Dennoch – sie hielt. Für den Moment. Jeder Schritt, den wir zusammen machten, ließ die einzige Überquerungsmöglichkeit über diesen Fluss erneut aufschreien. Die Holzbohlen gaben uns zu verstehen, dass wir zu schwer sind und hier nicht sein sollten. Gepaart mit dem unablässigen Rauschen des Wassers sorgte die eindrucksvolle Kulisse nicht gerade für Erleichterung bei mir. Meine Schneidezähne hatten sich vor Anspannung tief in meine Unterlippe eingebissen. Doch konnte ich mich nicht einmal um die einzelnen Tropfen meines eigenen Blutes kümmern, die mir einen eisernen Geschmack in den Mund legten. Vielleicht erinnerte aber genau dieser mich auch wieder daran, dass ich hier nicht scheitern durfte. Erst spreche ich von irgendeinem Vermächtnis und dann komme ich nicht mal über einen Fluss. Ohne Namen.

Ich setzte weitere Schritte nach vorn, das Quietschen der Holzbohlen machte es aber nicht unbedingt leichter. Ich hielt für einen Augenblick inne und holte tief Luft, bis ich erbärmlich zusammenzuckte. Ein lauter Knall fuhr mir durch Mark und Bein. Ich befürchtete das Schlimmste, was nur hätte passieren können und drehte mich panisch um.

Gesäumt von einem in der Ferne aufziehenden Gewitter und dessen Blitzschlag, blickte Yuki mich schnaubend an. Mein Herz raste und Schweiß lief mir über die Stirn. Jeder einzelne Herzschlag schien nur durch meine stählerne Brustplatte begrenzt zu werden. Ohne sie würde es mir wahrscheinlich vor Anspannung aus dem Leib fliegen. Meine Hand umklammerte seine Zügel so stark, wie noch nie zuvor. Deyn, Marina, warum tut ihr mir sowas nur an? Ich dachte, ich dachte .. viel. Dabei hatte ich keine Zeit um Denken.

Angespannt wandte ich mich wieder um und versuchte weiter über diese schaurige Brücke zu kommen. Es gelang mir, zwar mehr schlecht als recht, aber wir setzten unseren Weg fort. Nachdem wir gut drei Viertel der Streckte hinter uns gebracht hatten, wischte ich mir endlich das Blut an meiner Unterlippe mit meinem Ärmel weg. Ich vernahm Yukis ruhiges Schnauben weiter hinter mir und wagte den nächsten Schritt mit ihm nach vorn. Wir berührten das Holz und fuhren fort. Schritt um Schritt um Schritt um Schritt um Schritt.

Bis ein verzweifeltes und hochtöniges Wiehern durch die Luft hallte, gefolgt vom lauten Splittern eines zerbrechenden Brettes und dem wuchtigen Aufschlug des Pferdekörpers am Gebälk. Ich presste meine Kiefer aufeinander, zog die mir verbliebene Luft scharf ein und merkte wie die Zügel nach unten absackten, mir fast schon aus der Hand gezogen wurden. Erst als ich verstand, was passiert war, konnte ich die Situation richtig einschätzen: Ein Brett unter Yukis vorderem rechten Huf hatte nachgegeben, sein Bein rutschte durch die Bretter hindurch und hing frei in der Luft. Sein schwerer Körper war auf die Seite gefallen und wurde nur noch durch die verbliebenen Holzbalken gehalten. Es sah bedrohlich aus. Bedrohlich? Kritisch. Tödlich. Angsteinflößend und furchterregend. Das heranrauschende Gewitter machte die Situation auch nicht besser. Verdammt, Yuki. Ich musste handeln. Ihn retten. Das war ich ihm schuldig.

Ich spürte, wie mir vereinzelte Tränen die Wange herabliefen und ich mir die Wunde auf der Unterlippe nur wieder aufriss. Aber all das musste in diesem Moment egal sein – ich musste schnell und überlegt handeln. Seine mit einem tiefen und verzweifelten Blick gefüllten Augen starrten mich hilfesuchend an. Anfangs trat er noch wild um sich, versuchte sich aufzurichten, merkte aber bald, dass alles vergebens war. Er blieb ruhig – erstaunlich ruhig für ein Pferd – liegen und wartete fast schon geduldig.

Ich setzte meinen Entschluss meinen Begleiter zu retten. Dabei wussten wir beide aber, dass ich es nicht mit reiner Kraft schaffen konnte. Ich zog die beiden Seile von meinem Gurt ab und kletterte über mehrere Holzbohlen hinüber, um zu Yuki zu gelangen. An seinen linken Beinen machte ich die Seile fest und gab ihm eine kurzwährende Streicheleinheit. Es würde kein angenehmes Manöver werden, das wir mir bewusst. Und wir würden viel Glück brauchen. Nein, Sôlaner brauchen kein Glück. Wir benötigen einzig und allein Deyn Cadors Segen.

Mit dem anderen Ende beider Seile in der Hand stieß ich zum letzten Stützbalken vor und betrat erstmals selbst wieder den sicheren, schützenden Boden. Der Balken war tief in das Erdreich eingeschlagen und würde meiner Sache hoffentlich dienlich werden. Ich befestigte beide Seile am Holz, blickte zu Yuki und sprach ein schnelles Gebet.


Mein edler Krieger der Tugend,
führe mich und mein Ross wieder zusammen.
Lasse uns nicht auf Abwegen marschieren und der Gefahr allein ins Auge sehen.
Nur gemeinsam dienen wir deiner Sache.

Nur gemeinsam beschützen wir die Schützenswerten.
Führe uns wieder zusammen,
auf dass wir dein Bollwerk noch nicht heute betreten.
Lasse uns den Bewohnern Athalons noch ein wenig länger dienen.

Bis wir in deinem Reiche aufgehen.
Führe uns wieder zusammen,
damit wir in Verbundenheit deiner dienen dürfen.
Amen.


In all meiner Verzweiflung und Hektik fiel mir kein besseres Gebet ein, aber mein Glaube ist schließlich auch keine Sprachwissenschaft. Es bleibt das Wissen und der Dienst an Deyn Cador und seinen Heiligen. Möge mein Opfer ihrer Sache dienlich werden und für diesen Moment ein kleines Dargebot meine Verantwortung gegenüber Yuki stützen. Aus meiner Tasche zog ich mein kupfernes Kreuz mit dem mittig eingesetzten kleinen Smaragd heraus, blickte es ein letztes Mal an und warf es dann auf die Bretter vor Yuki. Klappernd kam es auf dem Boden auf, rutschte in eines der unzähligen Löcher, um dann nach zwei weiteren Aufprallen irgendwo zwischen den Hölzern zum Liegen zu kommen.

Mir ging nur noch ein Gedanke durch den Kopf, bevor ich den waghalsigen Plan ausführen wollte: "Bitte lass das funktionieren."
Ich fing an, an einem der Seile zu ziehen, bis Yuki merkte, dass auch er sich bewegen sollte. Seine Beine strampelten immer wieder mit kräftigen Schwüngen nach vorn und hinten. Keuchend wollte er sich aufrichten, blieb jedoch immer wieder zwischen den Holzbalken stecken. Jede seiner Bewegungen brachte ein lautstarkes, gefährliches Knarzen mit sich, bis ich den Aufschlag der ersten Bretter im Wasser vernahm. Murmelnd sprach ich mein Gebet mit, während ich immer weiter an den Seilen zog.

Bis die Brücke nachgab.

Alle Holzbohlen mitsamt des Geländers auf den vor mir liegenden Metern fielen krachend in die Tiefe. Und inmitten dieser Hölzer war mein geliebter Yuki. Mit einem knallenden, spritzenden Aufschlag verschwand er inmitten der Brückenteile im Wasser.

Die Seile blieben aber angespannt, hielten ihn irgendwo bei mir, wenngleich er so fern wirkte. Ich zog und zog. Die Worte meines Gebetes sagte ich wie ein Klosterkind unablässig hintereinander auf. Ich hatte panische Angst und mein Herz raste. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn und sorgte für rutschige Hände, doch durfte ich nicht aufgeben. Ich wusste, dass auch Yuki kämpfte. Damit wir vereint blieben. Mit Mikales Segen würden Krieger und Schlachtross verbunden bleiben. Ich vertraute. Ohne Yuki wäre mein Herz einmal mehr gebrochen und die Reise so unglaublich beschwerlich geworden. Das hier durfte nicht sein Ende sein, nein.

Schnaubend und keuchend zog ich unablässig. Zug um Zug. Niemals aufgebend.

Wer Glaube und Vertrauen hat, der siegt.

Nach einer Zeitspanne, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, die ich nur mit Bangen und Bedauern verbringen konnte, tauchten endlich zwei braune Ohren unter dem Wasser auf. Meine Anspannung erweckte ungeahnte Kräfte in mir und ich zog wie eine wilde Furie am Seil. Zug um Zug, Schritt um Schritt kam Yuki aus dem Wasser gekrochen, bevor er seinen Körper am Ufer niederlegte und mich schwer atmend anschaute.

Sofort eilte ich zu ihm, ignorierte die blutenden Wunden am Bauchbereich zunächst und begann an Hals und Brust zu drücken. Mit stetigen Stößen lief ihm Wasser aus dem breiten Pferdemaul, bis ein keuchendes Hüsteln seine Brust wieder schlagen ließ. Mikael hatte ihn wahrlich behütet, nein, gerettet. Ihm das Leben geschenkt. Ewig und unendlich bedankt sein du, Deyn Cador und deine Heiligen. Nur ihr macht solche Wunder möglich. Nur ihr rettet unser Dasein auf Athalon.

Ich löste die Seile und bewegte Yuki irgendwie dazu in den nahegelegenen Wald mit mir zu kommen, damit wir vor dem Gewitter Schutz suchen konnten. Nachdem ich ein wärmendes Feuer entzündet hatte, kümmerte ich mich um seine Wunden und legte mit meinem verbliebenen Verbandsmaterial und einigen Wildkräutern eine Bandage um seinen Bauch. Ihm ging es sichtlich schlecht. Er war fertig, um es deutlich zu sagen. Doch er lebte. Und das ist doch das, was am Ende wirklich zählt, nicht wahr?

Schon bald sollte die Nacht im Winde des stürmischen Gewitters über uns hereinbrechen und irgendwann würde ich nur noch auf sein leises Schnauben während des Schlafes achten. Ich blieb neben ihm liegen und beobachte ihn aufmerksam. Einerseits machte ich mir große Sorgen um ihn. Auf der anderen Seite, wusste ich doch auch, dass er es Schaffen würde. Musste.

Wir beide hatten schon viel Schlimmeres durchgemacht. Und selbst nachdem mir auch endlich die Augen zugefallen waren, erlebte ich in dieser Nacht keine Albträume. Vor mir lag nur das stetig rauschende Meer und das Kreischen der Seevögel. Fast schon, als würde mir heute Nacht eine ungewohnte Ruhe vergönnt sein. Ich nahm sie jedenfalls dankend an, wie sollte ich auch anders?

Als ich am nächsten Tag wieder zu mir kam, stand Yuki schon überraschend wohlbesonnen wieder neben mir und zog sich einige Äste und Früchte eines Brombeerbusches ab. Mit einem leichten Wiehern begrüßte er mich sogar. Anscheinend sind nicht nur wir Menschen hin und wieder überraschend resistent gegen alle Widrigkeiten. Ich ließ ihn noch ein wenig ruhen und fressen, bis ich mich auch ein wenig gestärkt hatte. Mit einem prüfenden Blick schaute er zu mir, gewährte dann aber doch recht schnell das Aufsatteln. Mit langsamen Schritten setzten wir unsere Reise gen Sodenmark fort.

Es sollte zwar noch einige Tage dauern, aber wir ließen das Maunus hinter uns und folgten dem fortwährend Ruf der Möwen entlang der Küste Weidtlands. Hier draußen gab es nicht viel Bemerkenswertes außer der ungebändigten Natur mit ihren zahllosen Wäldern. Je weiter wir auf der vor uns liegenden Landzunge kamen, desto mehr Dörfer und Siedlungen erhoben sich am Horizont und schon bald standen wir vor der Holzpalisade Sodenmarks. Geprägt von ihren Fischern und Holzfällern gab es auch in der Stadt nicht viel Sehenswertes außer dem beträchtlichen Hafen. Ich wollte keine Zeit verlieren und fragte mich daher vom Hafenmeister zum Vorsteher eines Handelshauses durch, um mir und Yuki einen Platz auf einem Schiff zu besorgen. Noch am selben Abend konnte ich für ein paar Münzen meine Überfahrt wahrnehmen und fand mich bald auf der "Sperrschrank" wieder, einem mittelgroßen Schoner unter weidtländischer Flagge. Ziel unserer Reise war die Hauptstadt der Kaiserlichen Monarchie Tasperin – Carviel.

Am Abend machte ich es mir mit den anderen übersetzenden Passagieren auf dem Vordeck gemütlich, während Yuki angeleint am Hauptmast auf ein wenig Stroh gebettet wurde. Wie mir erzählt wurde, brachte das Schiff vor allem Gebrauchsgüter aus Weidtland nach Carviel und nahm allerlei Luxuswaren für die hohen weidtländischen Herren wieder mit zurück. Die Passagiere seien ein guter Nebenverdienst, um zumindest die Gehälter der Besatzung decken zu können. Als die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden war, forderten mich die Kinder einer übersetzenden Familie auf ein paar Geschichten zu erzählen. Ich musste zwar ablehnen, konnte sie aber immerhin mit meinem Klarinettenspiel bei Laune halten.

Ich hörte zwar direkt, wie die Klarinettenblätter ein wenig verzogen waren, aber für diesen Abend sollte es reichen. Reparieren konnte ich es ohnehin nicht selbst, dafür war ich handwerklich zu ungeschickt. Vielleicht würde sich in der großen Stadt ja ein Geschäft finden, das mir diesen Dienst abnehmen könnte? Wenn nicht in Carviel, wo dann, hm?

Nach einigen weiteren Plauschereien ging ich zu Bett, nur um irgendwann von der Sonne wieder geweckt zu werden. Anstelle der Stadt erkannte ich in der Ferne ein ganz besonderes Gebilde am Horizont – das ewige Leuchtfeuer des Heiligen Revan. Die Revaniter hatten es einst errichtet, um den Schiffen den Weg zur tasperinischen Hauptstadt vorbei an den beiden schroffen Inseln zu weisen. Mittlerweile übernahmen Seekarten diese Aufgabe weitestgehend, doch wurde das Leuchtfeuer weiterhin jeden Abend entzündet. Es hatte seine funktionale Rolle vielleicht verloren, diente jetzt aber weiterhin als Heilige Stätte des Heiligen Revan. Seinem Antlitz wurde dort oben in einer feuergebundenen Zeremonie tagein, tagaus, gedacht. Die massiven Steinpfeiler und die beeindruckende Architektur mögen zwar mittlerweile in die Jahre gekommen sein, doch boten sie immernoch einem jeden Neuankömmling in Carviel einen imposanten Anblick. Und nicht zuletzt zeigt der Leuchtturm auch heute noch an, dass das Ziel bald erreicht ist.

Dank Marinas zuverlässigen Winden konnten wir wenige Stunden später an der Bastion des Westens entlangsegeln und in die Königsbucht einfahren. Nachdem die Taue am Hafenkai festgemacht waren, verließ ich das Schiff und betrat tasperinischen Boden.

Schon vom Hafen aus fällt es stets leicht sich in der Stadt zu orientieren. Der im Süden befindliche Felsen des Herrschers mit Tasperins Kaiserfeste erhebt sich hoch über der Stadt und bietet vermutlich ein einzigartiges Panorama auf eine der größten Siedlungen der bekannten Welt. Wo, wenn nicht hier versammeln sich so viele tatkräftige Menschen? Weiter im Norden erhoben sich die beiden Spitztürme der Silvanischen Kathedrale am Hügel des Herrn. Ich würde später noch dahin aufbrechen und ein Gebet sprechen, aber für den Moment hatte ich noch ein paar andere Erledigungen im Sinne. Über die großen und verdreckten Straßen am Hafen kam ich an den langen Geschäfts- und Ladenzeilen vorbei, in denen allerlei Spezialitäten angeboten werden. Hier, im Herzen Tasperins, werden Produkte aus aller Welt feilgeboten – oft zu unverschämten Preisen, aber nur hier bekommt man die exotischen Früchte des Südens, ebenso wie die feinen kalifatischen Gewürze oder Hölzer aus den Unbekannten Landen. Man muss nur stets aufpassen nicht den durch die Stadt preschenden Marktkarren in den Weg zu kommen, um wüste Beleidigungen von den Fahrern zu ernten. Nicht, dass mir solche Dinge passiert wären.

Nachdem ich allerlei Wohnviertel und die drei großen Schmiedehöfe der Stadt hinter mir gelassen hatte, lag der Markthügel vor mir. Einer der Händler vom "Sperrschrank" sagte mir, dass ich hier alles bekomme, wonach es mir gelüstet. So fremd mir die endlose Befriedung meiner Wünsche auch sein mag, benötigte ich doch noch ein paar Sachen, die das Leben zumindest ein wenig einfacher gestalten. Ich schritt an den zahlreichen Wachleuten am Eingang vorbei, die mir argwöhnische Blicke zuwarfen, mich aber passieren ließen. Hinter ihren kleinen Wachhütten angekommen, baute sich der trubelige Markt mit seinen unzähligen Ständen und Marktschreiern auf. Unverständliche, aber sicher konkurrierende Schreie hallten über den prallgefüllten Markt und priesen die neuesten und besten Waren aus aller Welt an. Massen an Besuchern schoben sich durch die engen Gänge und Gassen, immer auf der Suche nach dem besten Geschäft. Ich schluckte. Dies war wirklich kein Ort für mich. Menschenmassen und Enge werfen immer ein gewisses Unbehagen in mir auf, aber was nützt es schon?

Ich reihte mich in die Menschengruppen ein und wurde mit dem Fluss des Lebens mitgerissen. Links bäumten sich duftende Gerüchte und einzigartige Anblicke, rechts betörende Farben und lautes Geschrei auf. Ich war, gelinde gesagt, ein wenig überfordert. Auch Yuki war die ganze Sache nicht geheuer.

Bevor ich mich wirklich orientieren oder gar stehen bleiben und irgendeine Ware betrachten konnte, war ich bereits am westlichen Ende des Markthügels angekommen. Vor mir baute sich ein großes, mehrstöckiges Gebäude mit einem markanten Kuppelturm an seiner Ecke auf. Ich hatte schon einmal von diesem Gebäude gehört, wie konnte ich auch nicht? Es ist schließlich die unheiligste und mir unheimlichste aller Heiligen Stätten – die große Markthalle des Marcos.

Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie man eine Markthalle zu einer Heiligen Stätte ernennen kann. Aber auch das ist eine Entscheidung, die nicht ich zu treffen habe. Ich betrat das imposante Gebäude durch eine der großen Portaltüren und fand mich im ersten Ring des Gebäudes wieder. Auch hier war es zwar voll und allerlei Waren wurden feilgeboten, aber immerhin war die Lautstärke und Atmosphäre deutlich ruhiger. Die wildgewordenen Massen vor der Tür waren mir wirklich keineswegs lieb. Ich sah mich eine ganze Weile bei den großen Kaufmannshäusern um, nur um festzustellen, dass ich hier nicht fündig werden würde. Ebenso hatte ich im zweiten Ring kein großes Glück und vor allem nicht einmal die Fähigkeit die abgehobenen Preise zu begleichen. Wer auch immer hier seine Einkäufe erledigt, muss sich wahrlich keine Sorgen mehr um sein finanzielles Leben machen.

Kopfschüttelnd betrat ich den Innenhof und seinen dritten Ring. Die sanfte Atmosphäre und Ruhe der hier befindlichen Stände traf schon eher meinen Geschmack. Ich zog eine ganze Weile durch die Ansammlung aus Hütten und langen, mit Gütern vollgepackten, Tischen bis ich zum Halt kam. An einigen Ständen kaufte ich bei den Marktdamen nicht nur neue Vorräte und Verbände sondern auch zwei neue Hemden und eine neue Lederhose. Sie würden mir zwar vielleicht nicht perfekt passen, aber für meine Reise brauchte ich deutlich mehr frische Kleidung. Es bietet sich als Ordensritterin nicht gerade an, wie ein gesühltes Schwein zu riechen. Zu guter Letzt erwarb ich noch einen großen roten Umhang, den ich mir sogleich zufrieden um die Rüstung legte.

Nach meinem kleinen Einkauf ließ ich auch den dritten Ring hinter mir und trat an den großen Eisenzaun im Herzen der Markthalle heran. Geschützt von diebischen Fingern lag im Zentrum der Schrein der Marcos. Nicht weit entfernt von mir versuchten einige Glücksuchende die Münzen auf die Statue zu werfen. Das Klimpern der einzelnen abprallenden Münzen hallte jedes Mal leise durch die Luft und so wussten sie bei jedem Wurf aufs Neue, wie wenig Erfolg sie doch hatten.

Am Ende des Tages ist aber jede Heilige Stätte eine Heilige Stätte. Und Marcos bleibt einer der Zwölf Heiligen. Was würde es schon schaden, es nicht wenigstens einmal zu versuchen? Und so nahm ich einen Silberling und ließ ihn ebenso an der Statue abprallen und irgendwo im Gras liegen bleiben. Deyn vergelts.

Für die nächsten zwei Nächte mietete ich mich in einer Taverne ein und ließ Yuki in einem größeren Stall umsorgen. Seine Wunden schienen zwar nicht mehr allzu schlimm, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Währenddessen begann ich meinen nächsten Tag damit die Kathedrale der Silvanischen Kirche aufzusuchen. Die hohen Türme waren bereits von Weitem ersichtlich und auch der Sitz des Kirchenrates der Silvanischen Kirche war nicht weit. Bedacht betrat ich die eindrucksvolle und in bestem Zustand gehaltene Kirche. Ihre riesigen Steinpfeiler wurden nur durch die noch markanteren Bogenbauten unterbrochen. Selbst in den Bänken waren kleine Schnitzereien eingebracht, die die Verse der Heiligen Schrift wiedergaben und die zahlreichen Darstellungen des Jakobus in den bunten Glasfenstern ergänzten. Ich war beeindruckt und eingenommen von der Herrlichkeit des Gebäudes. Sogar so stark, dass ich mich lächelnd auf eine der Bänke niederließ und zuerst die Bauweise genießen wollte. Erst nach einer Weile nahm ich mein Holzkreuz fest in die Hand und fing an ein langes Gebet zu sprechen.


Allmächtiger Deyn Cador
ich bete dieses Gebet in der Kraft deines großen allwissenden Daseins!

Mit der Unterstützung all deiner Heiliger, weise zurück und erkläre für unwirksam:
alle Unreinheit, Streit, Hader und Ärger, Zorn, Mord, Verdammnis, Stolz, Neid, Missgunst, jede Lüge und alle Furcht.
Verbanne mit deiner Kraft alle Magie und alle Schergen des Skrettjah.

Mit der Unterstützung all deiner Heiliger, verwerfe alle Schande, die gegen mich ausgesprochen wurde. Nimm auch diejenigen in dein Reiche auf, die diese Schande begangen und befürwortet haben,
denn du bist der Herr ewiger und gänzlicher Güte.

Mit der Unterstützung all deiner Heiliger, vernichte jede falsche Kraft, Hexerei, Zauberei und falsche Zungen, die gegen dich und deine Jünger agieren und
werfe sie wieder zurück in die Fänge des Fegefeuers.

Lass mich mit gezogener Klinge,
hier auf dieser Welt für dich streiten und deine Herrlichkeit verbreiten,
bis auch der letzte Ungläubige von deiner Macht überzeugt ist.

Dank deines großen Geschenks des Lebens werde ich dir dienen,
und bis zum Ende deine Kunde verbreiten,
um dir und deinen Heiligen denselben Dienst zu erweisen,
den ihr mir erbracht habt.

Mit deiner Führung und der Unterstützung deiner Heiliger werde ich diesen Tag überstehen.
Trotz all der Widrigkeiten und all des chaotischen Daseins dieser Welt.

Mit deiner Hilfe werde ich gegen die Schergen des Chaos in die Schlacht treten,
und allseits siegreich und schillernd hervorgehen,
um die deinen Jünger zu schützen und die Worte Deyn Cadors
aufleben zu lassen.

Ich und mein Leben gehören gänzlich dir, Deyn Cador,
bis wir in deinem Himmelsreiche aufgehen und
mit Stolz auf unsere Taten zurückblicken mögen.

Mit der Unterstützung all deiner Heiliger, und deinem fabelhaften Licht
werden wir die Ordnung obsiegen lassen und das Chaos
in all seine Schranken verweisen, damit das Licht
die Dunkelheit für immer in den Abgrund stößt.

Solange du an meiner Seite stehst, Deyn Cador,
werde ich leben und blühen,
werde ich beständig und unbestechlich bleiben,
werden die Ordnung das Licht dank deiner Güte bestehen.

Großer Deyn Cador, ich bete für dich,
und deine herrliche Güte.

Steh an meiner Seite und lass mich auch in dunkelster Stunde nicht fallen,
damit wir am Ende siegreich hervorgehen und
deine Jünger das Leid des Mannsweibes nie wieder leiden müssen.

Ich weiß mein Zeugnis und mein Dienst wirksam und vollmächtig sind,
denn dank dir, wird mich nichts aufhalten.

Amen.


Zufrieden und ein wenig befreit richtete ich mich wieder auf. Carviel war eine große Stadt, in der man vielerlei Dinge unternehmen konnte. Aber mir war nach all dem nicht wirklich zumute. Ich stockte nur meine Vorräte auf und kaufe ein wenig mehr Papier, da mir die freien Zeilen in diesem Buche bald ausgehen sollten. Und selbst, wenn niemand dieses Buch jemals lesen wird, bleibt es eine Erinnerung für mich. Und eines Tages auch an mich. Ich drehte meine Runden durch die Stadt und versuchte die neuesten Gerüchte aufzufassen. Zumindest ein paar Nachrichten über die aktuellen Geschehnisse auf der Welt aufzuschnappen. Obwohl sich diese Welt in rasender Geschwindigkeit weiterbewegt, sind ausgesprochen wenig relevante Dinge passiert. Die Hochzeiten des Adels oder das letzte Kleid der Kaisergattin? Wer interessiert sich schon für solchen Klatsch. Ich bin wahrlich keine richtige Frau, hm? Nicht, dass es mich noch in irgendeiner Weise stört.

Als ich am Abend wieder zu meiner Taverne spazierte, kam mir eine Heerschar aus Arbeitern entgegen. Auf ihren Wägen befanden sich allerlei Fässer und Dekorationen, fast wie bei den Feiertagen auf Neu Corethon. Erst als ich einen der Arbeiter freundlich fragte, worauf sie sich vorbereiteten, wurde mir klar welches Datum wir hatten – Morgen wäre bereits das Kronjubiläum. Manch einer sagt, dass es der Feiertag schlechthin ist. Kaiser Cadorians Krönung würde gefeiert werden und die Straßen werden noch voller sein, als sie es am heutigen Tag ohnehin schon waren. Das wollte ich mir dann doch irgendwie nicht entgehen lassen.

Meine Tavernengespräche für diesen Abend waren recht inhaltlos, deswegen will ich an dieser Stelle direkt mit der Feier fortfahren. In der Vergangenheit habe ich selbst schon das ein oder andere Fest organisiert oder zumindest zu einem gewissen Teil daran mitgewirkt. Selbst zu den Feierlichkeiten für die großen deynistischen Festen durch die Sorridianische Kirche in meiner Heimat durfte ich beiwohnen, dennoch .. das alles wird durch die schiere Größe und die unglaublichen Bemühungen dieses Tages in den Schatten gestellt. Dabei ist er nicht einmal zu Ehren Deyn Cadors, nein, sondern es wird die Krönung eines einzelnen Menschen gefeiert. So weit sind der Gottkönig und der tasperinische Kaiser dann doch nicht voneinander entfernt, hm?

Als ich am Morgen nach meinem Mahl die Taverne verließ, hatten die Arbeiter über Nacht schon ganze Arbeit geleistet. Bunte Fahnen, Girlanden und Leuchten waren über alle großen Straßen verteilt aufgestellt. Aus den Fenstern der einzelnen Häuser hatten die Menschen die eigene Fahne gehängt, sodass die Stadt in ein blau-weißes Farbfest eingetaucht wurde. Wären mir nicht von klein auf an beigebracht worden, dass es sich hier auch um unseren Erzfeind handelt, wäre es kurz gesagt nur ein herrlicher Tag geworden. Aber irgendwie fühlte es sich falsch an, ebenfalls zu feiern. Das hier ist weder mein Land, noch mein Kaiser. Mit Nichts von all dem war ich je verbunden. Mit Nichts hier bin ich verbunden. Und so zog ich es vor als stille Beiwohnerin zu beobachten.

Ich schlenderte gen Markthügel, wo die Händler ihre Stände über Nacht noch ein wenig aufgeräumt haben mussten. Selbst in den Seitenstraßen säumten mit allerlei Leckereien gefüllte Tische die Bereiche vor den Gebäuden. Anscheinend hatten sich sogar die Hausfrauen die Mühe gemacht und jegliche Spezialitäten aus ihrer Heimat zubereitet, nur um selbst noch ein paar Münzen einzustecken und gleichzeitig auch ein wenig Freude zu verbreiten. Ich wollte wenigstens diese Möglichkeit nutzen und kaufte mir ein paar Stücke des getrockneten Stagfarer Störs, welcher angeblich direkt aus dem Morgenstrom gefischt worden sein soll. Zum Fisch gab es gar noch ein paar Wolfshalmer Hefegebäcke, sodass ich für diesen Tag ausreichend eingedeckt war. Die Damen berichteten mir auch, dass die große Parade vom Hafen zur Bastion des Westens ziehen würde, wo die Soldaten – nach einer kleine Aufführung – den Kaiser höchstpersönlich durch die Stadt geleiten würden.

So machte ich mich mit meinem Trockenfisch und dem Hefegebäck auf zum Hafen, wo ich auf eine Gruppe Sôlaner traf! Nach einem kurzen Austausch von Nettigkeiten erzählten sie mir freimütig über ihren Dienstort Carviel und die letzten Feierlichkeiten. Auch sie wollten sich die, wohl lohnenswerte, Parade ansehen und gleichzeitig überwachen, dass der Kodex des Sôlerben eingehalten wird. Vor einigen Jahren hätten es sich einige Magier angemaßt ihre Kräfte zu Vorführungszwecken zu nutzen. Was für die abgehärteten Städter im Rahmen dieser Feierlichkeit wohl noch faszinierend anzusehen war, verursachte wenig später bei einem ganzen Wachbataillon schwere Kopfschmerzen. Ich wollte mich zwar nicht unbedingt in derlei Belange einmischen, nahm aber das Angebot an, gemeinsam mit ihnen als Zuschauer teilzunehmen.

Nachdem wir uns etwa eine Stunde unterhalten hatten, ertönten die Fanfaren und ließen ein lautstarkes musikalisches Orchester folgen. Reihenweise adrett gekleideter Trompeten- und Trommelspieler marschierten in ihren Uniformen an uns vorbei. Ihre militärischen Marschhymnen sollten den Schritttakt der nachfolgenden Soldaten vorgeben.

Zunächst kamen die Reiter des Tasperinischen Heeres auf ihren Leändrischen Rössern um die Ecke gebogen. Ihre prächtige Gardeuniform blitzte nahezu in der vom Himmel strahlenden Sonne auf und ließ einen eindrucksvollen Anblick zu. Anschließend kamen die in schneeweiße Uniformen gehüllten und auf den seltenen Herzländer Edelblütern sitzenden Offiziere der Marine und des Heeres. Die vermutlich allesamt aus Adelshäusern stammenden Herrschaften hatten eine ganz eigene, fast schon anmutig begleitende Atmosphäre. Die Zuschauerränge brachen immer wieder in großem Applaus für "ihre Helden". Aus. Selbst als die einfachen Mannschaften und Veteranen an uns vorbeischritten, wollte der Zuspruch der Tasperiner nicht ablassen, ganz im Gegenteil.

Während wir warteten und den Reihen an Soldaten auf ihrem Weg zur Bastion hinterherschauten, floss um uns herum der Alkohol bereits in Strömen. Findige Wirte und ihre Bedienungen kassierten direkt an Ort und Stelle ab, nur um wenig später die Humpen gefüllt mit den beliebtesten tasperinischen Biersorten heranzubringen. Kleine wie große Zuschauer genossen sichtlich die Darstellung der Stärke ihres Landes, und nicht zuletzt damit auch die Machtdemonstration vor dem größten Widersacher – Sorridia.

Obwohl der Anblick derlei Freude schon ein wenig erleichternd war, verlagerte ich bald mit meinen neugefundenen Sôlanern meine Position wieder zurück zum Markthügel. Durch die Menschenmengen drang das Gerücht, dass Kaiser Cadorian I. eine Ansprache halten wolle, auch zu uns vor. Mühselig schoben wir uns daher klimpernd an den trinkenden, lachenden und feiernden Menschen vorbei. Erst nachdem wir auf die hinterliegenden Seitenstraßen ausgewichen waren, kamen wir halbwegs gut voran. Doch selbst hier versperrten die überall abgestellten und mit Vorräten vollgestopften Karren die Wege, sodass hin und wieder ein kleines Klettermanöver gefordert war.

Nichtsdestotrotz sollten wir unser Ziel irgendwann erreichen, nur um von der größten Menschenansammlung aufgehalten zu werden, die ich je gesehen hatte. Selbst die riesigen, aufeinanderprallenden Heerscharen im Kreuzzug waren kleine Gruppen im Vergleich mit der am Markt versammelten Menge. Egal, wie sehr wir und später nur noch ich, nachdem ich die anderen Sôlaner verloren hatte, es versuchten – es gab kein Durchkommen. In der Ferne erkannte ich zwar, wie eine leuchtende Kutsche heranrollte und sich schemenhafte Gestalten auf ein Podest stellten. Doch war nichts zu erkennen, und schon gar nichts zu hören. Durch die freudig rufende Masse gingen alle Worte der Rede völlig unter. Sie wurden einfach von der Lautstärke geschluckt. Dennoch, egal was auch immer dort vorn gesagt wurde, schien den Menschen dienlich gewesen zu sein. Laut schrien sie aus und hoben ihre Becher, warfen Blumen in die Luft oder hielten sogar ihre Kinder hoch. Wenn das mal kein Nationalstolz war...

Ich quetschte mich anschließend irgendwie wieder durch die Menschenmenge und kehrte wieder in meine Taverne zurück. Überraschenderweise war auch diese bis auf den letzten Platz gefüllt, sodass ich mich direkt in mein Zimmer zurückzog. Ich studierte noch ein wenig mein Gebetsbuch und stärkte mich mit ein paar Stücken des getrockneten Störs, bis der Abend über der immer noch feiernden Stadt hereinbrach.

Die Zeit auf Reisen vergeht wirklich wie im Flug, vor einer Woche war ich noch in Weidtland und habe um Yukis Überleben gekämpft. Und jetzt sitze ich hier während der größten Feier, die ich je mitbekommen habe, in meinem Zimmer und nasche an Trockenfisch herum. Ich hoffe bald nicht mehr allein sein zu müssen, denn die wirklich anspruchsvollen Abschnitte und schwierigen Ziele kommen erst noch. Ich werde Morgen früh in Richtung Silvarhof aufbrechen, um von dort aus weiter nach Weissenstein zu ziehen.

Drevin mag vielleicht ein unausstehlicher Zeitgenosse sein, aber ich wünsche ihm dennoch nichts Schlechtes. Vielleicht hat er seinen Platz ja endlich gefunden? Wir werden es bald sehen.

Für den Augenblick werde ich schlafen. Ich habe da so ein Gefühl, dass es vorerst die letzte Nacht ohne Albträume sein wird.

[Bild: giphy.gif]

"Nicer Cock, Schussi" - Christian, 06.12.2019
"Big Booty - Big Breasts - Brigitte Best - Buff Brigitte!"

No Waifu, no Laifu! Hitagi best girl, team onodera
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